Stürme und Natur
Der Wald hat viele Aufgaben
Es mehren sich die Hinweise, dass Winterstürme in unseren Breitengraden zwar nicht unbedingt häufiger, aber mit großer Wahrscheinlichkeit heftiger und zerstörerischer werden. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem für unseren Wald. Orkan Lothar hat allein in Deutschland 40 Millionen Kubikmeter Holz zerstört und europaweit zweihundert Millionen Festmeter Holz umgerissen. Vor Generationen angelegte Wälder, die "Sparkasse" der Waldbauern, wurden binnen weniger Stunden zerstört.
Ein Grund dafür sind die zunehmenden Windgeschwindigkeiten der Stürme, ein anderer ist der Zustand des Waldes selbst. Seit Jahrzehnten greift der Mensch ins Ökosystem ein. Der Wald ist ein Wirtschaftsfaktor, der bestimmte Funktionen erfüllen muss. Er soll Holz liefern, die Luft und das Wasser rein halten, aber auch der Erholung dienen und Tieren und Pflanzen einen gesunden Lebensraum bieten. Verschiedenste Funktionen, die in Zeiten des Klimawandels immer schwerer unter einen Hut zu bringen sind. Soll der Wald seine Schutzfunktion für Mensch und Natur weiterhin erfüllen, müssen große Gebiete umgestaltet werden. Ob der Mensch zu diesem Zweck aufräumen und aufforsten soll oder ob er den Wald besser einfach sich selbst überlässt - bei diesem Thema scheiden sich die Geister.
Der Wald der Zukunft
Am Umbau des Waldes wird im Prinzip schon seit 30 Jahren gearbeitet. Seit den 1980ern ist man dabei die Fichtenbestände zu reduzieren. In den letzten 15 Jahren hat ihr Bestand bereits um sieben Prozent abgenommen, unter anderem bedingt durch den Klimawandel. Extreme Niederschläge, durchfeuchtete Böden, ausbleibende Bodenfröste und lange Trockenperioden im Sommer sorgen dafür, dass sich die Fichte mehr und mehr nach Norden zurückzieht. Mit ihren flachen Wurzeln hat sie dem Sturm weniger entgegenzusetzen als ein standortgerechter Laubbaum.
Natürlicherweise läge der Fichtenanteil in Deutschland nur bei ungefähr fünf Prozent. Dass er im Moment noch so viel höher ist, liegt daran, dass die Fichte künstlich in unsere Breiten eingeführt wurde. Sie ist der "Brotbaum" der Waldwirtschaft. Sie wächst schnell, es lässt sich viel Geld mit ihr verdienen. Das Holz eignet sich als Bauholz und für andere Zwecke mit großer Nachfrage. Nicht zuletzt durch die drohende Zunahme an starken Stürmen wird der Umbau des Waldes nun immer drängender. In Baden-Württemberg ist die Temperatur in den letzten zwei Jahrzehnten um ein Grad Celsius angestiegen. Das Klima unterhalb von 400 Metern ist zunehmend besser für Bäume wie Buche, Douglasie, Eiche, Esche, Ahorn und Kirsche geeignet als für die ursprünglich weiter im Norden beheimatete Fichte.
Therapiekonzepte für den Wald
Naturschützer fordern, viel mehr Waldfläche sich selbst zu überlassen, zum sogenannten Bannwald zu erklären, damit der Wald gesunden kann. Im Schwarzwald, im Naturschutzgebiet Ruhestein, hat man eine große Sturmwurffläche zum Bannwald gemacht und in den Jahren nach Lothar eine Explosion der Artenvielfalt erlebt. Auf dem Lotharpfad können Besucher die erstaunliche Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt selbst erleben.
Liegen gelassenes Totholz birgt aber auch die große Gefahr einer Insektenplage. Vor allem das weiche Fichtenholz verrottet so schnell, dass sich Borkenkäfer rasant vermehren. Nach Lothar hat es vielerorts Borkenkäferplagen gegeben. Das härtere Holz von Eichen und Buchen ist zwar nicht so anfällig, trotzdem halten viele Forstwissenschaftler es für keine gute Option, den Wald nach dem Sturm einfach sich selbst zu überlassen. Die Verluste in einem Wald, der wirtschaftlich genutzt werden soll, seien zu groß. Langfristig würde sich das Problem der Insektenplagen jedoch von selbst regeln.
Laubbäume statt Fichten
Ein Beispiel für den gezielten Waldumbau ist der Friesenheimer Wald bei Freiburg. Durch Lothar gingen hier ein Drittel der Waldfläche und fünfzig Prozent des Holzvorrates verloren. Das entsprach einem Wertverlust von 70 Prozent. Seither wurde durch konsequenten Umbau für mehr als vier Millionen Euro ein zukunftsfähiger, artenreicher Mischwald geschaffen, angepasst an die veränderten Bedingungen des Klimawandels. Die Friesenheimer Wälder mit Eichen, Buchen, Kastanien und Wildkirschen haben Modellcharakter.
Zehn Jahre nach Lothar sind die 450 Hektar Kahlflächen wieder geschlossen. Die Waldbauern können auch mit Buchen und Eichen Geld verdienen, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Regionen, in denen der "Brotbaum" Fichte besser wächst, werden immer schneller und billiger Holz liefern als der deutsche Markt. Viele Waldbauern konzentrieren sich deshalb mehr auf die Produktion höherer Holzqualitäten, wie zum Beispiel Eichenholz für Weinfässer, oder haben sich mit Obstbau und Tourismus alternative Einkunftsquellen geschaffen.
Orkan Lothar sorgt für Lichtblicke
Trotz aller Zerstörung, die Orkan Lothar mit sich brachte, hatte er doch auch sein Gutes. Die dunklen Tannenwälder des Schwarzwaldes haben sich gelichtet. Der Tourismus sieht sich vielerorts sogar als Gewinner. Der ehemals dunkle Tann des Schwarzwaldes wich einem lichteren Wald mit viel mehr Sonne und grandiosen Ausblicken. Ein Beispiel dafür ist der unter Wanderern bekannte Westweg. Eine 280 Kilometer lange Wanderstrecke von Pforzheim nach Basel, die nach Lothar für ihre schönen Panoramaausblicke das Gütesiegel "Wanderbares Deutschland" erhalten hat.
Pia Grzesiak, Stand vom 13.04.2011







