Interview mit Sprengmeister Helmut Roller
Planet Wissen (PW): Herr Roller, wie wird man Sprengmeister?
Helmut Roller (H.R.): Sprengmeister ist kein Ausbildungsberuf wie Schreiner oder Bäcker. Wer die Sprengbefähigung erlangen will, hat einen ziemlich langen Weg vor sich. Ich wollte eigentlich mal etwas ganz anderes machen. Ich wollte keine Gebäude zerstören, sondern Hochöfen bauen. Deshalb habe ich Eisenhüttenwesen studiert. Bei meiner Arbeit bin ich dann mit Abrissarbeiten in Berührung gekommen. Da waren auch Sprengungen dabei.
Zuerst habe ich als Assistent bei Sprengungen geholfen. Und das war für meinen späteren Weg ganz wichtig. Denn wer selber sprengen möchte, muss bei mindestens 50 Sprengungen assistiert haben oder aber zwei Jahre lang bei einem Sprengmeister gearbeitet haben. Und es gibt noch andere Voraussetzungen, die man erfüllen muss, um die Sprengbefähigung zu erhalten: Man muss mindestens 18 Jahre alt sein, man braucht ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und man muss im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein. Nur dann darf man eine zweiwöchige Schulung besuchen, in der man alles lernt, was man braucht. Am Ende muss man eine theoretische und eine praktische Prüfung ablegen. Die Sprengberechtigung können sich die frisch gebackenen Sprengmeister dann im Amt für Arbeitsschutz abholen.
PW: Darf man nach diesem zweiwöchigen Lehrgang wirklich alle Sprengungen vornehmen, die es gibt?
H.R.: Um Gottes Willen! Nein, natürlich nicht. Wie schon gesagt, man braucht einen langen Atem, um die großen und spektakulären Sprengungen durchführen zu dürfen. Nach dem ersten Lehrgang hat man nur die Berechtigung, ganz einfache Sprengungen vorzunehmen. Für alle Bereiche, in denen es etwas schwieriger werden könnte, braucht man wieder einen speziellen Sprengberechtigungsschein. Zum Beispiel um Bauwerkssprengungen vorzunehmen, oder Untertagesprengungen oder Eissprengungen. Selbst ich - und ich habe über 30 Jahre Sprengerfahrung - darf nicht alles machen. Bei einer Lawinensprengung müsste ich zum Beispiel einen anderen Kollegen bitten. Aber glücklicherweise gibt es im Bergischen Land auch nicht so viel Schnee, dass das nötig wäre.
PW: Wann haben Sie denn zum ersten Mal den roten Knopf bei einer Sprengung gedrückt?
H.R.: Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Aber dieser Moment wird auch überschätzt. Das eigentlich Interessante an der Sprengarbeit ist ja nicht nur die Explosion, sondern auch die ganze Vorbereitung. Ich liebe die Arbeit als Sprengmeister, weil man sich für jedes Problem eine neue Lösung ausdenken muss. Jedes Wohnhaus, jede Brücke und jeder Turm ist anders konstruiert - und man muss bei der Sprengung immer die Ideallösung finden. Manchmal ist vielleicht genug Platz, um das Gebäude durch die Sprengung einfach zum Kippen zu bringen. Manchmal steht das Objekt aber auch in der Mitte einer belebten Straße und man muss dafür sorgen, dass es praktisch auf der Grundfläche in sich zusammensackt. Daran sieht man schon: Die Arbeit als Sprengmeister stellt einen jeden Tag vor neue Herausforderungen.
PW: Ist Ihr Beruf eigentlich gefährlicher als andere Berufe?
H.R.: Nein. Natürlich sollte man nie vergessen, welche Kräfte in dem Sprengstoff schlummern. Aber das tun Sprengmeister sowieso nicht. Schließlich wissen wir am besten, wie gefährlich die Substanzen sein können. In der Praxis kommt es unter den Bauarbeitern auf einer Abrissbaustelle aber viel häufiger zu Unfällen als unter Sprengberechtigten. Denn die Sprengberechtigten stemmen keine Gesteinsbrocken oder hantieren mit schwersten Maschinen. Stattdessen verlegen wir ganz ruhig und mit Bedacht unsere Sprengkörper und schauen der Explosion dann aus einer sicheren Entfernung zu.
