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Schleimplize

Sie sind weder Tier noch Pflanze, aber auch kein echter Pilz. Schleimpilze haben ihren eigenen, faszinierenden Lebensentwurf. Manchmal sind sie winzig klein und nur mit der Lupe zu entdecken. Ein anderes Mal sind sie eine große wabernde und schleimige Masse, die über den Untergrund kriecht, alles Verwertbare überwuchert und in sich zusammenfallen lässt. Das glibberige, gefräßige Etwas ist immer auf der Suche nach seinen Leibspeisen: Bakterien, Einzellern oder auch Pilzen.

Nahaufnahme von Pilzsporen, an deren Enden Wassertropfen sitzen. (Rechte: WDR Freeze)

Schleimpilz aus der Nähe

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Absonderliche Lebensform

Myxomyceten - so nennen Wissenschaftler die Schleimpilze - gehören zu den absonderlichsten Lebensformen, die unseren Planeten besiedeln. Viele wissen überhaupt nicht, dass es sie gibt, obwohl die erste Schleimpilz-Spezies schon Mitte des 17. Jahrhunderts beschrieben wurde. Inzwischen sind weltweit etwa 1000 verschiedene Schleimpilz-Arten bekannt, doch Experten gehen von einer Vielzahl weiterer, bisher unentdeckter Arten aus.

Das Bild zeigt ein orange gefärbtes Plasmodium eines Schleimpilzes mit zahlreichen Adern

Nur als Plasmodium sind Schleimpilze wirklich schleimig

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Der Lebenszyklus der Schleimpilze ist kompliziert und faszinierend zugleich: Aus fünf bis 20 tausendstel Millimeter großen Sporen schlüpfen nur mit einem Chromosomensatz ausgestattete Schwärmerzellen (Myxoflagellaten), die sich in feuchter Umgebung durch Geißelschlag fortbewegen können. Ist es dagegen trocken, bilden sich in den Sporen so genannte Myxamöben, die keine Geißeln besitzen und sich wie andere einzellige Organismen mit Hilfe ihrer Plasmaströmung fortbewegen können. Wie von Zauberhand können sich je nach Wasserangebot Myxoflagellaten und Myxamöben in die jeweilige andere Form umwandeln - entsprechend der gerade günstigeren Fortbewegungsform.

Die vier Zeitrafferaufnahmen zeigen das Wandern eines weiß-beigen Plasmodiums.

Schleimpilze bewegen sich fort - wenn auch langsam .

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Gewappnet für schlechte Zeiten

Für die weitere Entwicklung ist vor allem eines wichtig: ausreichende Nahrung, denn die Schleimpilz-Amöben bzw. -Flagellaten teilen sich unaufhörlich und können bei günstigen Bedingungen regelrechte Zellkolonien bilden. Wird das Fressen zu knapp oder sind andere Umweltbedingungen ungünstig, verkapseln sich die Zellen zu Mikrozysten und setzen ihre Entwicklung erst dann wieder fort, wenn bessere Zeiten angebrochen sind.

Unabhängig von ihrer äußeren Form, haben die Schwärmerzellen vor allem ein Ziel: die geschlechtliche Fortpflanzung. Dabei verschmelzen die Zellkerne und es entsteht eine Zygote, d.h. eine Zelle mit doppeltem Chromosomensatz. Aus den vereinten, winzig kleinen Schwärmerzellen wird jetzt die große, gefräßige und schleimige Plasmamasse. Bakterien, Algen und sogar die eigenen Amöben- und Flagellaten-Verwandten stehen auf dem Speisezettel. Selbst vor Fruchtkörpern echter Pilze machen sie nicht halt, überwuchern und verdauen sie vollständig innerhalb weniger Stunden. Das besondere dabei ist: Die Zellkerne des Plasmodiums, wie Wissenschaftler das schleimige Objekt nennen, verdoppeln sich in regelmäßigen Abständen, die Zellen selbst teilen sich aber nicht. So wächst ein vielkerniges Gebilde heran, das letztlich aus nur einer einzigen Zelle besteht, aber Millionen von Zellkernen enthält. Ein einzigartiger Lebensentwurf.

Das Bild zeigt ein fächerartig ausgebreitetes Plasmodium mit deutlichen Hauptadern, in denen das Zellplasma transportiert wird.

In den deutlichen Adern des Plasmodiums strömt das Zellplasma

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Riesenhafte Zellen

Auf diese Weise erreicht die Riesenzelle oft gewaltige Ausmaße. Bei den meisten Arten werden die Plasmodien so groß wie eine menschliche Hand. Es gibt aber auch Arten wie Brefeldia maxima oder Physarum polycephalum, die über einen bis zwei Quadratmeter ausgedehnt sind. Ein besonders außergewöhnlicher Fund aus Großbritannien berichtet sogar von einem etwa viereinhalb Quadratmeter großen Exemplar der Art Trichia scabra, das sich in einem Ulmenstamm breit gemacht hatte. Das ist Rekord für die Größe einer Einzelzelle.

Die schleimigen Vielfraße können sich mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter in der Stunde fortbewegen und dabei sogar Hindernisse überwinden. Dabei helfen ihnen Myosin- und Aktinfäden in der Zelle - Eiweißelemente, die zum Beispiel auch bei allen Säugetieren und den Menschen am Muskelaufbau beteiligt sind.

Auf ungünstige Bedingungen wie Trockenheit oder fehlende Nahrung reagieren Plasmodien unterschiedlich: Manche Arten verhärten zu hornartigen "Sklerotien", die über Jahre hinweg überleben können. Andere reduzieren sich zu mikroskopisch kleinen Partikeln und werden erst dann wieder reaktiviert, wenn alles für das Überleben Wichtige stimmt.

Mehrere runde Fruchtkörper eines Schleimpilzes aus roten Sporen.

Die Fruktifikation - Fruchtkörper bilden sich

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Ein neuer Lebenszyklus beginnt

Eines Tages hört die vielkernige Gigantenzelle auf zu fressen. Sie kriecht an eine helle und trockene Stelle und verwandelt sich aufs Neue: Die "Fruktifikation" beginnt. Unzählige winziger Fruchtkörper bilden sich, in denen Sporen mit einfachem Chromosomensatz heranreifen. Dabei wird jeder der vielen Millionen Zellkerne des Plasmodiums zu einer Spore. Je nach Art können die Fruktifikationen sehr unterschiedlich aussehen.

Runde Fruchtkörper eines Schleimpilzes mit einer hellen Umhüllung.

Die Formenvielfalt der Fruchtkörper scheint grenzenlos

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Die meisten Schleimpilze lassen filigrane und bunte Gebilde wachsen, die zum Beispiel an metallisch glänzende Miniatur-Blaubeeren oder auch an winzige Wunderkerzen erinnern. Diese gestielten Formen nennt der Fachmann Sporocarpien. Andere Myxomyceten bilden ihre Sporen in flachen Polstern, die häufig noch Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Plasmodium haben. Die Formenvielfalt der Fruchtkörper ist gewaltig und ist auch für Fachleute die einzige Möglichkeit, die verschiedenen Schleimpilzarten auseinander zuhalten.

Markus Schall, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Schleimpilze, 13.11.2003

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