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Berlin Hauptbahnhof im Realitäts-Check

Bahnhofsneubauten nach dem Zweiten Weltkrieg waren oft Warteräume der Tristesse: viel Beton, wenig Inspiration - architektonische Hausmannskost eben. Der neue Berliner Hauptbahnhof knüpft dagegen in Anspruch und Dimension an die repräsentativen Bahnhofsbauten der Gründerzeit an. Er ist einer der meistfrequentierten Bahnhöfe Deutschlands. Aber was halten die Fahrgäste und die Menschen, die dort arbeiten, von dem Bau? Planet Wissen hat nachgefragt.

Der neue Berliner Hauptbahnhof: Ein tunnelartiges Glasdach wird von zwei hohen Glasbauten gekreuzt. (Rechte: DB AG / Henkelmann)

Der Hauptbahnhof von der gegenüberliegenden Spreeseite aus

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Ziemlich glamourös kommt Janina Jonietz ihr allmorgendlicher Weg zur Arbeit manchmal vor. Am Eingangsportal tanzen zwischen Hunderten von Glasscheiben die ersten Sonnenstrahlen, und auf der weit schwingenden Freitreppe zum ersten Stock muss sie nur kurz nach oben schauen, um zu sehen, wie sich die stromlinienförmige Schnauze eines ICE fast geräuschlos auf den Weg Richtung Westen macht.

Janina Jonietz muss ganz nach hinten durch - vorbei an der Frau vom Blumenladen, die um acht Uhr morgens gerade ihre Sträuße rausstellt, und auch vorbei am Kaffeeladen von Starbucks, wo die ersten Kunden anstehen. Der Arbeitsplatz von Janina Jonietz liegt so versteckt, dass kaum ein Reisender ihn von alleine findet - und trotzdem wird sie oft schon erwartet. "Das sind dann Leute, die ihren Fahrschein verloren haben und ihr ganzes Geld. Die hatten ja manchmal schon seit Mitternacht Zeit, uns hier zu suchen." Janina Jonietz schließt die große Glastür auf und gibt den Leuten erstmal Brot und Tee - "Notversorgung, so nennen wir das hier bei der Bahnhofsmission." Und dann schaut man, wie es weitergehen soll.

Porträtbild einer lächelnden Frau mittleren Alters mit kurzen blonden Haaren. (Rechte: Kerstin Hilt)

Janina Jonietz im Raum der Bahnhofsmission

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"Notversorgung" morgens um acht

Ein paar Mal im Monat arbeitet Janina Jonietz auch am "Zoo", dem berühmt-berüchtigten Elendsbahnhof im Westen von Berlin. Dort ist die Bahnhofsmission rund um die Uhr besetzt - hier nur für zehn Stunden, von acht bis 18 Uhr. "Am Zoo kümmern wir uns oft um 800 Leute am Tag - da haben wir ja auch eine Essensausgabe." Viermal täglich, die letzte um Mitternacht, bevor die Obdachlosen langsam schlafen gehen.

Die Arbeit am Hauptbahnhof nennt Janina Jonietz dagegen - nachdem sie lange nach einer möglichst diplomatischen Formulierung gesucht hat - "ziemlich anders." Zumindest könne man sagen, dass der Ansturm deutlich geringer sei. Ist ja auch kein Wunder: Hier am Hauptbahnhof liegt das Regierungsviertel vor der Tür, das Gebäude selbst glänzt und glitzert wie ein exquisites Shoppingcenter - Elendsquartiere sehen anders aus. "Da kümmern wir uns eben mehr um die eigentlich Reisenden." Aber damit die die Bahnhofsmission überhaupt finden, klagt Janina Jonietz, fehlt es an ausreichend großen Hinweisschildern. Will der Bahnhof etwa seine Bahnhofsmission verstecken?