Überhaupt sind die Sicherheitsbestimmungen für Sprengmeister sehr, sehr streng. Zum Beispiel dürfen wir in einem Umkreis von 25 Metern vom Sprengstoff entfernt nicht rauchen. Theoretisch könnte man aber eine Zigarette in unserem Sprengstoff ausdrücken und es würde nichts passieren. Denn der Sprengstoff ist handhabungssicher und explodiert wirklich nur in Verbindung mit einem Zünder.
PW: Eine Sprengung ist ja immer eine besondere Angelegenheit. Was machen Sie denn eine halbe Stunde, bevor es wirklich losgeht?
H.R.: Die halbe Stunde vor der Sprengung ist tatsächlich immer sehr aufregend. Gerade bei den großen Sprengungen kommen ja unheimlich viele Zuschauer. Dann ist es schon peinlich, wenn etwas nicht klappt. Verletzungsgefahr für die Schaulustigen besteht natürlich nie. Aber wenn aus irgendeinem Grund der Zünder nicht funktioniert und die Sprengung nicht ausgelöst wird, muss man schon mit Häme rechnen. Die Presse ist dann auch immer sehr schnell dabei, solche Missgeschicke zu verbreiten.
Ich versuche, eine halbe Stunde vor der Sprengung vor allem Ruhe auszustrahlen und die eigene Nervosität zu verbergen. Alle Vorbereitungen sind zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen und man wartet nur noch auf den Ton des Signalhorns. Es ist unheimlich wichtig, dass die Anwesenden in dieser Phase spüren, dass ich die Situation unter Kontrolle habe und nichts passieren kann. Schließlich will man den Menschen keine Angst machen.
PW: Sie sind seit über 30 Jahren im Geschäft. Unterliegt der Beruf des Sprengmeisters einem Wandel?
H.R.: Ja, auf jeden Fall. Im Laufe meiner Karriere sind neue Sprengstoffe und neue Zünder entwickelt worden. Vor 30 Jahren dachte man bei einem Sprengmeister noch an einen einfachen Arbeiter, der mit einem Rucksack voll Sprengstoff zur Baustelle kommt und seine Arbeit erledigt. Heute beschäftigen sich die Universitäten mehr und mehr mit der Sprengtechnik. Das wirkt sich natürlich auch auf die Praxis aus. Außerdem hat die Bedeutung von Umwelt- und Nachbarschaftsschutz in den Jahren immer mehr zugenommen. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass Sprengungen in einem bewohnten Gebiet vorgenommen werden, ohne dass vorher penibel die Erschütterungen errechnet werden. Das war damals nicht so.
PW: Neue Sprengstoffe? Welche neuen Entwicklungen gibt es denn auf dem Markt?
H.R.: Bei der Sprengung in Steinbrüchen hat es in den letzten zehn Jahren eine interessante Entwicklung gegeben. Hier haben sich Sprengstoffe durchgesetzt, die erst vor Ort gemischt werden. Der Sprengstoffmischer kommt also mit den einzelnen Substanzen zum Steinbruch und macht sich erst hier an die Arbeit. Er füllt die einzelnen Komponenten direkt in die Sprenglöcher ein und sorgt so - durch die Vermischung der Chemikalien - für ihre Explosivkraft. Dieses Verfahren ist viel billiger als die Verwendung herkömmlicher Sprengstoffe und ist außerdem sehr sicher. Schließlich kann der Sprengstoff seine Explosivkraft erst im Steinbruch selbst entfalten. Denn vor ihrer Mischung sind die Substanzen völlig ungefährlich.
Interview: Marietta Arellano, Stand vom 16.11.2006









