Landschaft mit Hindernissen - Interview mit Martin Klatt
Planet Wissen (PW): Herr Klatt, wie viele Igel werden in Deutschland pro Jahr überfahren?
Martin Klatt (M.K.): Es gibt Schätzungen, die von 150.000 bis einer Million Tiere reichen. Die Zahl ist gewaltig. Das mit den Igeln könnte man in der Tat tatsächlich schon als Schlachtfest bezeichnen, was sich auf unseren Straßen abspielt.
PW: Was treibt die Igel auf die Straße?
M.K.: Die Sehnsucht nach neuen Lebensräumen. Die Tiere versuchen neue Reviere zu erschließen, sie versuchen Partner zu finden. Das geht nur, wenn man sich auf den Weg macht. Dabei ist die Wanderung für die Tiere hochriskant, weil sie ständig auf Barrieren stoßen.
PW: Sind dabei neben den Haupthindernissen, wie Straßen und Bahnschienen, auch Neubaugebiete ein Problem?
M.K.: Die Barrieren sind tatsächlich nicht nur Straßen oder überhaupt Verkehrswege. Auch eine sehr große Ackerfläche ist ein Hindernis, das zum Beispiel ein Igel nicht überwindet. Für ihn ist der Acker als Lebensraum eben völlig ungeeignet und wird deswegen auch nicht weiter betreten. Auch Neubaugebiete sind für einen Igel nur dann interessant, wenn dort naturnahe Gärten angelegt wurden. Also Gärten mit heimischen Sträuchern, Blumen und Bäumen. Leider gibt es in vielen Neubaugebieten sogenannte Steinschottergärten, die für Igel und viele andere Tiere gänzlich ungeeignet sind.
PW: Sind Straßen, Zugschienen und große Äcker eigentlich für alle Tiere Hindernisse?
M.K.: Ja, und das Fatale ist, dass die Barrieren in der Landschaft eigentlich für jede Art unterschiedlich sind. Der Igel ist zwar eine recht mobile Tierart, aber legt keine weiten Strecken zurück. Er hat einen Aktionsradius von ein, zwei Kilometern, aber das ist natürlich nicht zu vergleichen mit einem Luchs oder Wolf, der teilweise hunderte von Kilometern zurücklegt. Diese Tiere stoßen bei ihren Wanderungen mehrfach auf diese Barrieren. Und das Risiko überfahren zu werden, steigt mit jedem Mal.
PW: Für einen Schmetterling sind bereits landwirtschaftlich genutzte Flächen ein Problem. Welche Probleme haben diese Insekten denn damit?
M.K.: Zum einen ist es die Art, wie die Böden heutzutage behandelt werden: Man düngt sie, um die Erträge zu erhöhen. Man eliminiert andere Pflanzen, weil sie Konkurrenten für die Nutzpflanzen sind. Und Tiere, die den Mais, das Getreide oder die Kartoffeln anknabbern könnten, werden ebenfalls nicht geduldet. Dieses Nichtdulden äußert sich im Anwenden von Pestiziden, Insektiziden und Herbiziden. Und dann kommt hinzu, dass Äcker und Felder, der Mechanisierung der Landwirtschaft folgend, möglichst groß sein sollen. Insekten, Wildbienen, Schmetterlinge finden fast keine Nahrung mehr, weil sie auf diesen riesigen Flächen kaum noch Wildblumen oder Wildkräuter finden. Außerdem orientieren sich Insekten mit ihrem Geruchssinn. Wenn die schon gar nicht mehr riechen, dass da irgendwo eine Blume steht, dann ist es vorbei.
PW: Das Problem mit den großen landwirtschaftlichen Flächen betrifft ja nicht nur Schmetterlinge, sondern auch die Wildbienen. Wildbienen sind ja wichtige Bestäuber. Schaden wir uns da nicht selbst?
M.K.: Das ist immer so: Wenn wir Naturschutz nicht ernst nehmen, schaden wir am Ende immer uns selbst. Wildbienen haben eine Schlüsselstellung, weil sie das Bindeglied zwischen Blumen, Nutzpflanzen und Insekten sind. Ohne Wildbienen und Insekten gibt es auch keine Äpfel, keine Kirschen, keine anderen Nutzpflanzen. Die Bestäubungsleistung von Insekten wird nach einer Studie weltweit auf einen finanziellen Gegenwert von jährlich 150 Milliarden Euro beziffert. Dennoch weigere ich mich, das nur immer in Verbindung mit einer Nutzleistung zu sehen. Den Wert von Tieren und Pflanzen in Geld messen zu wollen, verbietet sich von selbst. Natur gilt es auch um ihrer selbst Willen zu schützen. Man kann das auch unter "Bewahrung der Schöpfung" zusammenfassen.
PW: Sind sich eigentlich Naturschützer und Bauern per se so was wie ein natürlicher Feind?
M.K.: Die Bauern merken zunehmend, dass diese Art zu wirtschaften im Grunde genommen nicht allen dient. Es muss also etwas getan werden. Umgesetzt werden muss es von der Politik. Es muss Entschädigungen für Bauern geben, die wieder Flächen brachliegen lassen oder beispielsweise Blumenwiesen, Hecken oder Bäume zulassen. So etwas bedeutet für den Bauern weniger Ertrag, und eben dieser sollte ihnen dann erstattet werden. Dafür kämpfen Naturschützer derzeit und sind auf einem guten Weg. Ich bin da ganz zuversichtlich, auch wenn man dabei gegen die Lobby der Chemieriesen antreten muss, die natürlich ihre Produkte weiterhin verkaufen wollen.
PW: Haben Sie für alle Menschen, die nach diesem Appell für einen Biotopverbund auch etwas für die gefährdeten Wildtierbestände tun möchten, noch einen Tipp? Was kann der Einzelne tun, um Sie darin zu unterstützen?
MK: Jeder Einzelne kann die Vielfalt in der Landschaft erhöhen. Nun sind ja die wenigsten Menschen Großgrundbesitzer, einige besitzen aber Gärten. Und ein Garten kann - wenn man es denn richtig macht - einen sehr artenreichen Lebensraum entwickeln. Man wird zwar niemals einen Wolf oder einen Luchs drin haben, das ist klar. Dafür aber die Tiere, denen man in Siedlungen eine Heimat schaffen könnte, wie zum Beispiel Insekten, Schmetterlinge und viele Vogelarten. Das könnte man sogar auf dem Balkon machen. Statt Geranien zum Beispiel Wildpflanzen in den Kasten setzen. Damit kann man erstaunliche Effekte erzielen.
Almut Röhrl, Stand vom 18.11.2011
Sendung: Deutschlands wandernde Tiere, 21.11.2011






