Thermik - der Schlüssel zum Fliegen
Ein Aufstieg wie im Fahrstuhl
Drachenflieger schrauben sich mithilfe der Thermik in den Himmel. Thermik ist ein warmer Aufwind, der entsteht, weil die Sonne die Luft am Boden erwärmt. Die warme Luft ist leichter als die kalte. Sie steigt also nach oben, während die kalte Luft nach unten sinkt. Dieser warme Aufwind ist so stark, dass er Drachenflieger nach oben in die Höhe saugt.
Die beste Thermik finden Drachenflieger in Schäfchenwolken. Dort geht es wie in einem Aufzug ruck, zuck nach oben. Unter optimalen Bedingungen wird der Drachenflieger genauso schnell wie ein Flugzeug beim Start. Das entspricht einer Geschwindigkeit von fünf bis acht Metern pro Sekunde.
An den Vögeln orientieren
Kornfelder oder Felsen werden von der Sonne schneller aufgewärmt als dunkle Wälder oder Seen. Es entsteht eine warme Luftblase, die anfangs am Boden haftet, bis sie sich an einer Stelle vom Boden löst und nach oben steigt. Aber nicht immer kann ein Drachenflieger Thermik gleich erkennen, denn nicht immer gibt es am Himmel Schäfchenwolken. Bei strahlend blauem Himmel orientieren sich die Piloten zum Beispiel an den Vögeln. Diese haben einen Instinkt für Thermik. Dort, wo sie sich kreisförmig nach oben schrauben, können das auch Drachenflieger.
Pommes- und Eukalyptusthermik
Manchmal können Drachenflieger den warmen Aufwind auch riechen. Denn die Luft nimmt den Geruch des Ortes an, von dem aus sie aufsteigt. In den Bergen riecht die Thermik dann nach Tannen und im australischen Outback nach Eukalyptus. Die Weltmeisterin im Drachenfliegen, Corinna Schwiegershausen, ist auch schon mit Pommesthermik geflogen. In Darmstadt gibt es nämlich eine Chips-Fabrik, dort duftet warmer Aufwind nach Fritten. Am unangenehmsten fand sie bisher die Erdölthermik während einer Weltmeisterschaft in Texas.
Wenn Drachenflieger die Thermik weder riechen noch sehen können, hilft ein Blick auf ihr Variometer. Das ist ein Apparat, den sie neben ihrem GPS-Gerät (Global Positioning System) mit auf ihre Flüge nehmen. Das Variometer hilft dabei, Aufwinde aufzuspüren und unerwünschte Abwinde anzuzeigen. Je höher es geht, desto schneller wird der Signalton des Geräts.
Gefahren der Luft
Doch das Spiel mit der Thermik will beherrscht sein. Die Piloten sind vom Wetter abhängig und müssen sich deshalb vor jedem Flug genau darüber informieren. Bei stärkerem Wind, Föhn oder Gewitter zu fliegen, kann sowohl für Drachen- als auch für Gleitschirmflieger sehr gefährlich sein. In einer Gewitterwolke läuft die Wolkenbildung mit großer Heftigkeit ab. Wenn der Nachschub mit Feuchtigkeit vom Boden nicht abreißt, kann eine Gewitterwolke bis auf eine Höhe von 14 Kilometern nach oben schießen. Dazu kommen Aufwinde von bis zu 100 Kilometern pro Stunde.
Gefangen in der Gewitterwolke
Wie gefährlich ein Flug bei Gewitter sein kann, musste zum Beispiel die Gleitschirmfliegerin Ewa Wisnierska 2007 erfahren. Während eines Trainingsflugs in Australien entwickelt sich eine scheinbar harmlose Wolke zu einer Gewitterwolke. Durch vorangegangenen Regen ist viel Feuchtigkeit in der Luft, die Wolken quellen auf.
Ewa Wisnierska fliegt weiter. Sie wird von den Aufwinden der Gewitterwolke nach oben gesaugt und verliert die Kontrolle über ihren Schirm. Im Inneren der Wolke wird sie hin- und hergeschleudert, von Regen und Hagelkörnern getroffen. Die Temperatur sinkt auf unter minus 40 Grad. In nur wenigen Minuten steigt Ewa Wisnierska von 760 auf rund 10.000 Meter. Das ist die Höhe, in der Flugzeuge fliegen. Ewa Wisnierska wird bewusstlos und treibt für mehr als eine halbe Stunde durch eisige Höhen.
Schließlich lässt das Gewitter nach und Ewa Wisnierska sinkt wieder nach unten. Sie ist noch auf 6900 Metern Höhe, als sie wieder aufwacht. Mit letzter Kraft schafft sie es zu landen und kommt mit Erfrierungen an Ohren und Beinen sowie ein paar blauen Flecken davon. Sie hat riesiges Glück gehabt. Wenige Tage nach ihrem Unfall ist sie wieder in der Luft.
Annika Zeitler, Stand vom 09.02.2012
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