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Der Golfstrom und die Tier- und Pflanzenwelt

Palmen in Irland? Apfelbäume in Nordnorwegen? Barrakudas vor der Küste Cornwalls? Sandtigerhaie im nördlichen Atlantik? Auf den ersten Blick scheint dies unmöglich. Dennoch finden diese Tiere und Pflanzen entgegen ihrer üblichen Verbreitungsgebiete auch weit im Norden ihr Auskommen. Verantwortlich dafür ist der Golfstrom.

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Reisende mit dem Golfstrom (2'08'')
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Quell des Lebens

Der Golfstrom ist ein wahrer Hort des Lebens, auch wenn er auf den ersten Blick für Tiere und Pflanzen gar nicht so attraktiv erscheint. Warmes Wasser allein ist kein Garant für überbordendes Leben. Eher das Gegenteil ist der Fall: Es liefert nur sehr wenig Nahrung. Dennoch führt der Golfstrom trotz seines warmen Wassers eine üppige Tier- und Pflanzenwelt mit sich. Das liegt zum einen an der guten "Düngung" des Golfstroms. Dafür verantwortlich sind die Winde, die über die Sahara in Richtung Atlantik hinwegfegen. Sie transportieren Mineralien, Schwefel und Eisen mit sich, die für ein ausgesprochen gutes Algenwachstum sorgen. Tierische Kleinstlebewesen, das sogenannte Plankton, folgt nach. Diese haben wiederum kleine Raubfische im Schlepptau, gefolgt von größeren Fischen, Robben, Riesenhaien und Schildkröten. So kommt die ganze Nahrungskette in Bewegung.

Leuchtturm an einem Strand (Rechte: dpa)

Am Cape Hatteras ist die Unterwasserwelt besonders vielfältig

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Zum anderen fließt der Golfstrom nicht schnurgerade. An der amerikanischen Küste gleitet er in Mäandern dahin, bevor sich ab dem Cape Hatteras zahlreiche Wirbel bilden, die sich teilweise sogar vom Hauptstrom abtrennen. Durch die unregelmäßige Fließrichtung des Golfstroms haben somit kalte Wassermassen mit ausreichend Nährstoffen immer wieder die Chance, an die Wasseroberfläche zu gelangen und sich mit dem Warmwasser zu vermischen.

Fische lieben diese Turbulenzen, das Zusammentreffen kalter und warmer Wassermassen. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade am Cape Hatteras, wo der Golfstrom auf die Ausläufer des kalten Labradorstroms trifft, die Unterwasserwelt besonders reich ist. Einige Fischarten haben hier ihr nördlichstes, andere ihr südlichstes Vorkommen. Arktische Meeresbewohner treffen so auf Tiere, die eher in tropischen und subtropischen Gewässern zu Hause sind.

Unechte Karettschildkröte unter Wasser. (Rechte: dpa)

Nur eine von 10.000 schafft die komplette Reise

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Wundersame Reisen mit dem Strom

Doch manche Tiere suchen den Golfstrom nicht nur wegen des üppigen Nahrungsangebots auf, sondern nutzen ihn auch als gigantisches Beförderungsmittel. Die Unechte Karettschildkröte beispielsweise hat ihre Geburtsstätte an den Stränden Floridas. Kaum aus dem Ei geschlüpft, begibt sie sich schon auf eine lange und gefährliche Reise. Seit Urzeiten folgen alle Schildkröten ihrem Instinkt. Mit dem Golfstrom lassen sie sich nach Norden treiben. In den Seetangwäldern, die der Strom mit sich führt, können sich die noch kleinen Schildkröten verstecken und Nahrung suchen.

Jahrelang halten sich die Schildkröten immer in der Umgebung des Stroms auf. Doch eine innere Uhr zwingt sie zur Rückkehr an den Heimatstrand. Nachdem sie mit dem Kanarenstrom Richtung Süden abgebogen sind, bringt sie der Nordäquatorialstrom zurück in die Karibik. 15 bis 20 Jahre halten sie sich in den warmen Gewässern auf, bevor sie sich erneut aufmachen. Zur Paarung schwimmen sie zurück in ihre Heimatgefilde. Ein paar Wochen später machen sich dann wieder viele kleine Schildkröten auf die gefährliche Reise.

