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Interview: Karlheinz Baumann

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Interview mit dem Naturfilmer Karlheinz Baumann

Seit über 25 Jahren beobachtet Karlheinz Baumann mit der Kamera, was sich in der Natur abspielt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Schleimpilze, denen er in den Nebelwäldern Kanadas, den Kaiserlichen Gärten Tokios oder im Wald vor seiner Haustür nachgestellt hat. Im Interview mit Planet Wissen erzählt der Naturfilmer von seiner faszinierenden Arbeit.

Das Bild zeigt Karlheinz Baumann mit einer Filmkamera. (Rechte: Karlheinz Baumann)

Karlheinz Baumann

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Planet Wissen (PW): Herr Baumann, Sie haben 70 Filme über die verschiedensten Naturthemen, über Tiere, Pflanzen, Pilze und eben auch über Schleimpilze gemacht. Wann und wie hat das mit Ihnen und den Schleimpilzen, den Myxomyceten - wie Wissenschaftler sie nennen - denn angefangen?


Karlheinz Baumann (K.B.): Pilze gehörten schon von Anfang an zu meinem Spezialgebiet. Das, was mir eigentlich auch vom Hobby her schon immer am Herzen lag, sind die Pilze insgesamt - auch die Speisepilze. Weil die Pilze nicht "filmogen" sind - sie bewegen sich ja nicht - habe ich schon vor vielen Jahren versucht, Zeitrafferaufnahmen von wachsenden Pilzen zu machen. Als ich dann mit dem Filmemachen professionell angefangen habe, wollte ich eines Tages Pilze, die nennen sich Teuerlinge, mit der Zeitrafferkamera beobachten. An der Oberseite haben diese Teuerlinge als Schutz für die Samenbehälter ein feines Häutchen.

PW: Die Teuerlinge sind ganz normale Pilze, so wie sie jeder kennt?

K.B.: Ja, genau. Und das Häutchen, das platzt auf in der Reife. Genau dieses Aufplatzen wollte ich im Zeitraffer filmen. Und da war am Rand von diesem kleinen Pilzchen, im Durchmesser vielleicht ein Zentimeter groß, so ein kleines orangefarbenes Etwas. Ich wusste dann, das ist ein Schleimpilz, weil ich das aus der Literatur kannte. Statt auf das aufplatzende Häutchen des Teuerlings habe ich dann auf diesen vielleicht drei bis vier Millimeter großen, Fleck eingestellt. Das war abends. Als ich am anderen Morgen die Aufnahme kontrolliert habe, war nichts mehr zu sehen. Da dachte ich, es sind wieder ein paar Meter Film futsch, wie das bei Zeitraffer-Aufnahmen eben ab und zu vorkommt. Und als dann der Film von der Entwicklung zurückkam, haben sich genau in dieser Nacht aus diesem kleinen orangefarbenen Plasmodium so etwa sechs bis acht Millimeter große Fruchtkörperchen entwickelt. Da war so viel Dynamik, da war so viel Leben drin, dass ich dachte: Das ist ein Thema, das du aufgreifen musst. Das war die Initialzündung und von da an bin ich dann den Schleimpilzen nachgestiegen.

Die Aufnahme eines Elektronenmikroskops zeigt vor dunklem Hintergrund eine orange farbene Kugel. Aus einem Loch in der Kugel kommt eine strahlförmige Masse, die sich zu einem Viereck ausbreitet. (Rechte: Mauritius)

Schleimpilz unter dem Elektronenmikroskop

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PW: Welche Tricks muss man denn als Filmemacher haben, wenn man das Leben der Schleimpilze zeigen möchte? Läuft das meiste im Studio ab oder doch in freier Natur?

K.B.: Zeitrafferaufnahmen lassen sich nur im Studio unter geregelten Verhältnissen machen. Das Wichtigste dabei ist: Man muss wissen, wie und wo Schleimpilze draußen wachsen. Im Studio müssen dann die gleichen Bedingungen herrschen, vor allem was die Feuchtigkeit, Temperatur und Helligkeit angeht. Und weil Schleimpilze ziemlich empfindliche Lebewesen sind - die vertrocknen sehr schnell bei zu hoher Sonneneinstrahlung - lassen sich diese Zeitrafferaufnahmen nicht mit normalen Lampen machen. Man braucht kaltes Licht, weshalb ich alle Aufnahmen mit Blitzen mache, die an die Kamera gekoppelt sind. Die Kamera steuert dann die Blitze. So kann man beispielsweise das Wachstum sichtbar machen.

PW: Was ist es denn genau, was Sie an den Schleimpilzen fasziniert? Kein Mensch kennt sie. Ist es gerade das? Das Leben im Verborgenen?

