Geo-Engineering - Interview mit Sven Plöger
Planet Wissen (PW): Herr Plöger, das Zauberwort heißt Geo-Engineering. Welches Ziel haben die Erd-Ingenieure?
Sven Plöger (S.P.): Das Ziel beim Geo-Engineering ist es, durch technische Maßnahmen in verschiedene Kreisläufe unseres Klima- und Erdsystems einzugreifen, um damit die Erwärmung unseres Planeten oder die Versauerung der Meere schneller abzubremsen, als es durch die herkömmlichen Klimaschutzansätze möglich ist. Der Hintergrund solcher Gedankenspiele ist die Vermutung, dass man den bereits massiv durch uns Menschen angestoßenen Klimawandel sonst nicht mehr in den Griff bekommen könnte.
PW: Das ist wahrlich Denken im großen Stil. Wie soll das Klimasystem denn gesteuert werden?
S.P.: Es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen, die vorgeschlagen werden. Ein Grundgedanke ist dabei, die auf die Erde treffende Sonnenenergie zu reduzieren. Durch Sonnensegel im Weltall soll die Erde beispielsweise beschattet werden. Oder es wird darüber nachgedacht, durch eine Unzahl von Glasscheiben, die dann wie Spiegel wirken, Sonnenlicht zu reflektieren. Oder man versucht, die Wolkenbildung in der Atmosphäre zu verstärken. Zum Beispiel durch Spezialschiffe, die salzhaltiges Meerwasser in die Atmosphäre sprühen. Um der Versauerung der Meere entgegenzutreten, ist auch das massive Kalken des Ozeans im Gespräch.
PW: Auch renommierte Wissenschaftler wie der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen sind Anhänger der Idee, die Welt global umzuformen. Was schlägt er vor?
S.P.: Paul Crutzen möchte die Stratosphäre - das ist die Schicht unserer Atmosphäre, die etwa 20 bis 50 Kilometer hoch ist und sich oberhalb der Troposphäre, in der sich unser Wettergeschehen abspielt, befindet - wolkenreicher machen, um so die Sonneneinstrahlung zu vermindern. Dies soll durch Unmengen von Schwefel geschehen, der künstlich eingebracht wird. Er meint, die abkühlende Wirkung sei dann ähnlich wie bei großen Vulkanausbrüchen, die unsere Erde ebenfalls abkühlen. Das konnte man zum Beispiel 1992 nach dem Ausbruch des Pinatubo bemerken, wodurch die globale Mitteltemperatur um etwa 0,5 Grad Celsius sank.
PW: Und was halten Sie davon?
S.P.: Gar nichts und zwar aus zwei Gründen: Erstens hat der Mensch schon bei viel kleineren Projekten, bei denen er in die natürlichen Kreisläufe eingegriffen hat, eindrücklich bewiesen, dass es unmöglich ist, die vielen unerwünschten Nebeneffekte im Vorfeld überhaupt zu kennen und richtig einzuschätzen. Oder möchten Sie Milliarden von Tonnen Schwefel über ihrem Kopf schweben haben, dessen Wirkung Sie nicht überblicken und der das Sonnenlicht fahl werden lässt?
Zweitens sind der technische Aufwand und die technischen Hürden bei solchen weltumspannenden Riesenprojekten noch viel größer, als sie es schon bei vernünftigen Maßnahmen sind, wie dem Wandel unserer fossilen Energieversorgung hin zu regenerativer Energie.
Für mich machen diese Gedankenexperimente des Geo-Engineering eher den Eindruck, dass man sich vor den vielen konkreten, aber lösbaren Problem eines vernünftigen Klimaschutzes mit all seinen Herausforderungen, auch für jeden einzelnen von uns, herumdrücken möchte. Man neigt deshalb dazu, in eine Phantasiewelt zu entschwinden, die der Lösung der wirklichen Probleme in keiner Form hilft, sondern allenfalls neue schafft und gleichzeitig Zeit kostet, die man nach meiner Auffassung sinniger einsetzen könnte.
