Neue Kommunikationsformen - Interview
Planet Wissen (PW): Welche der neuen Kommunikationsformen nutzen Sie?
Constanze Kurz (C.K.): Ich benutze sehr viele Kommunikationsformen zu verschiedenen Zwecken. Das Mobiltelefon hat enorm an Bedeutung gewonnen, weil man mit dem heute wesentlich mehr Sachen machen kann. Ich kann mit meinem Telefon zum Beispiel nicht nur SMS schreiben, sondern auch "Chatten": Der Chat ist das derzeit wichtigste Medium für mich, weil ich damit auch Links und Programme verschicken kann. Neben dem Telefon ist natürlich der PC für mich sehr wichtig - vor allem um längere Texte, Mails und Programme auszutauschen.
PW: Chatten, Bloggen, Twitter, Facebook sind allesamt Kunstwörter und stammen aus dem Englischen. Warum gibt es für die neuen Kommunikationsformen keine deutschen Wörter?
C.K.: Die englischen Wörter verdanken wir den PR-Leuten, die lange nur auf Englisch gesetzt haben. In den letzten zehn Jahren war es in der Werbung hip, für alles ein englisches Wort zu finden. Und dann hängt das natürlich mit unserer kulturellen Ausrichtung zusammen. Wir schauen nach Amerika, saugen die Trends dort auf: Zudem kommen die großen IT-Giganten - "Microsoft", "Apple", "Google" und "Facebook" - alle aus Amerika und zu guter Letzt: Das Internet ist ja auch eine amerikanische Erfindung.
PW: Gibt es ein Computer-Kunstwort, das Sie besonders mögen?
C.K.: Ich muss immer über das Wort "gruscheln" lachen. Das ist ein vollkommenes Kunstwort und klingt unglaublich blöd. Das Wort hat sich die Internetplattform "studiVZ" ausgedacht, um zu sagen, dass sich jemand mit jemand anderem anfreundet. Immerhin, sie haben versucht, ein deutsches Wort zu finden. Andere nennen das "liken", "frienden" oder ähnlich.
PW: "Liken, frienden" - viele Eltern und Großeltern können mit dieser Sprache nichts anfangen. Ist das Absicht?
C.K.: Mit der Sprache grenzt man sich natürlich auch ab. In der technischen Community - Gemeinschaft - ist es aber nun einfach üblich, sich mit dem Fachbegriff anzusprechen und was teilweise noch viel schlimmer ist, Akronyme - also Kurzwörter - zu verwenden. Ein schönes Beispiel ist die "PCMCiA-Karte am SD-Slot". Ich finde, das klingt schräg und um diesen Begriff zu verstehen, braucht man fast schon ein halbes Informatikstudium.
In der Regel wollen sich die Leute aber nicht abgrenzen, wenn sie diese Begriffe benutzen. Die Wörter gehören zu ihrem Alltag und vereinfachen zumindest unter Gleichgesinnten die Verständigung. Ich würde das deshalb nicht so negativ sehen, und ich kann anders. Wenn ich im Bundestag mit jemandem rede, fahre ich schon automatisch den Modus, dass ich den Fachbegriffen sofort die Erklärung hinterherschicke und einen Nebensatz einfüge, mit dem, was es ist. Also wenn ich jetzt "Skype" sage, würde ich sofort hinterherschicken: Das ist Internettelefonie. Das ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen.
PW: Benutzen Sie "Facebook", oder sind Sie in einem vergleichbaren sozialen Netzwerk unterwegs?
C.K.: Ich selbst habe keine "Facebook"-Seite. Ich sehe für mich darin keinen Nutzen, denn wir haben uns beim "Chaos Computer Club" ein eigenes soziales Netzwerk aufgebaut. Ich kann aber die Leute verstehen, die von "Facebook" begeistert sind. Die sozialen Kontakte aus dem realen Leben - also alle Freunde, Bekannten und Kollegen - auch virtuell zusammenzubringen, hat durchaus seinen Reiz.
PW: Für wen sind die sozialen Netzwerke interessant?
C.K.: Die sozialen Netzwerke sind für alle Altersgruppen interessant. Bei den Jüngeren ist es zum Beispiel so, dass sie die normale Kommunikation, die sie bereits auf dem Schulhof hatten, nahtlos nach der Schule über Chatprogramme oder Netzwerke wie "schülerVZ" fortsetzen. Da wird dann auch schon einmal gerne über den neuen süßen Typ in der 8b gesprochen. Aber wir beobachten auch, dass immer mehr Senioren die sozialen Netzwerke für sich entdecken.