Ein Mann im Taucheranzug steigt in die Spree; im Hintergrund der Hauptbahnhof. (Rechte: DB AG / Schmid)

Beim Bau waren auch Taucher im Einsatz

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Der Großbahnhof als Businessproblem

"Nein, ganz und gar nicht", versichert Bahnhofschefin Julia Theurkauf, eine adrette Mittvierzigerin im blauen Businessanzug. "Die Arbeit der Bahnhofsmission ist uns sehr wichtig." Noch wichtiger scheint ihr allerdings der betriebswirtschaftliche Aspekt des Bahnhofs zu sein: Stolz sei sie zum Beispiel, dass in allen drei Zwischengeschossen Läden "mit hochwertigen Shopping-Angeboten" der Bahn ansehnliche Mieteinnahmen bescheren. Schließlich muss sich ein Bahnhof für seinen Betreiber auch rechnen - und dieser hier war mit fast einer Milliarde Euro Baukosten vor allem eins: sagenhaft teuer. Viel war damals vor der Eröffnung im Mai 2006 von Verschwendung, viel von Fehlkalkulation die Rede. Julia Theurkauf spricht lieber über die zahlreichen Rekorde, die der Bahnhof aufgestellt hat: Größter Kreuzungsbahnhof Europas ist er zum Beispiel. "Früher musste sich ja der gesamte Berliner Bahnverkehr über die Ost-West-Achse quälen. Seit wir zusätzlich die neu gebaute Nord-Süd-Trasse haben, ist das alles viel unproblematischer." Für die sind direkt unter dem Hauptbahnhof zwei gigantische Tunnelröhren in den sandigen Berliner Boden und durch das Bett der Spree getrieben worden - verschalt mit etwa so viel Beton, wie man für 65 Kilometer Autobahn benötigt.

Innenansicht des Hauptbahnhofs: im Untergeschoss ein Zug, zwischen den einzelnen Geschossen überfüllte Rolltreppen und eine gläserne Aufzugsröhre. (Rechte: DB AG/Reiche)

Bahnhof oder Shoppingcenter? Der Bau von innen

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Bahnhof der Superlative - aber schwer zu bändigen

Eine weitere Besonderheit ist das Glasdach der Ost-West-Achse. Keine seiner 9117 Scheiben gleicht der anderen: Weil die Bahnsteige in einer Kurve liegen, musste damals beim Bau jede einzeln geformt werden - ein Glaspalast in High-Tech-Ausführung. Und der Blick von den oberen Gleisen hinunter zum Tiefgeschoss, schwärmt Julia Theurkauf, sei "jedes Mal wieder atemberaubend". Dazwischen: insgesamt 80 Geschäfte und Restaurants auf drei Stockwerken, verbunden durch insgesamt 54 Rolltreppen und sechs voll verglaste Panoramaaufzüge. "Das hier ist ein Bahnhof der kurzen Wege - trotz der beeindruckenden Größe", meint Bahnhofschefin Theurkauf.

13.01 Uhr, Gleis 12. Gleich sollen hier zwei junge Mütter aus Göttingen ankommen, die auf den kurzen Wegen des Hauptbahnhofs hinunter ins Tiefgeschoss müssen - zum Anschlusszug an die Ostsee. Erwartet werden sie von Karl, Zivildienstleistender der Bahnhofsmission. Bei ihm hatten sie sich kurz vor Beginn der Reise gemeldet und um Hilfe beim Umsteigen gebeten: drei quengelnde Kleinkinder, zwei Kinderwagen, viel Gepäck, da kann man Unterstützung gut gebrauchen.

Zwei junge Frauen mit Gepäck und Kinderwagen am Bahnsteig, zwischen beiden ein junger Mann mit der blauen Weste der Bahnhofsmission. (Rechte: Kerstin Hilt)

Zivi Karl hilft beim Umsteigen

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Karl sieht dem Ganzen eher entspannt entgegen - und das, obwohl der Zug 40 Minuten Verspätung hat. "Umso besser", meint er. "Bei der ursprünglichen Verbindung hätten sie nur acht Minuten Zeit zum Umsteigen gehabt, das wäre ganz schön knapp geworden." Kaum sind die beiden mit ihren Kindern ausgestiegen, ist klar, wieso: Auf den Aufzug müssen sie geschlagene dreieinhalb Minuten warten. Und wenn man mit so viel unhandlichem Gepäck unterwegs ist, ist die Rolltreppe keine wirkliche Alternative.

