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Der Drei-Schluchten-Staudamm

Der Drei-Schluchten-Staudamm in China ist ein Bauwerk mit gigantischen Ausmaßen: 185 Meter hoch und 2309 Meter lang ist die Staumauer. Der Stausee hat eine Länge von 600 Kilometern - das entspricht der Strecke zwischen Hamburg und München. Ein so großes Projekt hat es in der Geschichte noch nicht gegeben - und wird es wohl auch nicht mehr geben. Selbst in China steht die Effizienz des Riesendamms infrage. Planet Wissen zeichnet die Geschichte des Staudamms nach und wirft einen Blick auf die heftigen Diskussionen um Sinn und Unsinn des Projekts.

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China - Countdown am Yangtse (5'32'')
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Ein Tal wird geflutet

Da, wo die Zukunft beginnt, stehen Steintafeln. Mit roter Farbe haben Bauarbeiter die Markierung "175 Meter" darauf gemalt. Wenn der Drei-Schluchten-Staudamm komplett fertig ist und das Wasser den Höchststand von 175 Meter erreicht, ist all dies Vergangenheit: 13 Städte, 1500 Dörfer, 497 Hafen-Docks, 4000 Krankenhäuser versinken. Akribisch listen die lokalen Behörden auf, was der Drei-Schluchten-Stausee verschlingt. Nur mit der Zahl der Menschen, die wegen des Sees ihre Heimat verlassen müssen, nehmen sie es nicht ganz genau. 1,4 Millionen sind es nach offiziellen Zahlen bislang. 2007 meldeten staatliche Medien, dass bis zu vier Millionen weitere Anwohner in den kommenden Jahren betroffen sein werden. Grund dafür: Am Rand des Stausees soll ein Grüngürtel entstehen, der Verschmutzung und weitere Erosionen verhindern solle. Im Januar 2010 war von 300.000 Menschen die Rede, die ihre Häuser und Dörfer in den nächsten zehn Jahren verlassen müssen.

Leer stehende Gebäude einer Stadt, die wegen des Drei-Schluchten-Damms evakuiert werden musste. (Rechte: dpa)

Der Damm hinterlässt Geisterstädte

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Proteste gegen Zwangsumsiedlungen

Immer wieder protestieren wütende Landarbeiter gegen die Zwangsumsiedlungen. "Doch erstaunlich viele gehen freiwillig", sagte Kristin Kupfer im Herbst 2005. Die Südostasienwissenschaftlerin von der Universität Bochum ist viele Male in die Region gereist. Vor allem die Alten, sagt sie, stünden hinter dem Projekt. Sie erzählten ihr vom Fortschritt, für den man Opfer bringen müsse. "Wenn das Alte nicht geht, kann das Neue nicht kommen", lautet ein chinesisches Sprichwort. Viele Bauern haben ihr das gesagt. An Tagen, an denen der Nebel das hügelige Grün des Tals verhüllt, stehen sie schon jetzt im Wasser. Andere Landstriche am Jangtse-Fluss sind schon entvölkert und nur noch Wüsten aus Schutt der abgerissenen Häuser. Eine gespenstische Atmosphäre.

Auf der Mauer des Drei-Schluchten-Damms stehen große rote Kräne. (Rechte: dpa)

Nach 13 Jahren Bauzeit ist der Damm im Mai 2006 fertig

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Symbolisches Bauwerk

Als Mitte 2004 die Fluttore geschlossen wurden, spielte ein Symphonieorchester auf der Dammkrone. Innerhalb weniger Tage stieg dann das Wasser vor der Staumauer an. Die Arbeiten im Innern des Damms, an den Turbinen und den Staukammern gingen weiter. Im Mai 2006 war es dann soweit, das gigantische Bauwerk wurde zehn Monate früher als geplant fertig gestellt. Kristin Kupfer hat sich den Damm vom Aussichtspunkt auf dem Tanziling-Hügel angeschaut. Von da aus kann man ihn gut überblicken. Nur an klaren Tagen ist das Ende des Damms in gut zwei Kilometern Entfernung zu sehen, ein plumper, gerader Riegel, der auf Granit gebaut ist und allein durch sein Gewicht dem enormen Wasserdruck standhalten soll. "Dieser Damm ist mehr als nur ein Bauwerk", sagt Kristin Kupfer. Er sei ein Symbol, das der Welt das neue China zeigen solle und ein Zeichen der Regierung an die chinesische Landbevölkerung: Wir passen auf euch auf.

Plenarsaal des Volkskongresses in China. (Rechte: WDR)

Uneinigkeit im Volkskongress

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Gute Dammbauer - gute Herrscher?

In China werden seit Jahrhunderten die Herrscher an der Qualität ihrer Dämme gemessen. Wer Wasser auf die Felder bringen und Hochwasser verhindern kann, sagen sie, der muss von den Göttern auserwählt worden sein. Die Region um die drei Schluchten ist ein geeigneter Ort, gottgleichen Status zu erlangen. Immer wieder haben dort Hochwasserkatastrophen Tausende Menschen in den Tod gerissen, zuletzt 1998. Damals starben 3400 Menschen. Skizzen für einen riesigen Damm stammen aus dem 19. Jahrhundert, 1911 wird er erstmals urkundlich erwähnt. Die Planer wechselten mit den Jahrzehnten; Kaiser und Könige wurden durch kommunistische Politiker ersetzt. An dem Ziel aber, den größten Staudamm der Welt zu bauen, hielten die Eliten fest. Selbst die, die von den Nachteilen der Riesendämme wussten. 400 Wissenschaftler unterzeichneten Anfang der 1980er Jahre Machbarkeitsstudien, in denen das zu lesen war, was die Regierung in Bejing lesen wollte: Der Damm würde für die bessere Schiffbarkeit des Jangtse sorgen, mit den 10.000-Tonnen-Frachtern würde der wirtschaftliche Aufschwung in die Region kommen. Der Damm würde das Tiefland vor Überschwemmungen schützen und das Wasserkraftwerk in seinem Innern liefere so viel Strom wie 14 Atomreaktoren.

