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Als die Dämme brachen

Im Mai 1943 machen sich britische Bomber auf den Weg nach Deutschland. In ihren Bäuchen sind Spezialbomben, mit denen sie die Möhnetalsperre - 45 Kilometer östlich von Dortmund - brechen und die Wasserversorgung ins Ruhrgebiet kappen wollen. Riesige Wassermassen überschwemmen das Möhnetal und reißen alles mit, was ihnen im Weg steht.

Auf dem Schwarzweiß-Foto ist ein Bomber der Alliierten während eines Einsatzes im Zweiten Weltkrieg zu sehen. (Rechte: AKG)

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Ein Dorf geht unter

"Bis da oben hin, bis zur Spitze der großen Bäume stand das Wasser", sagt Berthold Degenhardt. Er schweigt kurz. "Sehen Sie die Eisenbahnbrücke? Die Flut hat die Brücke aus ihren Lagern gerissen, mitgerissen und erst viele hundert Meter flussabwärts wieder fallen gelassen. Wir Kinder haben sie dann da unten auf dem Feld gefunden." Der große Mann mit den weißen Haaren schweigt einen Moment, redet dann langsam und leiser weiter. "In der eisernen Gitterkonstruktion hatten sich Bäume, Betten und eine große Kuh verkeilt. Es hat entsetzlich gestunken. Unvorstellbar." Berthold Degenhardt blickt über das Ruhrtal. Frühlingssonne scheint auf die hügelige Landschaft, die Ruhr glitzert golden.
Es war Krieg, über die Volksempfänger hatten sie von Stalingrad gehört und jede Nacht dröhnten die Bomben, die auf Dortmund fielen, 30 Kilometer von seiner Heimat Fröndenberg entfernt. "Wir aber dachten, hier sei das Paradies." Am 17. Mai 1943 ist es untergegangen.

Berthold Degenhardt steht im Innenhof seines Elternhauses und studiert ein Buch, das die Bombardierung der Möhnetalsperre dokumentiert. (Rechte: Katharina Beckmann)

Zeitzeuge Degenhardt erinnert sich

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Ein dumpfes Grollen

Es war schon spät, als Berthold, damals sechs Jahre alt, und sein Bruder hoch in ihr Dachzimmer gingen. Der Bruder drehte am Volksempfänger und lauschte den Funkansagen der Nazis, die über die einfliegenden Bomber der Alliierten informierten. Vor dem Radio ein Planquadrat. "D5", knarzte das Radio. "Dortmund ist dran", sagte der Bruder. Dann runzelte er die Stirn. Er faselte von Koordinaten, die er noch nie gehört hatte. Kurze Zeit später der übliche Fliegeralarm. Langsam trotteten die beiden in den gewölbten Keller. In dieser Nacht aber blieb alles still: kein Flakfeuer, kein Feuerschein im Westen, selbst Flugzeuge waren nicht zu hören. "Irgendetwas war komisch. Ich spürte das", sagt Berthold Degenhardt. Ganz in der Ferne, ein dumpfes Grollen, kaum wahrnehmbar. Dann riss jemand die Kellertür auf. Berthold erkannte die Silhouette des Vaters: "Raus, raus, raus", schrie er. "Ihr müsst auf den Berg." Er hatte die Nacht im Feuerwehrhaus verbracht und dabei vom Dammbruch gehört. "Mutter nahm mich an die Hand, dann sind wir losgelaufen." Berthold Degenhardt erinnert sich, wie das Grollen krachender geworden ist.

NS-Rüstungsminister Albert Speer (M.) besichtigt zusammen mit anderen Parteifunktionären der NSDAP die Möhnetalsperre nach der Bombardierung. (Rechte: AKG)

NSDAP-Funktionäre ziehen eine Schadensbilanz

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Eine Schreckens- und eine Erfolgsnachricht

