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Insel Reichenau

Es gibt wohl kaum jemanden in Süddeutschland, der nicht schon einmal Gemüse von der Insel Reichenau in seinen Kochtopf geschnibbelt hat. Über 16.000 Tonnen Kraut und Rüben werden pro Jahr auf der Insel geerntet. Ein klarer Standortvorteil für die Reichenauer Gemüsebauern ist das milde Bodensee-Klima, das beste Bedingungen für den Anbau bietet. Und wohl einzigartig auf der Welt ist die ungewöhnliche Art und Weise, mit der das Reichenauer Gemüse seit einigen Jahren beworben wird: mit dem Prädikat: "Unesco-Weltkulturerbe"!

Luftbildaufnahme der Insel Reichenau im Bodensee. Gut zu erkennen sind die zahlreichen Felder und Gewächshäuser auf der Insel. (Rechte: picture-alliance / Axel Häsler)

"Gemüseinsel" Reichenau

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Weltkulturerbe-Potenzial

"Weltkulturerbe-Salat" ist möglich, seitdem die Unesco beschlossen hat, nicht nur einzelne Bauwerke, sondern auch umliegende Landschaften und regional verwurzelte Sitten und Gebräuche - also ganze Kulturlandschaften - mit ins Programm aufzunehmen. Eine echte Chance für die Reichenau, die zusammen mit dem Gartenreich Dessau-Wörlitz im Jahr 2000 das Rennen um den Weltkulturerbe Status machte. Kulturhistorisch betrachtet hat die Insel im Bodensee - auch wenn das auf den ersten Blick zunächst gar nicht auffallen mag - außergewöhnlich Hochkarätiges zu bieten! Vor mehr als 1200 Jahren war das noch anders: Damals erschien alles auf der Reichenau wesentlich weniger lieblich als heute. Statt Salatköpfen war dort Urwald zu finden mit vielen Bäumen und dornigem Gestrüpp. Im düsteren Dickicht soll sich sogar jede Menge giftiges Getier aufgehalten haben: Schlangen und Gewürm!

Steinernes Denkmal für den irischen Wandermönch Pirminius. (Rechte: mauritius images)

Denkmal für St. Pirmin

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Wandermönch Pirminius sorgt für Ordnung

Mit den wüsten Verhältnissen war Schluss, als der irische Wandermönch Pirminius, mit der Absicht, im Fränkischen Reich den christlichen Glauben zu verkünden, im 8. Jahrhundert die Insel betrat. Der Legende nach entsprang an der Stelle, die Pirmin zum ersten Mal mit seinem Fuß berührte, eine Quelle und dann setzte eine regelrechte Massenflucht ein: Drei Tage lang floh sämtliches Ungetier von der Insel und stürzte sich in die Fluten des Bodensees. Danach sorgte Pirminius dafür, dass das Insel-Urwalddickicht in eine zivilisierte Form gestutzt wurde und gründete im Jahr 724 auf der Reichenau ein Benediktinerkloster. Der Grundstein für eine atemberaubende kulturelle Entwicklung auf der Insel war gelegt.

Alte Schwarzweißaufnahme der ehemaligen Benediktinerabtei (724 gegründet), heute das Münster St. Maria und Marcus in Mittelzell auf der Reichenau. (Rechte: akg-images)

Die ehemalige Benediktinerabtei

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Entwicklung zum geistig-kulturellen Zentrum

Innerhalb von drei Jahrhunderten entwickelte sich auf der Reichenau dann fast so etwas wie ein sakrales Ballungszentrum. Eine Klosterherrschaft, die sich über die ganze Insel erstreckte. Bis zu 20 Kirchen befanden sich zur Blütezeit auf der nur vier Kilometer langen und 1,5 Meter breiten Insel. Dazu kamen noch diverse Verwaltungsbauten. Dazwischen weite, unbebaute Flächen, die für den Ackerbau genutzt wurden. Bedeutende Persönlichkeiten wohnten in den Klosteranlagen: politische, naturwissenschaftliche und künstlerische Größen. Schulen wurden gegründet, um das wertvolle Wissen weiterzugeben. Über die Grenzen berühmt wurde die Reichenauer Malschule, deren Buchillustratoren wahre Meisterwerke schufen. Im Zeitraum vom 8. bis zum 11. Jahrhundert war die Reichenau das wichtigste geistig-kulturelle Zentrum des Heiligen Römischen Reiches.

Zwei Benediktiner-Mönche stehen auf der Bodenseeinsel Reichenau vor Tomatenstöcken. (Rechte: picture-alliance / dpa)

Es gibt wieder "echte Mönche" auf der Reichenau

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Die Insel Reichenau heute

Nach und nach ging die große einflussreiche Zeit des Reichenauer Klosterlebens zu Ende. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Kloster aufgelöst, 1803 verließen die letzten Mönche die Insel. Heute befinden sich - als standhafte Zeugen einer großen Zeit - noch drei romanische Kirchen auf der Insel Reichenau. Die Klosterkirche St. Maria und Markus in Reichenau-Mittelzell (mit einem geschichtsträchtigen Klostergarten - ihn beschrieb der berühmte Abt und Dichter Walahfrid Strabo im 9. Jahrhundert in seinem botanischen Werk "Hortulus"), St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell und St. Georg in Reichenau-Oberzell. Seit die Reichenau Unesco-Weltkulturerbe ist, kann man - in unmittelbarer Nähe zu den drei über die Insel verteilten Kirchen - jeweils einen kleinen Museumsbau besuchen. Dort besteht die Möglichkeit sich ausgiebig zu informieren, bevor man sich in das eigentliche imposante kulturhistorische Bauwerk begibt. Den Wandermönch Pirminius - heute im allgemeinen Sprachgebrauch "Pirmin" genannt - kann man als Statue aus Muschelkalk am "Bruckgraben" - am Eingang der Insel - bewundern. Und seit 2001 gibt es sogar wieder drei "echte Mönche" auf der Reichenau. Die Cella S.Benedikt wurde 2004 offiziell als abhängiges Haus der Erzabtei S.Martin zu Beuron errichtet.

Susanne Decker, Stand vom 20.05.2010
Sendung: Der Bodensee - Vom Riesengletscher zum Naturparadies, 20.05.2010

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