Das Schwarze Meer als Konfliktherd - Interview mit Stefan Troebst
Planet Wissen (PW) : Was bedeutete damals der Zusammenbruch des Sowjetreichs für die Länder an der Schwarzmeerküste, die ja zur Einflusszone der Sowjets gehörten?
Stefan Troebst (S.T.): Das war in den verschiedenen Ländern unterschiedlich. Für die Ukraine war es eine ambivalente Sache, während Bulgarien und Rumänien den Zusammenbruch lange als reine Befreiung empfunden haben. Allerdings auch das nur bis zum Winter 1997, denn der war so hart, dass die Zentralheizungen bei minus 25 Grad nicht mehr funktionierten. Da merkten die Bulgaren und Rumänen plötzlich, was man früher am spottbilligen Öl aus Russland hatte, und das hat die Euphorie ziemlich gebremst.
In der Vergangenheit war es so, dass die verschiedenen Teilrepubliken kaum etwas miteinander zu tun hatten. Die Bulgaren haben seit dem Osmanischen Reich mit den Türken ein Problem und das beeinflusst noch heute die Befindlichkeiten. Auch die Rumänen und Bulgaren konkurrieren eher, als dass sie kooperieren, beispielsweise in der EU. Über die Donau, die natürliche Grenze zwischen den beiden Ländern, führt auf 500 Kilometern nur eine einzige Brücke, die zweite Brücke wird seit 18 Jahren gebaut, ohne fertig zu werden. Und Russland sieht die ehemaligen Sowjetrepubliken, besonders die Ukraine, eigentlich immer noch als eigenen Hinterhof. Für Russland ist die Ukraine immer noch kein richtiger Staat. Aber so langsam setzt sich doch die Erkenntnis durch, dass man besser für die Zukunft gewappnet ist, wenn man aufeinander zugeht und Allianzen schmiedet.
PW : Teilweise ist die Lage aber verzwickt. Die Ukraine zum Beispiel ist teilweise, besonders auf der Halbinsel Krim, sehr russisch geprägt. Inwieweit führt das heute zu Konflikten?
S.T.: Ja, das führt zu Konflikten und die Krim ist dafür ein extremes Beispiel. Auf der Halbinsel in Sewastopol haben die Russen einen großen Militärhafen für die berühmte russische Schwarzmeerflotte gebaut. Chruschtschow hat die Krim aber 1954 der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geschenkt - natürlich in der Annahme, dass das niemals völkerrechtliche Konsequenzen haben würde. Als dann die Sowjetunion zusammenbrach, gehörte dieser russische Militärhafen plötzlich nicht mehr zu Russland. Auch die Bevölkerung auf der Krim ist sehr russisch geprägt und es gab - wie an vielen Orten - in den 90er Jahren hochbrisante Auseinandersetzungen zwischen den Krimrussen und den Ukrainern. Glücklicherweise konnte der Konflikt so gelöst werden, dass die Krim einen besonderen Autonomiestatus innerhalb der Ukraine erhielt. Aber für manche Russen ist es noch heute unmöglich zu akzeptieren, dass die Krim nicht russisch ist.
PW: Eine russische Flotte an ukrainischer Küste - ist das nicht grundsätzlich problematisch für die Ukraine?
S.T.: Ja, das ist sozusagen eine tickende Bombe. Da gibt es viel Nervosität, denn Russland hat sozusagen einen Mietvertrag mit der Ukraine für die Schwarzmeerflotte und der läuft 2017 aus - das ist ja gar nicht mehr lange hin. Russland geht davon aus, dass der Vertrag verlängert wird. Das wird die Internationale Gemeinschaft und die EU genau verfolgen müssen. Denn es geht um die Autonomie der Ukraine. Bislang wollte die Ukraine besonders nach der Orangen Revolution Mitglied der EU werden. Anfang 2010 aber hat der pro-russische Kandidat Janukowitsch bei den Wahlen gesiegt. Und er hat ein verheerendes Signal - völlig ohne Not - an Russland ausgesandt, nämlich dass die Verlängerung des Vertrags für die Schwarzmeerflotte eine Verhandlungssache sei. Es steht zu befürchten, dass er den Vertrag benutzen will, um gute Preise bei Gas und Öl zu bekommen. Damit haben aber nicht nur viele Ukrainer ein Problem, denn es würde bedeuten, dass sich das Land selbst entmündigen würde. Auch die EU hätte ein enormes Problem, denn dann hätte sie eine weitere schwierige Grenze.
PW: Es gibt noch andere Konfliktherde am Schwarzen Meer, Abchasien und Südossetien beispielsweise. Auch hier hat sich die russische Armee 2008 eingemischt.
S.T.: Einen sogenannten "eingefrorenen Konflikt" gibt es in Transnistrien. Politikwissenschaftler nennen einen Konflikt "eingefroren", wenn er auch wieder "heiß" werden könnte. Transnistrien ist das Grenzgebiet zwischen Moldova - das heute nicht mehr ans Schwarze Meer grenzt, das früher aber mal getan hat und sich daher auch als Schwarzmeeranrainer fühlt - und der Ukraine. Die Zentralregierung in Moldova hat dort keine Macht, Transnistrien ist quasi autonom, aber es ist international nicht anerkannt, ähnlich wie Taiwan oder Nordzypern. Das ist insofern heikel, als dass dieser Konflikt seit 1990 ungelöst ist und dort eine Generation mit einer Pseudoidentität heranwächst: Diese junge Generation lebt nicht in Moldova, nicht in der Ukraine, aber Transnistrien gibt es offiziell auch nicht.
PW: Ethnische, nationale Konflikte sind also in der Region nach wie vor nicht ausgestanden. Unabhängig davon: Was hat sich denn positiv verändert durch das Ende des Kalten Krieges?
S.T.: Das Schwarze Meer ist insgesamt offener geworden. Es gibt neue wirtschaftliche Allianzen. Die Türkei knüpft engere Kontakte mit Russland. Es gibt eine Schwarzmeer-Allianz, also politische und ökonomische Zusammenarbeit, und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass man die Zukunft besser meistern kann, wenn man gemeinsame Strategien entwickelt. Denn die Region wird enorm an Bedeutung gewinnen, auch für uns als EU-Länder. Über das Schwarze Meer läuft die Route für das Öl aus dem Kaspischen Meer. Bislang hat die EU das Schwarze Meer kaum auf dem Bildschirm, aber das wird sich ändern, da bin ich mir sicher! Und für die Länder wird es auch so sein, dass sie sich ordnen und - entgegen aller Vorhersagen - ihre Konflikte beilegen und die regionalen Kooperationen ausbauen. Solche Initiativen gibt es bereits und sie entwickeln sich immer besser.
Interview: Christiane Gorse, Stand vom 15.03.2011