Berthold Degenhardt kramt in seiner Tasche und holt ein Buch heraus, das die Ereignisse von damals rekonstruiert. Dieser Angriff war lange geplant, schon Ende der 30er Jahre hatten die britischen Offiziere an die Operation "Chastise" (Züchtigung) gedacht, um die Wasserversorgung zu kappen und damit die Kriegsindustrie im Ruhrgebiet lahm zu legen. Jahrelang hatten sie Vorbereitungen getroffen und geübt. "Was für uns Fröndenberger also die große Schreckensnachricht war - die Möhne ist gebrochen -, war für sie ein Erfolg." Vor allem für den Ingenieur Barnes Willis, einen besessenen englischen Bombentüftler. Er hatte die Rollbombe erfunden, die die dicke Staumauer knackte. Die Bombe funktionierte wie ein Kieselstein. Vor dem Abwurf wurde sie im Flugzeug in Rotation gebracht, in riesigen Sprüngen hüpfte sie über das Wasser und über die schützenden Torpedonetze, prallte gegen die Mauer. Dann explodierte sie. Fast eine Million Kubikmeter Wasser flossen aus dem See und überschwemmten vor allem die Dörfer, die in Talengen lagen - wie Fröndenberg. Dort kam die Welle etwa zwei Stunden nach dem Dammbruch an.

Auf der Gedenktafel ist eine stilisierte Abbildung der Möhnetal-Bombardierung zu sehen - mit Bombern, der zerstörten Sperre und der überfluteten Landschaft. (Rechte: Katharina Beckmann)

Eine Tafel erinnert an die Bombardierung

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Ein Bild des Grauens

Auf den Straßen schrieen Menschen und Tiere vor Angst. Berthold Degenhardt hat noch sehr genau die beiden Jungen vor Augen, die auf Fahrrädern durch die Ortsteile an der Ruhr fuhren, wie sie durch Feuerhörner bliesen und schrien: "Die Möhne ist gebrochen." "Aber viele glaubten denen nicht. 'Halt die Klappe', sollen sie geantwortet haben", sagt Berthold Degenhardt. Erst als das Grollen der riesigen Flutwelle unüberhörbar war, rannten auch sie. Die, die es gerade noch schafften, mussten zusehen, wie andere in den Wellen untergingen oder von Brücken erschlagen wurden, die die Welle mit sich riss. Ganze Ortsteile verschwanden in dieser Nacht. Erst in den frühen Morgenstunden begann das Wasser zu fallen. "Fröndenberg war nicht wiederzuerkennen", sagt Berthold Degenhardt. Überall Schlamm und Schlick, halbe Häuser, ausgerissene Bäume, Leichenfetzen.

"Wir Kinder haben das nicht verstanden." Erst viel später hat Berthold Degenhardt die Hintergründe erfahren, von mehr als 1300 Toten, die die Möhne-Katastrophe gefordert hatte. Die Kriegsindustrie sollte lahm gelegt werden. Dass dabei so viele Menschen sterben würden, sei den Machthabern ganz egal gewesen.

Eisenbahnbrücke über die Ruhr. (Rechte: Katharina Beckmann)

Hier erinnert nichts mehr an den Mai 1943

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Ein anderes Kapitel

Berthold Degenhardt schlägt in seinem Buch ein neues Kapitel auf: In derselben Nacht hatten die Briten auch vier andere Talsperren angegriffen. So sollte die Wasserversorgung ins Ruhrgebiet gekappt werden und damit eine Lebensader für die Rüstungsproduktion. Das ist nicht gelungen. Nur die Edertalsperre - 35 Kilometer südwestlich von Kassel - wurde noch zerstört, die anderen drei blieben heil. Die Maschinen von Krupp und Hoesch standen nicht einen Tag still. Im Spätsommer 1943 war auch die 22 Meter tiefe und fast 80 Meter breite Lücke in der Möhnemauer schon wieder geschlossen.

Ein gestikulierender Berthold Degenhardt im Gespräch. (Rechte: Katharina Beckmann)

"Fröndenberg war nicht wiederzuerkennen"

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Eine "Untat"

Berthold Degenhard hat sich lange mit der Möhne-Katastrophe auseinandergesetzt, für ihn ist es eine "Untat" geblieben. Dass überall Krieg herrschte, angezettelt von deutschen Soldaten, rückt für ihn in den Hintergrund. In einer einzigen Nacht ist der Krieg nach Fröndenberg gekommen. Das hat sich tief in die Köpfe der Menschen gefressen.

Über den Betonflicken an der Möhnemauer ist Moos gewachsen. Wenn Berthold Degenhardt heute zum Möhnesee fährt, um mit den Enkelkindern Boot zu fahren, dann muss er genau hinsehen, um die Lücke zu erkennen, die mit hellerem Beton gefüllt worden ist. Aber dann sind die Bilder von damals schnell wieder da.

Katharina Beckmann, Stand vom 07.10.2005

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