Der Nil
Leben an und mit dem Nil
Heute leben über 80 Millionen Ägypter am Nil - der größte Teil im Mündungsdelta. Hier, etwa 25 Kilometer nördlich von Kairo, spaltet sich der mächtigste Fluss Afrikas in viele kleine Flüsse und zwei Hauptmündungsarme auf. Danach erreicht er endlich das Mittelmeer. Das Nildelta ist eine der bekanntesten Flussmündungen überhaupt. Die riesige Fläche von 24.000 Quadratkilometern erinnert an ein gleichschenkliges Dreieck. Ähnlich dem vierten Buchstaben des griechischen Alphabets, Delta Δ, dem es vermutlich seinen Namen zu verdanken hat. Diese Gegend ist die fruchtbarste entlang des gesamten Nilufers. Wobei der griechische Historiker Herodot 430 vor Christus das ganze ägyptische Land als ein Geschenk des Nils bezeichnete. Und tatsächlich ist Ägypten eine riesige Wüste, in der einzig der Nil Leben unter diesen extremen Bedingungen gedeihen lässt.
Nilschwemme und Bewässerung (3'17'')
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Drastischer Klimawandel
Das Extremklima entstand, weil vor etwa 7000 Jahren die feuchten Gebiete im Westen durch einen drastischen Klimawandel austrockneten. Nur am Ufer und im Delta konnten sich die Menschen niederlassen. Mit dem mineralhaltigen Schlamm, den die Nilflut vom äthiopischen Hochland bringt, düngten sie die kargen Felder. Sie verwandelten sie in fruchtbaren Ackerboden, auf dem Getreide, Obst und Gemüse angepflanzt werden konnten. Auch Viehhaltung war am Nilufer möglich. Dabei wurden die Tiere, wie zum Beispiel Rinder, ebenfalls eingesetzt, um Wasserpumpen anzutreiben. Die Menschen lebten nicht nur am Nil - sie lebten mit dem Nil. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Fluss auch Einzug in die ägyptische Mythologie gehalten hat. So wurde zum Beispiel der Fruchtbarkeitsgott Hapi verehrt, denn er hielt das Nilwasser in Bewegung. Damit sorgte er dafür, dass die Felder rechtzeitig überschwemmt wurden. Danach konnten die Bauern mit der Aussaat beginnen.
Die Suche nach dem Ursprung
Den Ursprung des Nils verlegten die Menschen ebenfalls ins Reich der Mythen. Sie nahmen an, er entspringe dem Urozean Nun, in den er sich nach der Flut wieder zurückziehe. Erst im neuzeitlichen Europa wollte man es genauer wissen. Obwohl der afrikanische Kontinent im 19. Jahrhundert schon so gut wie erschlossen war, gab es noch keine Gewissheit über den Ursprung und tatsächlichen Verlauf des Nils. Was für die Kolonialmächte - allen voran England - ein Prestigeanliegen war, war nicht zuletzt auch wirtschaftlich von großem Interesse. Afrikaforscher waren damals die Helden ihrer Zeit. Auf den Titelblättern der Zeitungen erzählten diese Männer von ihren Abenteuern auf dem Schwarzen Kontinent. Die renommiertesten von ihnen machten sich auf die Suche, das Rätsel um die Nilquellen zu lösen. Enorme Anstrengungen nahmen sie auf sich und manche ließen dabei auch ihr Leben, so wie der englische Missionar und Afrikaforscher David Livingstone.
Nassers Pyramide
Nachdem der Mensch dem riesigen Strom sein letztes Geheimnis entlockt hatte, machte er sich daran, dessen Flutgewalten zu bändigen. Die Bevölkerungszahl war mittlerweile stetig gestiegen. Um den Bedarf an Lebensmitteln zu decken, mussten die landwirtschaftlichen Erträge gesteigert werden. Auch der Weltmarkt schätzte immer mehr die Produkte aus Ägypten, besonders Baumwolle - eine der ältesten Kulturpflanzen des Landes. Nur eine Ernte im Jahr konnte diese Mengen nicht hervorbringen. Unter Aufsicht der britischen Kolonialherren entstand um die Jahrhundertwende in Assuan die bis dahin weltgrößte Talsperre. Wenige Jahre später war klar, dass diese Staumauer zu klein für die riesigen Wassermengen war. 1960 ließ Ägyptens Staatspräsident Gamal Abdel Nasser einen gewaltigen Riegel in den Nil einbauen. Elf Jahre vergingen, bis die Arbeiten am Hochstaudamm in Assuan abgeschlossen waren. In Anspielung auf die gigantischen Ausmaße nennen manche Ägypter den Assuan-Staudamm "Nassers Pyramide".
Lothar Nickels, Stand vom 15.03.2011
Sendung: Der Nil - Lebensader Ägyptens, 12.04.2011
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