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Interview: (Un-)Vergänglichkeit im Wald

Wie vergänglich ist der Wald? Immerhin war "Waldsterben" einer der wichtigsten Umweltbegriffe in den 1980er Jahren. Doch 30 Jahre später geht es dem Wald in Deutschland wesentlich besser. Wenn Blätter, ganze Bäume oder auch Tiere sterben, bleibt das Ökosystem Wald erhalten, weil alles recycelt wird, sagt Professor Andreas Schulte vom nordrhein-westfälischen Wald-Zentrum. Zum Zentrum gehört auch sein Lehrstuhl für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft der Universität Münster.

Porträtbild von Andreas Schulte (Rechte: Peter Leßmann/Wald-Zentrum (www.wald-zentrum.de))

Prof. Dr. Andreas Schulte

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Planet Wissen (PW): Wenn man an Vergänglichkeit im Wald denkt, fällt einem wohl zuerst der Herbst ein. Wie wird aus einem saftig-grünen Sommerblatt ein buntes, trockenes Herbstblatt?

Prof. Andreas Schulte (A.S.): Im Herbst und Winter legen Laubbäume eine Ruhepause ein, da brauchen sie keine Blätter mehr. Doch bevor ein Laubbaum im Herbst seine Blätter abwirft, holt er noch Nährstoffe aus den Blättern heraus, die für das nächste Jahr wichtig und wertvoll sind.

Wenn die Blätter dann abgeworfen sind, werden sie auf dem Boden weiter recycelt. Asseln, Regenwürmer oder Käfer zerkleinern die Blätter zunächst mechanisch. Das Blatt wird schließlich durch Fadenwürmer, Milben, Springschwänze und letztlich Bakterien und Pilze so sehr zersetzt, dass aus ihm das wird, was es vor seiner Zeit als grünes Blatt am Baum war: eine Mischung aus Stickstoff, Magnesium, Calcium, Kalium und anderen Stoffen. Diese stehen dem Baum und anderen Pflanzen im nächsten Jahr als Nährstoffe im Boden wieder zur Verfügung.

Unsere Videos können Sie mit dem Macromedia Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
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Jo Hiller im Industriewald Gelsenkirchen (3'36'')
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PW: Jedes einzelne Laubblatt ist also Teil eines Kreislaufs?

A.S.: Ja, das ist ein Zyklus von Geburt und Wiedergeburt, wenn man es philosophisch betrachtet oder gar theologisch, etwa in Anlehnung an den Buddhismus. Grundsätzlich werden alle Bäume irgendwann krank oder alt und vergehen. Das ist das Prinzip des Waldes: Der einzelne Organismus stirbt zwar, in diesem Fall ein Baum, aber das Ökosystem Wald als Ganzes erneuert sich aus sich selbst heraus, und zwar immerzu.

Dazu bedarf es Bakterien, Insekten und auch größerer Tiere: Rot- oder Rehwild zum Beispiel kann Bäume so sehr abfressen, dass diese selbst in jungen Jahren nicht weiter wachsen. Und sehr alte Eichen – also wenn sie mehrere 100 Jahre oder gar bis zu 1000 Jahre alt sind – können Fraßgemeinschaften aus Schmetterlingen und Käfern nicht mehr verkraften. Wenn dann noch Pilze dazukommen, die Holz zersetzen, verfällt der Baum. Dann wird nicht mehr nur das Eichenblatt im Herbstlaub recycelt, sondern der ganze Baum. Der Wald ist eben mehr als die Summe seiner Bäume.

PW: Warum ist der Boden so wichtig für den Wald und seine Recycling-Funktion?

A.S.: Der Boden ist nichts Totes, sondern steckt voller Leben. Wenn wir noch gesunden Waldboden in Deutschland hätten und davon zwei Handvoll greifen würden, dann würden wir dort mehr Lebewesen finden als es Menschen auf der Erde gibt. Auch wenn wir sie nicht sehen, sind sie interessant und wichtig: Die vielen verschiedenen Organismen – allen voran Bakterien, Pilze, Fadenwürmer und Einzeller wie etwa Amöben oder Wimpertierchen – zersetzen abgestorbene Pflanzen, Blätter, Holz und auch tote Tiere. Daraus wird dann wieder fruchtbarer Boden, der Humus.

Abgase entweichen aus dem Auspuff eines Fahrzeugs. (Rechte: ddp)

Abgase gefährden auch Waldboden

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PW: Geht es dem deutschen Waldboden so schlecht?