Kopf eines Aals. (Rechte: Interfoto)

Europäischer Flussaal

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Auch der Europäische Flussaal nutzt den Golfstrom als Fortbewegungsmittel, und das gleich zweimal in seinem Leben. Schon in der Antike wurde der Aal als Speisefisch hochgeschätzt. Doch man wunderte sich, dass man nie junge Aale oder Eier in einem weiblichen Aal fand. Das hat einen besonderen Grund: Im fortgeschrittenen Alter von etwa zehn Jahren machen sich die erwachsenen Aale auf zu ihrem Laichgebiet, das in der Sargasso-See mitten im Atlantik liegt. Die Reise mit dem Kanaren- und Nordäquatorialstrom dauert etwa ein Jahr. In der Sargasso-See paaren sie sich und legen ihre Eier in 400 bis 700 Meter Tiefe ab. Die jungen, soeben geschlüpften Aale treibt es alsbald in die Heimat ihrer Eltern zurück. Und hier kommt der Golfstrom wieder ins Spiel. Er nimmt sie mit auf ihre Reise gen Norden. Nach und nach verlassen die Aale dann den Strom, je nachdem, welchen Süßwasserfluss ihre Eltern als Heimat hatten. Manche der Aale biegen schon in Höhe Spaniens oder Frankreichs ab, andere hingegen bleiben in seinem Sog, bis sie Nordeuropa erreicht haben. Wenn sie als ausgewachsene Aale allen Gefahren getrotzt haben, kehren sie wieder an ihre Geburtsstätte in der Sargasso-See zurück.

Eine Palme vor einem irischen Cottage. (Rechte: dpa)

Kein ungewöhnliches Bild: Palmen in Irland

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Die Heizung: Kessel, Rohre und Verteilung

Der amerikanische Naturforscher Matthew Fontaine Maury (1806-1873) bezeichnete den Golfstrom einst als gigantisches Heizungssystem. Der mexikanische Golf und das Karibische Meer seien der Kessel und der Golfstrom die Leitungsrohre, die das warme Wasser transportieren. Doch erst die Winde brächten den Küsten in Mittel- und Nordeuropa ihr angenehmes Klima. Was Maury noch vermutete, hat sich mit der Zeit bewahrheitet. Das warme Wasser des Golfstroms verdunstet an der Oberfläche. Da auf der Nordhalbkugel vorwiegend Westwinde vorherrschen, treiben diese die aufgeheizte Luft über der Wasseroberfläche auf die Küsten Europas zu. So können zum Beispiel in Irland oder Norwegen Pflanzen gedeihen, die nirgendwo sonst auf der Welt in diesen Breitengraden vorkommen.

Dicht bewachsener botanischer Garten in Schottland. (Rechte: Imago Sportfotodienst)

Üppige Natur im Norden Schottlands

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Die Profiteure der Heizung

1863 beginnt der junge Lord Osgood Mackenzie, auf seinem Grund im Nordwesten Schottlands einen Garten anzulegen. Seine Landsleute belächeln zunächst seinen Eifer, doch Mackenzie lässt sich nicht beirren. Aus der ganzen Welt lässt er Pflanzen herbeischaffen, die eigentlich gar nicht nach Nordschottland passen. Vor allem die Rhododendren gedeihen im Inverewe Garden wunderbar und blühen in allen Farben. Was einst als Experiment eines Spinners abgetan wurde, ist heute eine der reichsten botanischen Sammlungen der Welt, die unter den Fittichen des "National Trust of Scotland" steht.

Doch auch der Zufall half in der Vergangenheit bei der Verbreitung ungewöhnlicher Pflanzen in Europa mit. Im Südwesten Irlands stehen beispielsweise ganze Alleen von Palmen. Wie sie sich dort angesiedelt haben, ist nicht genau geklärt. Entweder brachten Seefahrer einst die Früchte mit und warfen sie anschließend arglos weg. Oder der Golfstrom hat die Samen der Palmen selbst mit sich geführt und an die Küsten Irlands gespült.

Blühende Apfelbäume in einem norwegischen Fjord. Im Hintergrund verschneite Berge. (Rechte: Mauritius)

Hoch im Norden Norwegens blühen sogar Apfelbäume

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Noch weiter Richtung Norden verwandeln sich die norwegischen Fjorde im Frühjahr in ein weißes und rosafarbenes Blütenmeer. Tausende von Obstbäumen beginnen in dieser Zeit zu blühen. Die milde Luft, die vom Golfstrom in die Fjorde geweht wird, lassen in diesen Gefilden sogar einen professionellen Obstanbau zu. Seit einiger Zeit werden sogar Versuche unternommen, in Norwegen Wein anzubauen. Hierfür ist der Golfstrom allerdings nicht alleine verantwortlich. Er sorgt nur für die Grundvoraussetzungen. Im Zuge der allgemeinen Klimaerwärmung verschiebt sich der Weinbau auf der ganzen Welt Richtung Norden. Dass wir in Zukunft aber ein Fläschchen Wein aus Norwegen genießen können, ist gar nicht so abwegig. Schon im Hochmittelalter zwischen 1200 und 1300 ist während einer Wärmeperiode Wein in Norwegen angebaut worden.

Tobias Aufmkolk, Stand vom 15.12.2010

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