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Bienenforscher Prof. Dieter Wittmann

Was wäre die Welt ohne Himbeereis, ohne Apfelkuchen, ohne Sonnenblumenöl, ohne Baumwollkleidung... und ohne Honig? Es wäre eine Welt ohne Bienen!Ohne die kleinen geflügelten Helfer gäbe es weder Himbeeren noch Äpfel, weder Sonnenblumen noch Raps- oder Baumwollpflanzen. Selbst Kaffeebohnen wären knapp und entsprechend teuer. Zwar machen nicht alle Bienen Honig, aber sie bringen ein großes Stück unserer Welt zum Blühen. Die Welt der Bienen ist so vielfältig wie die Ökosysteme, in denen sie leben. Einer, der diese "Bienenwelt" seit vielen Jahren erforscht, ist Prof. Dieter Wittmann, Tierökologe im Fachbereich Ökologie der Kulturlandschaften der Universität Bonn.

Prof. Dieter Wittmann (Rechte: SWR)

Prof. Dieter Wittmann

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Planet Wissen (PW):

Prof. Wittmann, Sie arbeiten nicht nur mit Bienen, sondern auch mit Fledermäusen, Vögeln und Käfern zum Beispiel. Sicher auch ein spannendes Gebiet. Aber den Bienen gilt Ihre ganz besondere Leidenschaft. Warum gerade Bienen?

Prof. Dieter Wittmann (DW): Für mich sind die Bienen sehr interessant, weil sie in natürlichen und Agrarökosystemen für die Bestäubung der Pflanzen unentbehrlich sind. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Bienen. Dann gäbe es so gut wie keine Bestäubung. Wir haben den Bienen rund 80 Prozent unseres gesamten Obstes zu verdanken und auch die Blütenvielfalt. Es gibt aber auch noch andere Bestäuber wie Käfer, Nachtfalter, Fliegen, Fledermäuse, Kolibris und sogar Affen. Aber die Welt wäre lange nicht so schön und bunt ohne die Bienen.

PW: Sie sind in Sachen Bienen ein Weltreisender. In welchen Ländern sind Sie für Ihre Forschung schon unterwegs gewesen?

DW: Ich habe schon in mehreren Ländern mit Bienen gearbeitet und betreue auch in einigen Ländern Studenten, zum Beispiel in Brasilien, Panama, Venezuela, Kolumbien, Kenia, Uganda, Kamerun, und in Jordanien. In Kürze geht es nach Mexiko.

PW: Was machen Sie in Mexiko?

DW: Zusammen mit den Mexikanern wollen wir uns dort an ein größeres interdisziplinäres Projekt wagen. Experten verschiedener Fachrichtungen werden dabei sein, unter anderem Juristen, Ethnologen, Linguisten und Biologen.

PW: Das klingt zunächst einmal nicht danach, als hätte dieses Projekt mit Bienen zu tun, oder?

DW: Das wird sich zeigen. Es wird unter anderem ein Ausflug in die Mythologie. Bei einigen indigenen Völkern Südamerikas und vermutlich auch bei Völkern Mexikos spielen die Bienen in der Mythologie eine nicht ganz unwichtige Rolle. Wir wollen aber auch in Erfahrung bringen, welche der vielen Bienen diese Menschen kennen und mit welchen Namen sie die Bienen benennen und was diese Namen bedeuten. Außerdem interessiert uns, was diese Völker über die Biologie der Bienen und ihre Rolle als Bestäuber wissen.

Bei den Kayapoh in Brasilien entsprechen die Nester der sozial lebenden Stachellosen Bienen einem Weltbild, das so ähnlich aufgebaut ist wie wir das kennen: Das ist eine Welt aus mehreren Ebenen: Bei uns sind es drei, nämlich eine Hölle, eine weitere Ebene, auf der wir Menschen leben und einen Himmel. Bei diesen Indios sind es sieben Stockwerke, wobei sie auf der dritten Etage leben. Ganz oben leben die Wespen und Bienen, sie nehmen also einen wichtigen Platz ein. Wenn die Kayapoh Honig aus den Nestern nehmen, müssen sie einige Waben und Honig im Nest lassen, sonst werden sie durch einen Gott, der die Bienen schützt, bestraft. Das macht biologisch Sinn, denn so können die Bienen ihren Staat wieder aufbauen.

PW: Warum ist es denn so wichtig, dass Sie Ihre Bienenforschung weltweit ausdehnen?

