CO2-Reduktion - Interview mit Martin Faulstich
Planet Wissen (PW): Herr Professor Faulstich, wie funktioniert die Abscheidung von CO2?
Martin Faulstich (M.F.): Das CO2 - bei der aktuellen Diskussion in Deutschland geht es vor allem um CO2 aus Kraftwerken - wird aus dem Abgas mit einem chemischen Prozess herausgewaschen. Anschließend wird es verdichtet, nahezu verflüssigt und kann dann in die Lagerstätten transportiert werden. Per Lkw wäre das viel zu teuer, besser sind Schiffe oder Pipelines. Geeignete Lagerstätten befinden sich zum Beispiel in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Dabei handelt es sich in erster Linie um sogenannte saline Aquifere. Das sind salzwasserführende Schichten, die vom Trinkwasser abgeschottet sind. Es muss mindestens in eine Tiefe von 800 Metern gepresst werden, um Temperatur- und Druckverhältnisse zu haben, unter denen das CO2 in dem flüssigkeitsähnlichen Zustand bleibt und nicht nach oben steigt.
PW: Was für Probleme können bei der Lagerung auftreten? Man fühlt sich ein bisschen an die Diskussion um Atommüllendlager erinnert…
M.F.: Die endgültige Lagerung ist die eigentliche Herausforderung. Die derzeit diskutierten Atommüllendlager sind ja noch begehbar. Die salinen Aquifere hingegen können nur indirekt mit geologischen Spezialgeräten kontrolliert werden und sind nicht unmittelbar einsehbar. Man ist also auf Messungen der Geologen angewiesen. Zudem muss sichergestellt werden, dass in den recht großen Lagerstätten Löcher aus früheren Bohrungen sorgfältig verschlossen sind, damit das CO2 nicht wieder austreten kann.
PW: Die Technologie ist aufwendig - wer trägt die Kosten?
M.F.: Kraftwerke haben in den letzten Jahren ihren Wirkungsgrad deutlich verbessert: Das heißt, dass aus einer bestimmten Menge Kohle heute mehr Energie erzeugt wird als noch vor einigen Jahren. Wenn nun die CO2-Abscheidetechnik nachgeschaltet wird, senkt das den Wirkungsgrad um rund zehn Prozentpunkte. Denn die Abscheidetechnik verbraucht ja auch Energie. Die erzielten Effizienzerfolge werden dadurch wieder zunichte gemacht. Das ist der Preis für ein relativ CO2-armes Kraftwerk. Und es gibt einen Disput darüber, wer die Kosten tragen soll. Wir vom Sachverständigenrat sagen, dass nach dem Verursacherprinzip die Betreiber die Kosten tragen sollen. Denn sie erzeugen mit Kohlestrom das CO2. Die Elektrizitätskonzerne wiederum wünschen, dass die mit der CO2-Einlagerung verbundenen Risiken von Bund und Ländern getragen werden sollen. Müssen die Energieerzeuger jedoch alle Kosten in vollem Umfang tragen, werden sich auch andere Entscheidungsgrundlagen ergeben: Denn dann muss Kohlestrom plus CCS-Technologie mit den Kosten für erneuerbare Energien verglichen werden.
PW: Neben ungeklärten finanziellen Fragen gibt es aber auch Nutzungskonflikte, was die Speicheranlagen angeht. Welche sind das?
M.F.: Wenn die Speicherformationen mit CO2 aus Kohlekraftwerken gefüllt werden, verbaut man sich die Chance, sie in einigen Jahrzehnten anderweitig zu nutzen. Wir werden sie möglicherweise eher für das unvermeidbare CO2 aus Zementwerken brauchen oder vielleicht sogar für das CO2 aus großen Holzkraftwerken. Würde deren CO2 eingelagert, könnte man eine echte CO2-Entlastung der Atmosphäre erreichen. Zudem gibt es eine Konkurrenz zu erneuerbaren Energien. In vielen potenziellen Lagerstandorten muss zunächst geprüft werden, ob sie sich für Geothermie nutzen lassen. An Geothermie-Standorten wäre die gleichzeitige CO2-Speicherung aus technischen und rechtlichen Gründen sehr schwierig bis unmöglich. Für die erneuerbaren Energien können auch ehemalige Gaslagerstätten für große Druckluftspeicher genutzt werden. Dort würde man Energie aus Sonne und Wind zwischenspeichern, um deren Schwankungen auszugleichen. Auch hier gibt es einen Nutzungskonflikt.
PW: Wie sehen Sie die Zukunft der CCS-Technologie?
M.F.: Die Energiewirtschaft macht schon großen Druck. Die Konzerne wissen, dass sie in 20 Jahren ein Kohlekraftwerk nicht mehr ohne CCS betreiben können. Wir sehen aber eher einen Langzeitkonflikt: Wenn jetzt in großem Stil Kohlekraftwerke mit CCS gebaut werden, müssen diese mehrere Jahrzehnte in Betrieb sein, damit sie sich rentieren. Da besteht die große Gefahr, dass in dieser Zeit die erneuerbaren Energien blockiert werden. Wenn wir bis 2050 eine annähernd klimaneutrale Energieversorgung haben wollen, müssen wir jetzt umsteuern: Wir brauchen große Stromnetze von Norwegen bis Nordafrika und von Spanien bis in die Ukraine. Je größer und weiter das Netz ist, desto leichter lassen sich die Leistungsschwankungen der Solarparks und Offshore-Windparks auffangen. Dann ist langfristig kein Platz mehr für diese mit Kohle betriebenen Grundlastkraftwerke, die rund um die Uhr laufen müssen.
PW: Ist CCS also eine Brückentechnologie, deren Ablösung bereits absehbar ist?
M.F.: Ja, aber bildlich gesprochen: Wenn man eine Brücke baut, muss man auch wissen, wo das andere Ufer ist und wie lang die Brücke sein soll. Bei der Atomkraft erleben wir das ja gerade. Mit der Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke wird die Brücke verlängert, ohne vorher geprüft zu haben, ob man sie überhaupt braucht. Doch zurück zu CCS: Auch dies ist bestenfalls eine Brückentechnologie, denn die Speicherkapazität reicht in Deutschland vermutlich nur für rund 50 Jahre - warum also nicht sofort anfangen, eine nachhaltige Langfristlösung anzugehen?
Interview: Annika Franck, Stand vom 25.11.2009







