SARS - verzweifelter Kampf gegen eine globale Bedrohung
Ursprung in Hongkong
Der chinesische Professor Liu röchelt, als er am Freitag, den 21. Februar 2003, den Eingang eines Hotels in Hongkong betritt. Er fühlt sich schlecht. Schweiß rinnt von seiner Stirn. Der Mediziner will so schnell wie möglich auf sein Zimmer - und Ruhe. Er vermutet eine Grippe. Doch er weiß nicht, dass in seinem Körper eine neue tödliche Krankheit wütet. Er hatte zuvor in einer fernen Provinz Chinas Patienten mit rätselhaften Atemwegserkrankungen ähnlich einer Lungenentzündung behandelt und sich dabei infiziert. Professor Liu wird in wenigen Tagen sterben. Doch zuvor wird er noch andere Menschen mit einem neuen Virus infizieren. Er zieht eine Spur mit Milliarden Erregern hinter sich her. In jedem Hustentropfen steckt der Tod. Hotelgäste und Personal sind arglos. Auch der Rest der Welt ahnt nicht, dass er schon in kurzer Zeit in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden wird.
Im Fahrstuhl begegnet Liu einem amerikanischen Geschäftsreisenden auf dem Weg nach Hanoi in Vietnam. Auch eine Dame aus Toronto befindet sich in der engen Kabine. Sie hatte ihre Verwandten in China besucht. Beide haben nur noch 14 Tage zu leben. Im Flur trifft Liu auf Stewardessen aus Singapur. Sie werden unwillkürlich die Seuche bei ihren nächsten Stationen freisetzen.
Der Erreger zerstört die Lunge
Mit den nächsten Flugzeugen breitet sich die tödliche Infektion von Hongkong Richtung Toronto, Hanoi, Singapur und Frankfurt aus. Das gefährliche Virus setzt sich in der menschlichen Lunge fest und nutzt die Zellen in den Atemwegen, um sich selbst zu vermehren. Die Zellen der Lunge werden offenbar dabei zerstört. Der Abtransport von Kohlendioxid im Austausch zu frischem Sauerstoff wird gestört, die Lunge füllt sich mehr und mehr mit Wasser. Der Patient röchelt nach Luft und versucht, die Flüssigkeit abzuhusten. Doch es hilft nicht, er erstickt. Sechs Tage kann der Erreger außerhalb neuer Opfer überdauern. Eine neue Angst hat die Weltbevölkerung fest im Griff.
Im Flug um die Welt
Der Amerikaner, dem Liu im Fahrstuhl begegnet war, liegt inzwischen in Hanoi im Krankenhaus. Von hier aus bittet man die WHO in Genf um Hilfe. Diese veröffentlicht kurz darauf eine Meldung über rund 300 Tode in Asien durch eine rätselhafte Atemwegserkrankung. Es bestätigen sich auch die Vermutungen, dass der Keim im Herbst 2002 in China seinen Ursprung hatte. Dort aber schweigt man eisig. Niemand will eine Seuche im eigenen Land bestätigen, zu sehr fürchtet das Regime die Isolation von Handel und Tourismus. Die WHO kämpft nicht nur gegen Viren, sondern auch gegen wirtschaftliche Interessen. Eine Einreise in ein betroffenes Land kann die Gesundheitsorganisation nicht erzwingen. Und erst seit dieser SARS-Attacke darf sie überhaupt ohne die Zustimmung des betroffenen Staates Warnungen veröffentlichen. In Genf wird ein Krisenstab einberufen.
Der WHO-Arzt Carlo Urbani praktiziert in Hanoi und untersucht den schwer kranken Amerikaner. Selbstlos kümmert er sich intensiv um den Patienten und um das Krankenhauspersonal, das inzwischen auch vom Virus befallen worden ist. Doch alle Mühe ist vergebens, sein Patient stirbt. Urbani ist ratlos und gibt alle Befunde wie Laborwerte und Aufnahmen der Lunge weiter an die WHO. Kurz darauf stirbt auch er in einer Klinik in Bangkok.
Alarm in Deutschland
Die Wissenschaftler der WHO haben laufend das Gefühl, einen Schritt zu spät zu sein. Wie sollen sie die Millionen Flugbewegungen täglich überwachen? In jedem Fluggast kann die tödliche Infektion schlummern und sich in Windeseile in einer Metropole wie New York oder Hongkong ausbreiten.
Wenige Tage später erreicht ein infizierter Arzt aus Singapur den Flughafen von Frankfurt am Main. Er hatte eine jener Stewardessen behandelt, die aus Hongkong zurück in ihre Heimat gereist waren. Geistesgegenwärtig hatte der Mediziner die WHO über seine Infektion informiert. Noch am Flughafen wird er in Quarantäne genommen und überlebt. Noch weiß aber niemand, um welche seltsame Krankheit es sich handelt. Die Mediziner geben Blutproben des Patienten an Labors in Hamburg und Marburg.
Im Dauerstress zum Sieg
März 2003: Die WHO arbeitet unter Hochdruck. Sie hat 13 führende Labors der Welt dazu gebracht, ihre kommerziellen Interessen zurückzustellen und zusammenzuarbeiten. Eng vernetzt kämpfen die Forscher gemeinsam gegen die drohende Pandemie. Nur etwa vier Wochen, nachdem Prof. Liu in Hongkong das Hotel betreten hat, gelingt der Durchbruch: Die Wissenschaftler entlarven den heimtückischen Erreger: ein Virus. Genauer: ein Corona-Virus. Die Krankheit, die es auslöst, bekommt den Namen SARS - Severe Acute Respiratory Syndrome (zu Deutsch: Schweres akutes Atemwegssyndrom).
Der Keim ist auf die Zellen der menschlichen Lunge spezialisiert. Er dringt in die Zelle ein, übernimmt das Kommando und zwingt den zellulären Stoffwechsel, seine Erbmasse zu kopieren. Neue Viren werden frei und befallen weitere Zellen der Lunge. Ein tödlicher Kreislauf. In nur einer Woche ist das Genom des Virus entschlüsselt. Ein Test kann nun im Schnellverfahren SARS bestätigen, verdächtige Fälle können rasch in Quarantänestationen isoliert und behandelt werden. Die Gefahr ist tatsächlich abgewehrt, nur rund sechs Monate sind seit den ersten SARS-Fällen in Südchina vergangen. Der Zusammenschluss renommierter Labore in einer derartigen Situation ist einzigartig.
Später wird bekannt, worin genau die globale Bedrohung ihren Ursprung hatte: Einige Fledermäuse in Südchina tragen das Virus im Körper. Es wurde über Schleichkatzen auf den Menschen übertragen. Schleichkatzen sind in dieser Region eine Delikatesse.
Remo Trerotola, Stand vom 28.12.2011