K.B.: Ja, genau das ist es. Kein Mensch kennt sie und dabei sind das Lebewesen, die bei uns recht häufig sind. Man kann sie fast das ganze Jahr über suchen. Es gibt auch welche, die wachsen sogar im Winter. Mein ganzes Film-Engagement besteht eigentlich darin: Ich möchte Leuten die Augen öffnen. Ich suche Themen danach aus. Ich mache Filme über Orchideenbestäubung, Bienen, Wespen, Schmetterlinge, Hummeln. Es sind die kleinen Dinge, die mich faszinieren. Da passen natürlich Schleimpilze ganz besonders gut. In den letzten Jahren sind sie zu meinem Lieblingsthema geworden.

PW: In Ihrem Heimatort, im schwäbischen Gomaringen, da gab es ja 1994 einen richtigen Aufruhr wegen der Schleimpilze. Was war da los?

K.B.: Ja, das war schon kurios. Es wurde ein neuer Kindergarten gebaut und die Spielplätze wurden mit Rindenschrot versehen. Im nächsten Jahr war dann plötzlich mal da ein gelber Fleck, mal dort ein gelber Fleck - richtig schwefelgelb. Weil das ziemlich unappetitlich aussah, entfernten die Kindergärtnerinnen morgens die komischen Flecken. Doch die Flecken wurden immer zahlreicher und größer. Zunächst haben es die Eltern erfahren, dann auch das Rathaus, sogar das Gesundheitsamt und das Regierungspräsidium wurden eingeschaltet. Niemand wusste, was das ist. Weil es aber so gelb und schmierig aussah, war man sich einig: Das muss giftig sein. Und dann hat die Gemeinde diesen Rindenschrot vollständig mit dem Bagger entfernt und statt Rindenschrot wurde Sand aufgeschüttet. Ich habe erst im Nachhinein von einem Freund davon erfahren. Er wollte auf einem Schredderplatz, wo der Rindenschrot des Kindergartens abgelagert war, Schrot für den eigenen Garten holen. Auf dem Schredderplatz sagte man ihm, er dürfe alles nehmen, nur nicht den vom Kindergarten. Er sei giftig und umweltbelastet! Ich bin dann hingefahren und habe die harmlosen Schleimpilze gefunden.

PW: Welche Lebensräume besiedeln Schleimpilze? Kann man sie auch in so extremen Gebieten wie Wüsten oder auch im Hochgebirge finden?

K.B.: Ja! Es gibt sie sogar in der Wüste auf Kakteen. Und dann gibt es eine ganze Gruppe, die so genannten nivicolen Schleimpilze, von denen man bisher etwa 50 verschiedene Arten kennt. Sie entwickeln sich nur unter Schnee. Der Schnee muss mindestens drei Monate liegen. Dort, wo er dann wegschmilzt, entwickeln sich die Fruchtkörperchen.

PW: Biologen sprechen bei Lebewesen allgemein immer von ökologischen Nischen, die sie im Ökosystem besetzen. Weiß man denn überhaupt, welche Funktion Schleimpilze im Haushalt der Natur haben?

K.B.: Schleimpilze haben mit Sicherheit eine ganz entscheidende Funktion in der Natur. Sie recyceln. Sie sind sogar in der Lage, in Verbindung mit Bakterien Holz abzubauen. Im nassen Laub findet man im Frühjahr eigentlich immer Schleimpilze, oder auf Blättern, wo sie Kriechspuren hinterlassen.

Ein Mann betrachtet mit einem Mikroskop eine Petrischale. (Rechte: WDR)

Schleipmilze könnten auch dem Menschen nützen

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PW: Schleimpilze können auch für den Menschen nützlich werden. Es gibt neuere Forschungsergebnisse, die für die pharmazeutische Industrie interessant sein könnten, weil Schleimpilze ganz bestimmte Stoffe produzieren. Was sind das für Stoffe und wie könnte

K.B.: Vor allem eine Schleimpilzart, Physarum polycephalum, ist in diesem Zusammenhang interessant. An diesem Schleimpilz wird schon seit 30, 40 Jahren intensiv geforscht und immer wieder entdecken die Forscher neue Dinge. Man versteht immer besser, wie die Fortpflanzung beim Schleimpilz funktioniert oder wie die Signalwirkung beim Bilden der Fruchtkörper vonstatten geht. Was man auch herausgefunden hat: Es sind unter anderem antibiotische Stoffe in den Schleimpilzen, die Bakterien zerstören können. Denn viele Schleimpilze ernähren sich fast ausschließlich von Bakterien und auch Pilzsporen. Und wer Bakterien frisst, muss auch Abwehrstoffe gegen Bakterien entwickeln.

Interview: Markus Schall, Stand vom 13.11.2003
Sendung: Schleimpilze, 13.11.2003

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ildcollage zum Thema Mikroorganismen (Rechte: David Scharf/P. Arnold, Inc./OKAPIA & dpa Picture-Alliance / Norbert F)

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