Interview mit Ulrich Jaudas
Planet Wissen (PW): Herr Jaudas, Sie halten selber Schwarzwaldziegen. Was fasziniert Sie an diesem Tier?
Ulrich Jaudas (U.J.): Mir machen Ziegen so viel Freude, weil sie so eigenwillig sind und man kann nie richtig sicher sein, was als nächstes kommt. Wir hatten zum Beispiel bis letzten Herbst einen Bock. Der war unheimlich lieb, wenn wir uns ihm zugewandt haben, wollte gekrault werden und alles. Aber wenn man ihm den Rücken zugekehrt hat, dann konnte es passieren, dass er plötzlich von hinten mit den Hörnern kam.
PW: Wie würden Sie die Ziege charakterisieren?
U.J.: Sie ist eigenwillig und unter den Nutztieren das intelligenteste Tier, finde ich. Dabei ist wichtig, wie man intelligent definiert. Wenn man das Gedächtnis nimmt, ist natürlich auch ein Pferd nicht schlecht. Aber wenn das Pferd erschrickt, dann hat es nur eine Lösung parat: Es flieht, es ist ja auch ein Fluchttier. Genauso Schafe. Die können so überstürzt fliehen, dass sie sich dabei das Genick brechen. Bei der Ziege ist das anders, sie geht qualifiziert mit neuen Situationen um. Wenn sie erschrickt, dann macht auch die Ziege drei Sätze, aber dann schaut sie sich um, will wissen, was da los ist und überlegt, was sie jetzt macht. Das nenne ich intelligent.
PW: Wie sind Sie denn mit der Ziege groß geworden - wie war das bei Ihnen zu Hause?
U.J.: Ich bin in einem typischen kleinbäuerlichen Milieu groß geworden, wo praktisch jeder mindestens eine Ziege zur Selbstversorgung hatte. Als ich ein Junge war, war vor jedem Haus bei uns im Dorf noch ein Misthaufen. Viele hatten auch noch eine Kuh. Aber die Kuh war da, um Geld zu machen. Ihre Milch wurde verkauft. Die Ziegenmilch dagegen, das war die Milch, die die Leute selber getrunken haben. Ich bin mit Ziegenmilch groß geworden.
PW: War das typisch für die Zeit, so wie sie das beschreiben?
U.J.: Ja, absolut. Ich bin nach dem Krieg 1948 geboren. 1950 gab es die höchsten Ziegenzahlen in Deutschland. Erst mit wachsendem Wohlstand, mit dem sogenannten Wirtschaftswunder in den 60er Jahren, verschwanden die Ziegen. Interessanterweise ist es so, dass die Ziege besonders da verbreitet war, wo die Industrialisierung stattfand, also keine rein bäuerliche Erscheinung war. Bei uns in Baden-Württemberg zum Beispiel in der Region Stuttgart, im Neckartal, bei Mannheim. Die Ziege ist ja das Tier des kleinen Mannes, jeder Arbeiter hat noch eine Ziege gehalten, um die Familie besser ernähren zu können.
PW: Wie kam es dazu, dass die Ziege das Tier des kleinen oder des armen Mannes wurde?
U.J.: Die Ziege ist sehr genügsam. Während man für eine Kuh viel Land braucht, viel Weide und einen eigenen Stall, kommt die Ziege auch mit einem kleinen Stall im Hinterhof zurecht. In meiner Kindheit war es ja sogar noch so, dass die Grasflächen am Wegesrand versteigert wurden zum Abweiden. Eine Kuh bekommt man damit nicht satt, eine Ziege schon. Und für das, was die Ziege braucht, gibt sie enorm viel Milch. Deswegen ist die Ziege das Tier des armen Mannes geworden. Wenn ein Kuh starb, wäre der Verlust für eine arme Familie unwiederbringlich gewesen, eine Ziege dagegen war gut ersetzbar.
PW: Herr Jaudas, als Ziegenexperte sind Sie nicht nur in Deutschland gefragt, Sie waren zu Forschungszwecken auch in Afrika und Asien. Was genau haben Sie da gemacht?
Ulrich Jaudas: Ich war mehrere Male für Beratungs- und Forschungsaufgaben dort, um die Ziegenhaltung zu fördern. Also zum Beispiel in Burundi, wo traditionell Milchkühe gehalten werden. Das Problem ist, dass die Nutzfläche pro Familie immer kleiner wird, weil die Bevölkerungszahlen steigen. Da wären Ziegen sehr hilfreich, weil sie ja mit viel weniger Platz auskommen als Kühe. Aber auch in diesen Ländern haben die Ziegenhalter kein großes Renommee, denn auch dort ist die Ziege das Tier des armen Mannes. Deswegen wird die Ziege nicht so leicht akzeptiert.
Christiane Gorse, Stand vom 13.10.2009






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