Wer daran Zweifel hegte, wurde weggesperrt. Wie die Journalistin Dai Quing. Sie führte in den 80er Jahren Gespräche mit Fachleuten, die den Sinn des Riesenprojekts infrage stellten: Was passiert, wenn der Damm nach einem Erdbeben oder Attentat bricht? Und wohin sollen all die Menschen umgesiedelt werden? Das Buch war kaum erschienen, da saß Dai im Gefängnis. Abgeführt unter einem Vorwand, zehn Monate festgehalten ohne Haftbefehl oder Gerichtsurteil. Doch ihre Meinung hatten die Eliten nicht eindämmen können. Das zeigte sich 1992, als der Volkskongress endgültig über den Drei-Schluchten-Staudamm entschied. Ein Drittel der Abgeordneten votierte gegen den Staudamm. So viel Widerspruch hatte es in der Geschichte der Volksrepublik noch nie gegeben. Die Zahl der Zweifler ist bis heute nicht kleiner geworden.

Eingerahmt von Bergen fahren Passagierschiffe auf dem Jangtsekiang. (Rechte: dpa)

Der Jangtsekiang ist Asiens längster Fluss

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Teuer erkaufter Nutzen

Man dürfe die Vorteile des Drei-Schluchten-Staudamms sicher nicht aus dem Blick verlieren, sagt Kristin Kupfer. Doch der Preis, der dafür bezahlt worden ist und wird, sei viel zu hoch. Vieles habe die Regierung im Größenwahn nicht bedacht. Etwa, dass die Energiemengen, die die riesigen Turbinen einmal produzieren werden, in der Region gar keine Abnehmer finden. Viele Landstriche sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Der Transport in die Wachstumsregion Shanghai an der chinesischen Küste, fast 1000 Kilometer weit entfernt, ist mit großen Verlusten verbunden. Dabei geht so viel Energie verloren, wie ein großes Kohlekraftwerk produziert.

Auch beim Hochwasserschutz, immer als erstes Argument für den Damm genannt, müssen die Regierenden ihre Versprechen korrigieren. Denn ein Riesendamm allein ist lange nicht so wirkungsvoll wie viele kleine Dämme, die das Hochwasser schon in den höheren Regionen zurückhalten. Das hat ein internationales Expertengremium festgestellt. Deshalb liegen in Bejing schon Pläne für weitere Dämme in den mehr als 700 Nebenarmen des Jangtse auf dem Tisch. Hinzu kommt, dass diese beiden Ziele miteinander kollidieren: Maximale Stromerzeugung ist nur möglich, wenn der See bis an die Grenze gefüllt und der Wasserdruck auf die Turbinen maximal ist. Optimaler Hochwasserschutz bedingt dagegen, dass der See nicht ganz gefüllt ist.

Die Luftaufnahme zeigt das 442 Meter lange Schiffsbecken des Drei-Schluchten-Staudamms. (Rechte: dpa)

Schiffsbecken des Drei-Schluchten-Damms

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Menschengemachtes Giftbecken

Der Regierung bereitet der Drei-Schluchten-Staudamm mittlerweile mehr Bauchschmerzen als Freude. "Ein typisches Zauberlehrlingswerk, über das man irgendwann die Kontrolle verloren hat", sagt Kristin Kupfer. Deutlicher denn je zuvor wurde das beim chinesischen Volkskongress im März 2005. Chinesische Umweltexperten berichteten über eine neue Studie zu Gesundheitsrisiken des Stausees. Der Jangtse, der den See speist, hat alles mitgerissen: 13 Städte, 1500 Dörfer, etliche Toiletten, Krankenhäuser, die nur notdürftig abgebaut oder entsorgt worden sind. Weil das Wasser im Stausee viel langsamer fließt als sonst, setzen sich die Giftstoffe am Boden ab. Jedes Jahr werden sie zutage treten, wenn der See um einige Meter abgelassen wird, um das Hochwasser zu stauen. Dazu bilden die vielen Millionen verfaulender Pflanzen und Bäume giftiges Methangas. Umweltschützer warnen seit langem vor diesem von Menschen gemachten Giftbecken. Die chinesischen Ingenieure hatten das als "Unsinn" abgetan und den Satz gesagt, mit dem sie auch die Menschenrechtler abgewürgt hatten: "Wir haben alles im Griff. Wir schaffen Wohlstand für Millionen." Im März 2005 aber hörten sie sich alles an. Am Ende gestatteten sie eine Kommission zu bilden, die sich noch einmal mit den drastischen Umweltfolgen beschäftigt. Experten aus anderen Ländern sollen sie dabei beraten. Sie können nur noch Schadensbegrenzung leisten.

Die Arbeiten am Damm wurden derweil wie geplant vorangetrieben: 2008 wurde das Reservoir mit Wasser geflutet; mittlerweile wird der Staudamm vollständig betrieben. Nun wird der Stauwasserpegel schrittweise erhöht, bis er voraussichtlich 2013 seinen Höchststand erreichen wird.

Katharina Beckmann, Stand vom 20.09.2010

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