PW: Welche gesellschaftlichen Bedeutungen haben inzwischen die sozialen Netzwerke?
C.K.: Die sozialen Netzwerke haben inzwischen eine enorme Bedeutung. Allein in Deutschland sind dort täglich mehr Menschen unterwegs und eingeloggt, als die SPD Wähler hat. Wenn man bedenkt, das zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung am Rechner sitzt und dass fast in jedem Kinderzimmer ein PC steht, erahnt man das wirtschaftliche Potenzial, das in den sozialen Netzwerken steckt.
PW: Bei "schülerVZ", einem Netzwerk, das ausschließlich von Jugendlichen ab zwölf Jahren genutzt wird, tauchten schon Nazi- und Pornoseiten auf. Viele Eltern fordern deshalb den Einsatz von Filterprogrammen, die die jugendgefährdenden Seiten automatisch sperren. Was halten Sie von dieser Idee?
C.K.: Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, so einen absolutistischen und diktatorischen Ansatz zu fahren und zu sagen, das Schmutzige und Böse im Internet muss sofort gesperrt und entfernt werden. Man sollte nicht immer sofort die große Keule herausholen und rufen: verbieten, verbieten! Tabus und Verbote reizen ja auch immer. Wir waren als Jugendliche auch nicht anders, genauso die Generationen davor. Ich finde, man sollte die Intelligenz der Jugendlichen nutzen und auf den Plattformen Meldestellen einrichten. Das wird ja auch bereits getan. Allerdings sollte man dann darauf drängen, dass die Anbieter schnell reagieren - und zwar gemäß dem Strafgesetzbuch und nicht gemäß ihren Wünschen.
Ich bin gegen eine automatisierte Kontrolle, aber für eine menschliche. Das eigentliche Problem ist auch ein ganz anderes. Wir sollten uns fragen, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, dass ein großer Verlag wie "Holzbrinck" bewusst Kinder ködert und ihre Daten sammelt. Das ist das Geschäftsmodell und der einzige Sinn von "schülerVZ", denn keine Firma betreibt ein soziales Netzwerk umsonst und aus Nächstenliebe. "Google", "Facebook" - alle wollen Geld verdienen. Ihre Dienste bezahlt jeder mit seinen Daten.
PW: Wie werden die Daten ausgewertet?
C.K.: Was mit den Daten gemacht wird, ist sehr schwer zu durchschauen - vor allem für Eltern und Kinder. Ich rate auf jeden Fall jedem, sich die AGBs und Datenschutzerklärungen genau durchzulesen. Aber wer macht das schon? Und vor allem werden die ja auch ständig geändert. Die technische Auswertung der Daten funktioniert bei "schülerVZ" genauso wie bei Erwachsenennetzwerken wie "Facebook". Es gibt dafür eigens entwickelte Programme. Sie filtern aus den Datensätzen all jene Informationen, die für Werbekunden interessant sein könnten. Im Blickpunkt stehen dabei vor allem: das Alter, das Klickverhalten und die persönlichen Vorlieben.
PW: Was raten Sie den Anwendern? Finger weg von sozialen Netzwerken?
C.K.: Nein, es gibt durchaus Alternativen. Ich kenne eine Reihe von Netzwerken, die wirtschaftlich unabhängig sind und keine kommerziellen Interessen verfolgen. Problematisch wird es nur immer dann, wenn sich Monopolisten bilden, wie bei "Google" und "Facebook", zu denen dann jeder hin will. Speziell bei "Facebook" gibt es zudem das Problem, dass die Standard-Einstellungen, die der Nutzer bei seiner Erstanmeldung vorfindet, nicht sehr datenschutzfreundlich sind. Alle privaten Informationen sind zunächst freigeschaltet und für jeden im Internet einsehbar. Erst wenn man ins Menü geht und Dutzende Häkchen wegklickt, ist die Seite geschützt.
