Wie das Pferd ein Mädchentier wurde
Pferd gegen Pferdestärken
Helden stellte man sich früher meistens hoch zu Ross vor. Vom Pferderücken aus konnte man ein Land beherrschen und auf seine Untertanen herabsehen. Pferde bedeuteten Mobilität und waren ein Statussymbol. Geritten wurden sie meist von Männern. Jahrtausendelang war das Pferd in erster Linie ein Männertier. Aber dann kamen die Dampfmaschine und der Verbrennungsmotor. Sie machten das Pferd als schnelles Fortbewegungsmittel unnötig. Die Männer stiegen ab: Runter vom Pferd, rein ins Auto. "Effektive Fortbewegungsmittel haben auf Männer immer eine eigentümliche Faszination ausgeübt", sagt Harald Euler. Der Professor für Psychologie an der Universität Kassel erklärt sich das evolutionsbiologisch: Mobilität war einst ein wichtiger Faktor, der den Fortpflanzungserfolg von Männern bestimmte. Und wirklich mobil ist man heute eben nicht mehr mit dem Pferd, sondern mit dem Auto.
Puppe gegen Pferd
Die meisten Mädchen erwischt der ganz normale Pferdewahnsinn irgendwann gegen Ende der Grundschulzeit. Pferdeposter zieren die Wände, Pferdebücher füllen die Regale, Pferdezeitschriften den Fußboden. Fast jede hätte jetzt gern ein eigenes Pferd, fast keine bekommt es. Pferde sind teuer, in Stadtnähe fast unbezahlbar. Und auch ohne eigenes Pferd ist Reiten ein Sport, der ganz schön ins Geld geht.
Wirklich ausschlaggebend ist jedoch ein anderer Grund: Studien haben gezeigt, dass es nicht das Reiten ist, was die meisten Mädchen zu Pferden hinzieht, sondern das Tier selbst. Pferde sind für Mädchen "das größte und letzte Kuscheltier", sagt Harald Euler. Mädchen drücken ihre Zuneigung stärker als Jungen durch Berührungen aus, und Pferde sind weich und knuddelig und lassen sich meistens gerne anfassen. Außerdem haben die meisten Mädchen Spaß dabei, ein Pferd zu versorgen, auch wenn es nicht das eigene ist, wichtig ist bloß die Nähe. Pferde kann man füttern, putzen und pflegen wie eine Puppe - sie machen halt bloß mehr Dreck. Für viele Mädchen ist das Pferd außerdem ein verlässlicher Partner, der Trost und Geborgenheit gibt und sehr geduldig zuhören kann.
Für Jungen ist in dieser Zeit fürsorgliches Verhalten weniger interessant. Die meisten lieben vor allem Wettkämpfe. Für Harald Euler ist das die Erklärung dafür, warum die wenigen Jungs, die heute in den Reitställen anzutreffen sind, dort vor allem auf Turniere hinarbeiten und reitende Männer vor allem im Spitzensport anzutreffen sind.
Natur und Abenteuer
Manche Reitlehrer sind der Ansicht, dass Mädchen den Jungen beim Reiten überlegen sind - weil sie sich besser in das Tier hineinfühlen können. Sicher ist: Mit Erfahrung und Sachverstand können selbst kleine leichte Reiterinnen große schwere Pferde dazu bringen, sie dorthin zu tragen, wo sie es wünschen. So schafft Reiten Erfolgserlebnisse und gibt Selbstvertrauen. Für viele Mädchen bedeutet Reiten außerdem auch ein Gemeinschaftserlebnis mit Gleichgesinnten. Mit dem Reitstall erschließen sich viele Mädchen eine neue Welt abseits des Elternhauses. "Pferde geben ihnen die Wärme und Zuneigung, die sie brauchen, um den Abnabelungsprozess von den Eltern zu beginnen", sagt Euler. Zwischen Puppe und Partner kommt die Liebe zum Pferd? Für diese These spricht: Mit der Pubertät verlieren Pferde für die meisten Mädchen an Bedeutung.
Christine Buth, Stand vom 15.09.2009







