Ameisen
Einer für alle, alle für einen
Ameisen einer Art treten in drei, äußerlich gut unterscheidbaren Formen auf, den sogenannten Kasten: geschlechtlich aktive Weibchen (Königinnen), Arbeiterinnen und Männchen. Wie Wespen und Bienen gehören auch die Ameisen zur Gruppe der Hautflügler. Doch nur die geschlechtlich aktiven Weibchen und die Männchen tragen Flügel. Die Arbeiterinnen bleiben zeitlebens flügellos. Die geschlechtlich aktiven Weibchen sind am größten und tragen bis zur Begattung Flügel. Nachdem die Männchen sie in der Luft begattet haben, werfen die Weibchen ihre Flügel ab und gründen als Königinnen einen neuen Staat oder übernehmen ein anderes Volk. Die Männchen sterben nach dem Begattungsflug. Am kleinsten sind die geschlechtlich unterentwickelten Weibchen, die Arbeiterinnen.
Die drei Kasten unterscheiden sich nicht nur im Aussehen, auch ihre Aufgaben im Staat sind unterschiedlich: Die Männchen sorgen für die Befruchtung der Königinnen. Die Königinnen - in einem Nest können eine oder auch mehrere Königinnen leben - sorgen für Nachkommen. Die Arbeiterinnen erledigen alle übrigen Aufgaben: Sie gehen auf Futtersuche, bauen das Nest, versorgen Brut und Königin mit Nahrung und verteidigen das Nest. Jede Ameise hat dabei eine bestimmte Aufgabe, die jedoch je nach Bedarf auch gewechselt werden kann. Je nachdem welche Arbeit den einzelnen Ameisen zugeteilt ist, kann sich auch die Gestalt der Tiere deutlich voneinander unterscheiden. So besitzen etwa die Nestverteidiger, die "Soldaten", besonders kräftige Oberkiefer.
Zwischen den Völkern einer Art, aber auch zwischen Völkern unterschiedlicher Arten kommt es oft zu dramatischen Schlachten mit vielen Toten. Es kann vorkommen, dass die Sieger die Besiegten versklaven, das heißt eine unterlegene Kolonie muss als Diener der Sieger ihr Leben fristen. Stets aber handeln die Mitglieder einer Kolonie im gleichen Sinne. Die soziale Organisation der Ameisen sucht ihresgleichen und ist besonders stabil.
Die Königin
Trotz ihrer hohen Stellung hat sie vielleicht die schwerste Arbeit zu erledigen: Die Königin legt vom Frühling bis zum Herbst ununterbrochen Eier. Eine enorme Leistung! So legt beispielsweise die Königin der Roten Waldameise in ihrem 20-jährigen Leben rund eine Millionen Eier. Den Rekord hält allerdings die Treiberameise Dorylus nigricans, deren Königinnen allein in einem Jahr jeweils 50 Millionen Eier produzieren. Die Arbeiterinnen sorgen dafür, dass die Königin diese Leistung auch vollbringen kann, indem sie ihr Futter bringen und sich um die Brut kümmern.
In der Regel gründet eine Königin nach der Begattung einen neuen Staat. In manchen Fällen übernehmen die Königinnen auch einfach ein anderes Volk, um hier ihre Eier abzulegen. Die Wissenschaft nennt dieses Handeln "Sozialparasitismus". Dabei wird die Königin von einem fremden Volk aufgenommen und kommt sogar in den Genuss der gleichen Dienstleistungen wie die Königinnen des Wirtsvolkes. Der Vorteil: Verglichen mit einer neuen Koloniegründung kann so das Volk schneller und sicherer heranwachsen. Die Bezeichnung Königin ist etwas irreführend, denn sie regiert das Volk nicht, vielmehr werden die Tiere in einem Staat durch eine besondere Form der Zusammenarbeit, der sogenannten kollektiven Intelligenz gesteuert.
Architektonische Meisterleistungen
Ameisen nisten in Erdlöchern, unter Steinen, in Holz oder hohlen Pflanzenstängeln, gründen ihre Nisthaufen auf der Erde, bauen Nester aus Karton oder gewobenen Blättern. Ameisenbauten bestehen in der Regel aus verzweigten Gängen und mehreren Kammern, in denen Vorräte gespeichert und die Brut versorgt werden. Viele Ameisenarten sind äußerst wärmeliebend, auch die Eier und Larven mögen es warm. Daher herrscht in den Bauten ein konstantes Klima. Wird es zu heiß, sorgen die Ameisen durch den Bau neuer Ausgänge für Kühlung, ist es zu kalt, bringen die Tiere Wärme von außen herein: Sie sonnen ihre dunklen Körper und geben die aufgenommene Wärme im Nest wieder ab.
Je nach Art fällt das Zuhause der Ameisen ganz unterschiedlich aus: Die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) etwa baut eine Erdkuppel, die sie um Gräser herum konstruiert. Ein interessantes Bauwerk ist das Nest der Glänzendschwarzen Holzameise (Lasius fuliginosus), die in hohlen Bäumen einen "Karton" aus Holzfasern und zuckerhaltigem Kropfinhalt leimt. Eine geniale Meisterleistung ist auch die Konstruktion aus zusammengenähten Blättern der Weberameise: Dazu ziehen Arbeiterinnen, die eine Kette bilden, die Blätter am Baum zusammen; andere Arbeiterinnen halten die Ameisenlarven, die aus Spinndrüsen einen Faden liefern, an die Blattkanten. Sie benutzen also den Faden der Larven um die Blätter zusammenzuspinnen.
Eine besondere Art der Nestpflege betreiben die Ameisen der Art Cataulacus muticus, die in den regenreichen Tropen leben. Sie haben dort mit dem Problem zu kämpfen, dass ihnen das Nest immer wieder voll Wasser läuft. Aber die klugen Ameisen haben einen Trick entwickelt, und wissen sich zu helfen. Bei Überschwemmung haben die kleinen Insekten einen klug ausgetüftelten Katastrophenplan: Sie verschließen zuerst mit ihren relativ breiten Köpfen von innen das Einstiegsloch ihrer Behausung. Dann beseitigen sie das bereits eingedrungene Wasser, indem sie es zunächst einfach selbst trinken. Und schließlich entsorgen sie es auf sehr natürliche Art und Weise: Sie pinkeln es außerhalb ihres Baus wieder aus.
Susanne Wagner, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Weltmacht Ameisen - Von Sklavenhaltern und Naturschützern, 18.05.2009