Ein Ausstieg aus "Facebook" ist gar nicht so leicht. Man muss erst einmal den Link finden, um sich wieder abzumelden. Und dann gibt es noch die Frage: Sind die Bilder und Informationen, die ich bei "Facebook" reingestellt habe, nach meiner Abmeldung tatsächlich auch gelöscht oder liegen sie weiter auf dem Server? Ich rate deshalb davon ab, sich in sozialen Netzwerken unter seinem tatsächlichen Namen anzumelden, außer man nutzt sie beruflich. Außerdem sollte man sparsam mit seinen Daten umgehen und sich genau überlegen, was man ins Netz stellt.
PW: Nutzen Sie den Kurznachrichtendienst "Twitter"?
C.K.: Ja. Der Chaos Computer Club hat auch einen eigenen "Twitter". Ich finde, das ist ein gutes Werkzeug zur Informationsverbreitung, weil es von sehr vielen Menschen gelesen wird. Meine eigenen "Twitter" sind allerdings auf wenige Leute beschränkt, die ich alle persönlich kenne. Ich bin nicht so ein Mensch, der gern in die Welt pustet, was er gerade macht. Ich möchte einfach nicht, dass Fremde meinen Privatquatsch lesen. Ob ich zum Beispiel gerade im Stau stehe oder mein Auto kaputtgegangen ist. Das möchte ich meinen Freunden vorbehalten.
PW: "Twitter" funktioniert ja nach dem Prinzip des Kettenbriefes. In kurzer Zeit kann man dadurch sehr viele Menschen erreichen und mobilisieren. Viele Iraner nutzten nach der strittigen Präsidentschaftswahl 2009 "Twitter", um gegen den vermeintlichen Sieger Mahmud Ahmadinedschad zu demonstrieren. Die Medien prägten den Begriff "Twitter-Revolution". Wie beurteilen Sie das Ereignis?
C.K.: Leider wurde über diese sogenannte "Twitter-Revolution" immer nur sehr einseitig berichtet. Die Technik hatte nämlich auch ihre Schattenseiten. Die Menschen, die über "YouTube" und "Twitter" die Weltöffentlichkeit informiert haben, konnten über diese Medien - also über Mobiltelefone und Computeranschlüsse - später auch sehr gut identifiziert werden und wurden reihenweise verhaftet. Einige von ihnen wurden sogar hingerichtet. Unter den politischen Aktivisten spricht sich so etwas schnell herum. Jeder weiß im Iran jetzt, dass die Technik diese Gefahr birgt, dass die Telefone und das Internet überwacht werden. Zwar noch nicht in Echtzeit, aber das kann sich beim nächsten Mal ja schon geändert haben. Dann dauert es keinen Tag mehr, bis das Regime die Leute von der Straße geholt hat. Und das passiert alles mit einer Technik, die deutsche Firmen dem Iran geliefert und installiert haben. Ich glaube, dass diese sogenannte "Twitter-Revolution" deshalb eine einmalige Aktion war.
PW: Kommunizieren Sie auch über Blogs?
C.K.: Natürlich lese ich auch die großen Blogs, wie "netzpolitk.org" und "spreeblick.com". Viel interessanter finde ich aber die kleinen "special interest blogs", also die Seiten, die sich nur einem ganz spezifischen Thema widmen. Die haben meistens auch sehr gut informierte Leser und sehr interessante Kommentare. Die Zahl dieser Blogs wächst stetig.
PW: Es gibt immer mehr Blogs, "Twitter" boomt und "Facebook" meldet fast täglich neue Mitgliederrekorde. Alle zusammen produzieren zusammen eine Datenflut, die steigt und steigt? Wie gehen Sie damit um?
C.K.: Man kann natürlich nicht alles lesen. Ich selbst habe mir Filtertechniken angeeignet, mit denen ich die Inhalte sortiere. Denn es gibt Themen, die sind mir einfach wichtig. Es passiert dann auch schon einmal, dass ich sonntags die Füße hochlege und in der Woche aufgelaufene Nachrichten nachlese. Ich habe nicht den Zwang, alles sofort zu lesen. Was aber viele Menschen wollen. Sie wollen die Informationen immer gleich haben. Ich kann durchaus warten, bis die Gelegenheit günstig ist und ich mal wieder Zeit und Muße habe. Ich handhabe es wie bei einer Zeitung und spare mir die guten Artikel oft fürs Wochenende auf.
Interview: Michael Ringelsiep, Stand vom 17.06.2010








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