Politiker als Erfinder
Welcher deutsche Politiker hat während des Ersten Weltkrieges ein Patent vom englischen König bekommen? Und wofür bekam er es ?
Der Gesuchte ist kein geringerer als - Konrad Adenauer! Der erste deutsche Bundeskanzler betätigte sich sehr eifrig als Erfinder. Zu seinem Leidwesen hatte er dabei aber weit weniger Erfolg als in der Politik. Eines seiner Patente allerdings wurde Adenauer tatsächlich vom englischen König Georg V. verliehen: am 26. Juni 1918, also noch vor Ende des Ersten Weltkrieges, und zwar für die Wurst "mit Friedensgeschmack", wie sie damals genannt wurde! Das war eine Sojawurst, die nur geringe Spurenelemente von Fleisch enthielt. Heute wäre sie vielleicht ein Kassenschlager geworden, damals stieß die fleischlose Wurst beim Kaiserlichen Patentamt auf Ablehnung. Produziert werden darf Adenauers "Friedenswurst" hierzulande immer noch nicht. Denn ihre Rezeptur lässt sich mit dem bundesdeutschen Lebensmittelgesetz nicht vereinbaren.
Mehr Erfolg hatte Konrad Adenauer mit seinem "Rheinischen Schrotbrot". Er hatte es kurz vor der Sojawurst entwickelt, ebenfalls um die Hungersnot während der Kriegsjahre zu mildern. Zum größten Teil besteht dieses Brot aus rumänischem Maismehl, hinzu kommen Gerste, Reismehl und Kleie - eine günstige und nahrhafte Alternative. Trotzdem dauerte es wieder eine Weile, bis der Kölner Politiker sein "Erfinderrecht" bekam, das Patent vom Kaiserlichen Patentamt. Am 2. Mai 1915 war es soweit. Darauf folgte ein Patent aus Ungarn und auch die Niederlande patentierten diese Rezeptur 1917. Die internationale Anerkennung wurde jedoch getrübt durch wahres Erfinderpech: Kurz vor der ersten gewerblichen Produktion des "Rheinischen Schrotbrotes" trat Rumänien in den Krieg gegen Deutschland ein. Die günstigen Maisquellen versiegten und das Brot geriet in Vergessenheit - bis in den 80er Jahren in Rhöndorf, Adenauers Wohnort, ein Film über den früheren Kanzler gedreht wurde. Da fing eine traditionsreiche Rhöndorfer Bäckerei an, nach Konrad Adenauers Rezept das Schrotbrot zu backen - und sie backt es noch heute.
Das kreative Schaffen Adenauers lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Die Sojawurst und das Schrotbrot stammen aus der zweiten Phase. Adenauer war zur Zeit des Ersten Weltkrieges Erster Beigeordneter beziehungsweise ab 1916 Oberbürgermeister der Stadt Köln. Er war für die Versorgung der Hunger leidenden Bevölkerung zuständig. Dementsprechend haben seine bekanntesten Erfindungen aus dieser Zeit etwas mit Nahrung zu tun.
Die erste Erfinderphase ging ungefähr von 1902 bis 1909. Konrad Adenauer stammte aus bescheidenen Verhältnissen, und finanziell ging es dem Jungakademiker gar nicht gut. Deshalb hoffte er, mit seinen Erfindungen viel Geld zu verdienen. Leider waren seine Bemühungen erfolglos.
Die letzte Phase setzte 1933 ein, als die Nationalsozialisten ihn aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister entfernten und bis 1945 quasi in die Zwangspensionierung schickten.In seiner Rhöndorfer Abgeschiedenheit erfand Adenauer allerlei skurrile Dinge, die vornehmlich mit seinen Alltagstätigkeiten zu tun hatten. Dazu zählen ein von innen beleuchteter Toaster, ein leuchtendes Stopfei, eine Gartenharke mit einem Steinzerklopfer. Für den Straßenverkehr entwickelte er eine "Vorrichtung zur Verhinderung von Zugluft in mit geöffnetem Fenster fahrenden Auto" und eine "Blendschutzbrille für Autofahrer und Fußgänger". Als begeisterter Gärtner ärgerte er sich über Schädlinge, wollte aber keine Pestizide einsetzen. Deshalb baute er einen "elektrischen Insektentöter": Dieser sieht aus wie ein großer breiter Pinsel. Wenn man die Borsten in eine Lauge taucht, das Gerät an Strom anschließt und dann damit über die Baumrinde streicht, sterben die darunter sitzenden Schädlinge durch Stromschlag. In Serie gegangen ist diese Erfindung allerdings auch nicht. Die Stromstöße würden nicht nur die Schädlinge unter der Rinde töten, sondern die Bäume und nicht zuletzt den Anwender auch erheblich gefährden, befand das Gutachten.
Ulrike Vosberg, Stand vom 01.06.2009
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