Die Entdeckung der Viren
Winzige Übeltäter
Eines steht fest: Die sonderbare Krankheit lässt sich übertragen. Immer, wenn der deutsche Mikrobiologe Adolf Mayer gesunde Tabakpflanzen mit dem Zellsaft kranker Pflanzen besprüht, zeigen auch sie später das typische Krankheitsbild: Ein mosaikartiges Farbmuster durchzieht die Blätter. Außerdem entwickeln die kranken Exemplare einen gestauchten Wuchs. Irgendeine mysteriöse Substanz muss in dem Zellsaft ihr Unwesen treiben, aber welche? Unter seinem Lichtmikroskop kann der Forscher nichts entdecken. Keine Bakterien. Mayer vermutet, die Überträger müssen noch kleiner sein. Wahrscheinlich ganz winzige Bakterien, kleiner als alle bekannten Arten. Er schreibt seine Hypothese nieder, arbeitet jedoch nicht mehr weiter daran.
Keim oder Gift?
Zehn Jahre später macht sich ein russischer Wissenschaftler daran, Mayers Vermutung zu überprüfen. Dimitri Iwanowski lässt infizierten Zellsaft durch einen speziellen Bakterien-Filter laufen. Im Filter kann er aber keine Bakterien nachweisen. Doch der Zellsaft bleibt infektiös. Iwanowski hält an der Hypothese des deutschen Forschers fest, diskutiert aber, dass auch ein Gift als Erreger möglich sein kann.
Den neuen Ansatz kann 1897 ein niederländischer Wissenschaftler einfach widerlegen: Martinus Beijerinck besprüht eine Pflanze mit infiziertem Zellsaft und nimmt wiederum diesem Gewächs infizierten Saft ab. Anschließend besprüht er eine weitere Pflanze. Diese Reihe setzt er beliebig fort. Doch der Krankmacher wird nicht schwächer. Obwohl der Forscher sozusagen immer von der Kopie die Infektion weitergibt, hält sich der Keim hartnäckig in den Gewächsen, verliert nicht mal an Wirkung. Er muss sich also irgendwie reproduzieren können. Ein Gift könnte das nicht.
Beijerinck gibt aber nicht auf. Dann stellt er fest, dass sich die krankheitsauslösende Substanz nur innerhalb von Organismen reproduzieren kann. Weder auf Petrischalen noch in Reagenzgläsern funktioniert, was Bakterien mühelos gelingt. Auch mit Alkohol lässt sich der Stoff nicht bekämpfen - sonst typisch für viele Bakterien. Beijerinck stellt sich ein infektiöses Gebilde vor, das viel kleiner und einfacher gebaut sein muss als Bakterien.
Gefunden - nach über 50 Jahren!
Die Vermutung bestätigt schließlich der Amerikaner Wendell M. Stanley 1935. Dem Forscher gelingt es nach mehr als 50 Jahren anstrengender Suche, das infektiöse Partikel zu isolieren: Nach einer Versuchsreihe enthält sein Extrakt aus Tabakpflanzen feinste Kristallnadeln, die unter dem Lichtmikroskop gerade noch sichtbar sind. Und obwohl die winzigen Nadeln keine Stoffwechselaktivität erkennen lassen, bleiben sie hoch infektiös. Stanley benutzt für das Gebilde das lateinische Wort für Gift: Virus. Zwar kann er noch nicht wissen, dass jede Nadel aus einer großen Anzahl von Viren besteht, doch seine Schlussfolgerung bleibt korrekt.
Als 1940 das erste Elektronenmikroskop entwickelt wird, wird Stanley bestätigt. Mehr noch: Es lassen sich nun viele andere Viren sichtbar machen und erforschen. Wendell M. Stanley erhält 1946 die höchste Auszeichnung für einen Wissenschaftler: den Nobelpreis - für Chemie. Das Tabak-Mosaik-Virus geht in die Geschichte ein. Und damit auch die globale Zusammenarbeit, die schließlich zum Ziel führte - nicht zum letzen Mal auf dem Feld der Virologie.
Remo Trerotola, Stand vom 28.12.2011







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