DW: Bienen sind weltweit notwendig als Bestäuber und sind deshalb von großer Bedeutung. Trotzdem gibt es in vielen Ländern noch keine richtig gute Bienenwissenschaft. In fast allen Ländern kennt man die Honigbienen, entweder weil sie dort heimisch sind oder eingeführt wurden. Dort kennt man sich dann entsprechend ganz gut in der Imkerei aus. Aber alles, was Wildbienen anbelangt, ist in vielen Ländern der Welt noch gar nicht erforscht worden. Da sind noch sehr viele weiße Flecken auf der Landkarte. Bei unserer Bienenforschung geht es vor allem auch darum, mit den einheimischen Studenten zusammenzuarbeiten und so in diesen Ländern Kapazitäten, also Wissensträger aufzubauen, die dann ihre Kenntnisse weitertragen.

PW: Das heißt also, dass Sie, je nachdem, in welchen Ländern und Regionen Sie unterwegs sind, ziemlich bei Null anfangen. Was genau untersuchen Sie?

DW: Normalerweise beginnt man mit einer Bestandsaufnahme der Bienen und der Blütenpflanzen, die sie besuchen um Nektar oder Pollen zu sammeln, das heißt man erfasst die Artenvielfalt in einer ganz bestimmten Region. Wenn das gemacht ist, untersuchen wir, wo und wie sie sich verpaaren und wo sie ihre Nester bauen - im Boden, in Pflanzenstängeln oder in Bäumen. Und wenn wir das alles beieinander haben, dann haben wir sozusagen die Biografie dieser Bienen. Das ist der erste Schritt. Und dann kann man weitermachen und zum Beispiel untersuchen, welche Rolle die verschiedenen Bienen bei der Bestäubung von Nutzpflanzen haben. Bienen bestäuben ja nicht immer die Blüten, auf denen sie landen, es gibt auch Nektarräuber und Pollendiebe.

PW: Wieso "Nektarräuber"?

DW: Es gibt Bienen, die bestimmte Blüten anstechen und so den Nektar entnehmen, ohne die Blüte zu bestäuben. Das sind die “Räuber“. Bienen können auch “Nektardiebe“ oder Pollendiebe sein, sie entnehmen Nektar oder Pollen, ohne die Blüte zu verletzen. Bei allen drei Verhaltensweisen bestäuben sie die Blüten nicht - “bezahlen“ also nicht. Bei unseren Untersuchungen kommt es auch noch darauf an, wie viele verschiedene Arten von Blüten so eine Biene besucht. Man kann sagen, je mehr Arten von Blüten eine Biene anfliegt, umso weit reichender ist natürlich ihre potenzielle Rolle als Bestäuber.

Es gibt aber auch sehr spezialisierte Bienen, die nur auf ganz wenigen Blütenpflanzen Pollen sammeln. Die sind sehr wichtig für die Bestäubung dieser Pflanzen. Diese Bienen und ihre Blütenpflanzen haben sich gemeinsam in der Evolution entwickelt. Wenn einer der beiden ausfällt, dann ist der andere meist schlecht dran. Entweder hat dann die Biene weniger Futter oder die Pflanze kann nur wenige Samen bilden und sich nicht optimal vermehren.

PW: Vor allem gibt es immer wieder spannende Mechanismen, wie die Bienen an den Nektar und die Pollen gelangen. Sie haben solche Bienenspezialisten auf der ganzen Welt beobachtet. Was war für Sie mit am eindrucksvollsten?

DW: In Brasilien gibt es eine Seidenbiene, die sich auf eine bestimmte Blume spezialisiert hat, nämlich die Fackelträger. Diese Fackelträger verstecken ihren Pollen ganz raffiniert in der Blüte. Die Seidenbiene ist eine neue Art, die wir an diesen Blüten entdeckt haben.

Diese Biene hat eine relativ kurze Zunge und muss den Nektar aus einer kleinen Grube herausholen, die mit einem Deckel verschlossen ist. Um an den Nektar zu gelangen, muss die Biene ihren Kopf zunächst mal unter den Deckel schieben. Dadurch hebt sie den Deckel an. Das wiederum löst einen Mechanismus in der Blüte aus, wodurch sich ein Staubfaden bewegt, der schließlich aufplatzt und den Pollen freisetzt. Das Besondere dabei: Bis dieser Pollen zugänglich wird, dauert es drei Minuten. In dieser Zeit fliegt die Biene andere Blüten ab, kommt aber nach ziemlich exakt drei Minuten wieder zurück und sammelt den freigegebenen Pollen ab.