Im Aufzug muss Karl den beiden Frauen dann erklären, dass sie nun nicht einmal bis nach ganz unten zu ihrem Anschlusszug durchfahren können - dafür müssen sie erst im Zwischengeschoss noch einmal den Aufzug wechseln. "Und das in acht Minuten? Da hätte ich die Krise gekriegt!" Überhaupt finden die beiden den Hauptbahnhof ziemlich unübersichtlich. Die Anzeigetafeln zu klein, die einzelnen Gleise schwer zu finden, selbst nach einer Uhr müsse man sich lange umschauen. Fahrgastfreundlichkeit? In der Hinsicht gleicht der Bahnhofsgigant bisweilen einem Riesenbaby.

Eine junge Dame hinter einem Schalter blickt zu einem Fahrgast auf, hinter ihr Maik Weidlich. (Rechte: Kerstin Hilt)

Service-Teamchef Weidlich mit einer Mitarbeiterin

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Schlips und Sternenhimmel

Maik Weidlich würde so etwas gar nicht gerne hören, schließlich ist er als einer von drei Service-Teamchefs für die Fahrgastbetreuung auf dem Bahnhof mitverantwortlich. Er und seine beiden Kollegen haben mehr als 60 Mitarbeiter unter sich - "die bewerben sich aus ganz Deutschland hierher." Kritik an seinem Hauptbahnhof kontert Maik Weidlich freundlich, aber bestimmt. "Wir bemühen uns schon ziemlich, den Leuten zu helfen. Gerade hier, wo alles ein bisschen größer ist." Bei massiven Zugverspätungen zum Beispiel zieht er durchaus mal einige Mitarbeiter von den zwei Service-Points an den Eingängen ab, um sie zum Bahnsteig zu schicken. "Da helfen die dann, wenn's um neue Anschlusszüge geht, oder reichen was zu trinken."

Ein Service, den man von der Bahn nicht unbedingt kennt. Aber am Hauptbahnhof in Berlin ist eben alles ein bisschen anders - was für Maik Weidlich durchaus auch heißen kann: ein bisschen förmlicher. "Die Uniformen schaue ich mir jeden Morgen ziemlich genau an bei meinen Mitarbeitern." Bei den Männern ist Krawatte Pflicht - selbst bei größter Sommerhitze. Auch Flip-Flops und Sandalen sind tabu.

Hauptbahnhof von der anderen Spreeseite gesehen - hell erleuchtet, im Hintergrund Abendrot. (Rechte: DB AG/Henkelmann)

Bahnhof der Superlative

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Tagsüber ist Maik Weidlich ziemlich viel im Bahnhof unterwegs - schaut, ob irgendwo ein Mülleimer überquillt, springt ein, wenn sich an einem Service-Point eine allzu lange Schlange gebildet hat, oder hilft alten Damen, die verloren durch den Bahnhof irren. Am liebsten aber hat er die Nachtschichten. Irgendwann so gegen halb drei Uhr morgens, wenn der letzte ICE Berlin erreicht hat, kommt dann der Bahnhof für kurze Zeit zur Ruhe. Zeit, um die Schränke hinterm Schalter mit neuen Prospekten aufzufüllen - oder um einfach mal nach oben zu schauen: durch das Glasdach direkt in den Berliner Sternenhimmel. Der Hauptbahnhof ist dann so still und andächtig wie eine mittelalterliche Kathedrale. Bis um halb vier der erste Reinigungswagen seinen Dienst aufnimmt.

Kerstin Hilt, Stand vom 03.05.2012
Sendung: Die Eisenbahn - Glorreiche Vergangenheit, fragliche Zukunft? , 08.05.2012

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