Treibhauseffekt (1'24'')
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PW: Momentan heiß diskutiert wird die Technologie, Kohlendioxid gleich bei der Produktion in den Kohlekraftwerken abzufangen, also nicht in die Atmosphäre gelangen zu lassen und das Gas dann unter der Erde zu speichern. Wäre dies vielleicht eine Alternative?
S.P.: Diese sogenannte Sequestrierung von Kohlendioxid ist sicherlich ein gedanklich spannender Ansatz, und es ist zur weiteren umweltfreundlicheren Nutzung beispielsweise von Kohle sicher vernünftig. Allerdings sind noch viele technische Hürden zu nehmen, sodass mit einer Einsatzreife erst in rund 20 Jahren gerechnet werden kann. Zudem liegen auch in dieser Technologie viele Unsicherheiten. Dringt das unter die Erde gebrachte CO2 doch wieder aus, so ist nichts gewonnen. Passiert dies eventuell in hoher Geschwindigkeit, besteht sogar Lebensgefahr.
PW: Warum stecken Menschen so viel Energie in die Entwicklung dieser Großtechnologien, anstatt das zu nutzen und auszubauen, was es schon längst gibt: die erneuerbaren Energien?
S.P.: Es hat meiner Ansicht nach mit dem Zeitaufwand zu tun. Der weltweite Energiewandel weg von fossiler und hin zu regenerativer Energie ist eine Aufgabe, die Jahrzehnte dauert. Vor solchen Zeiträumen und Anstrengungen schrecken wir zurück und wünschen uns einen schlagartigen Wechsel in eine neue Welt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir uns selbst immer wieder die vielen Möglichkeiten vor Augen führen, die wir heute schon haben. Wenn dann jemand zusieht, wie andere Erfolg mit der Nutzung erneuerbarer Energie haben, dann ist er eher motiviert es nachzumachen. Diesen Weg, den Weg des praktisch Machbaren, müssen wir einschlagen.
PW: Wir wissen, dass viele unserer Verhaltensweisen besonders klimaschädlich und eigentlich unnötig sind: Kurzstreckenflüge, kurze Fahrten mit dem Auto, falsches Lüften. Warum verhalten wir uns nicht anders, obwohl wir ja wissen, was gut und schlecht fürs Klima ist?
S.P.: Weil wir Menschen "Gewohnheitstiere" sind. Wir machen bestimmte Dinge, wie wir sie machen, weil wir sie schon immer so gemacht haben. Deshalb ist Klimabildung viel hilfreicher als das gebetsmühlenartige Wiederholen des allenfalls zur Resignation führenden Begriffs "Klimakatastrophe". Die Masse mitzunehmen klappt mit Information, denn auch der Laie muss die groben Zusammenhänge begreifen, mit Wettbewerb, bei dem einer dem anderen beweist, dass er weniger CO2 emittiert, und mit dem Portemonnaie. Wer die Umwelt verschmutzt, muss viel Geld bezahlen, wer sie sauber hält, muss Gewinner sein. Dafür braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen.
PW: Ist es nicht auch psychologisch ein Problem, dass die Klimaproblematik so riesengroß erscheint? Dass man das Gefühl hat, als Einzelner kaum etwas bewirken zu können?
S.P.: Ja klar. Man ist vom Ausmaß der Aufgabe erschlagen und der Begriff "Klimakatastrophe" tut eben sein Übriges, uns zu bremsen und zu demotivieren. Deshalb muss man die Aufgabe in machbare Stücke zerlegen und sich auch immer wieder vor Augen führen, was der Mensch sonst schon alles geschafft hat. Sei es die Reduktion von Schwefeldioxid um 93 Prozent seit den 1980ern, das Säubern unserer Flüsse in den letzten Jahren oder ganz andere Dinge wie den Mauerfall 1989. Wer hätte noch 1987 gedacht, dass es ihn schon zwei Jahre später geben würde? Wir brauchen Optimismus, wir müssen unsere Chancen sehen. Wie ein Sportler. Wenn er den Wettkampf gewinnen will, werden ihm Selbstzweifel, Bedenkenträgerei und Angst vor der Herausforderung kaum weiterhelfen.
Interview: Monika Sax, Stand vom 25.11.2009