PW: Welchen praktischen Nutzen hat dieses Wissen - zum Beispiel für eine bestimmte Landschaft in den Regionen, in denen Sie forschen?

DW: Es kann zum Beispiel einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Mit dem entsprechenden Wissen könnte man Bienen so vermehren, dass eine große Population in Plantagen vorkommt. Nehmen wir eine Plantage mit Maracujapflanzen und ihren Passionsblumen. Diese Blüten werden von großen Holzbienen bestäubt. Wenn man in diesen Plantagen die geeigneten Voraussetzungen für die Holzbienen schafft, indem man zum Beispiel trockenes Holz deponiert, dann können sie dort ihre Nester bauen und sich gut vermehren. Es wird sich also eine große Population aufbauen und der Bauer kann mit einer guten Ernte rechnen, weil die Blüten gut bestäubt werden. Ich habe Plantagen gesehen, in denen zwar sehr viele Honigbienen herumflogen, aber keine Holzbienen - weil es für sie keine Nistmöglichkeiten gab. Die Besitzer waren erstaunt, dass ihre Pflanzen trotz der vielen Honigbienen keine Früchte trugen - denn Honigbienen sind zu klein, um diese Blüten zu bestäuben - sie sind auf Passionsblüten Nektardiebe.

PW: Von den vielen verschiedenen Bienenarten, die Sie kennengelernt haben, haben Sie die Prachtbienen am meisten begeistert. Sie sehen mit ihren grünen, roten oder blau-metallic glänzenden Körpern wirklich "prächtig" aus. Warum diese Bienen?

DW: (lacht) Weil sie so schön aussehen, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite, weil sie nach wie vor ein großes Geheimnis sind. Wir wissen sehr vieles noch nicht über diese Bienen. Zum Beispiel, warum sie viele Orchideen besuchen und dort Parfüm, also Duftstoffe, aufnehmen. Das sind die Männchen, die das machen. Sie transportieren die öligen Duftstoffe in Taschen am Hinterbein. Diese Taschen haben einen Schlitz, der mit Haaren verschlossen ist. Dort schmieren sie das Duftöl rein. Bis heute wissen wir nicht wirklich, warum die das tun. Möglicherweise wollen sie mit dem Parfüm die Weibchen beeindrucken oder andere Männchen anlocken.

Zudem gibt es auf den Weibchen verschiedene Strukturen, die wir auch noch nicht verstehen. Da gibt es zum Beispiel einen charakteristischen Borstenpinsel auf dem Rücken des Weibchens, von dem wir nicht wissen, wozu er nützlich ist. Es gibt auch bisher nur ganz wenige Beobachtungen von Balzflügen, die uns vielleicht mehr Aufschluss über diese Fragen geben könnten. Vielleicht drei oder vier Leute haben das einmal gesehen und es gibt leider nur schlechte Fotos. Es ist also alles noch sehr vage, aber spannend.

PW: Womit werden Sie sich in nächster Zeit beschäftigen?

DW: Wir werden in der nächsten Zeit mehr an afrikanischen Stachellosen Bienen arbeiten. Dazu reisen wir nach Kamerun, Kenia und eventuell Äthiopien. Dort haben wir Studenten. Nach wie vor interessiert uns auch die Möglichkeit der Bionik, also die Verbindung von Biologie und Technik. Da gibt es auch sicherlich noch einiges zu entdecken.

PW: Können Sie uns dazu noch ein Beispiel nennen?

DW: Ein Beispiel für Bionik sind die Ölbienen. Auch sie sind sehr spezialisierte Bienen, die nur ganz wenige Blüten anfliegen. Sie sammeln Öl aus Ölblumen, in denen das Nektarium zu einer Öldrüse umgewandelt ist. Die Biene vermischt das Öl mit Pollen, füttert das an Larven oder kleidet auch mit dem Öl die Brutzelle aus, damit sie wasserdicht ist. Die Ölbienen transportieren große Mengen Öl an speziellen Härchen der Hinterbeine. Im Nest kämmen sie das Öl komplett raus. Nach diesem Vorbild, das wir vermessen und beschrieben haben, konnte unser Industriepartner einen Prototyp eines speziellen Tuchs entwickeln. Dieses Tuch kann selektiv Öl aus Wasser aufnehmen. Das Besondere ist also, dass die Tücher kein Wasser aufnehmen und wieder gereinigt und erneut benutzt werden können.

Interview: Andrea Wengel, Stand vom 16.06.2008
Sendung: Die Welt der Bienen - Von Honig, Milben und Gelee Royal, 12.05.2011

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