A.S.: Die Waldböden sind nach wie vor in Gefahr. Diese manchmal nur wenige Zentimeter dicke Schicht ist ja ein natürlicher Filter für viele Schadstoffe und Säuren aus der Luft. Die Luftverschmutzung lagert sich an Blättern und Rinden an und gelangt so auf und in den Boden; das passiert auch, wenn die Stoffe im Regen, Nebel oder Schnee gelöst werden. Dann finden sich überall in unseren Waldböden Schadstoffe, etwa die extrem giftigen Schwermetalle Blei, Cadmium und Nickel.

Ein weiteres Problem ist, dass nach wie vor viel Stickstoff in die Atmosphäre gelangt, vor allem aus der Landwirtschaft und dem Straßenverkehr, und dadurch immer mehr Wald-Ökosysteme einen Stickstoff-Überschuss bekommen. Stickstoff ist eigentlich ein lebenswichtiger Nährstoff für das Wald-Wachstum, aber bei der Konzentration, die wir aktuell in so manchem Waldboden vorfinden, wird der Nährstoff zum Schadstoff. Ist die Stickstoff-Konzentration im Bodenwasser des Waldes also größer als der Bedarf der Bäume, Pflanzen und Mikroorganismen, dann versauert der Waldboden und kann schließlich auch das Trinkwasser belasten.

Eichelhäher in Nahaufnahme. (Rechte: Picture Alliance)

Der Eichelhäher hilft den Eichen

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PW: Heute nimmt der Wald wieder rund ein Drittel der Fläche Deutschlands ein. In der Waldzustandserhebung von 2010 hieß es: Dem deutschen Wald gehe es zunehmend besser, nur der Eiche weiterhin schlechter. Stirbt der typisch deutsche Eichenwald aus?

A.S.: Nein, die Eiche wird uns erhalten bleiben. Sie gibt es bereits seit mehr als 30 Millionen Jahren. Die Waldzustandserhebung ist auch, mit Verlaub, ein Politikum und aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt nicht zu gebrauchen, um den Waldzustand zu beschreiben. Bei der Waldzustandserhebung wird das sehr komplexe, aus unendlich vielen Organismen bestehende Ökosystem Wald einzig und allein auf Baum-Parameter wie Blattzustand und Belaubung reduziert. Es gibt also keine Aussagen zu anderen Pflanzen, zu Tieren und zum wichtigen Waldboden und somit auch nicht zum Wald als Ganzem.

Wenn tatsächlich einmal der Belaubungszustand von einem Jahr auf das nächste ab- oder zunimmt, dann gibt es genügend natürliche Ursachen. Weil diese ebenfalls von Jahr zu Jahr schwanken, muss man sich nicht immer gleich Sorgen machen. Bei der Eiche gibt es viele Schmetterlinge und Käfer, die sich über die Bäume hermachen. Die Eiche hat aber auch Freunde, zum Beispiel den Eichelhäher. Dieser Vogel sammelt Eicheln und legt sich Winterdepots an. Daraus können dann auch neue Eichen wachsen. So sorgt der Eichelhäher für seinen persönlichen Eichenwald, den er zum Überleben braucht und gedeihen lässt.

Eine entwurzelte, abgestorbene Birke in Schräglage. (Rechte: WDR/Ulla Anne Giesen)

Abgestorbene Bäume als Lebensraum

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PW: In Wäldern sieht man immer wieder auch Bäume, die wohl vom Blitz getroffen oder bei einem Sturm umgeknickt sind. Warum lässt man diese Zeichen der Vergänglichkeit liegen?

A.S.: Früher wurde dieses sogenannte Totholz ganz schnell aus dem Wald geholt; das verstand man damals unter "sauberer Waldwirtschaft". Mittlerweile hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Totholz ein unentbehrlicher Lebensraum ist. Viele Pilze wie der Hallimasch oder Zunderschwamm sind darauf angewiesen, dieses Holz zu besiedeln oder zu zersetzen: Nur so können sie überleben und sich weiter fortpflanzen. Darüber hinaus ist ein Viertel aller in Deutschland vorkommenden Käferarten an Totholz verschiedener Zerfallsstadien gebunden. Die bekanntesten sind der Hirschkäfer und der Eichenbock. Jeder tote Baum ist ein eigenes Biotop und sorgt dafür, dass sehr viele andere Lebewesen weiterleben können.

Ein Mann joggt durch den Herbstwald. (Rechte: Mauritius)

Joggen im Wald: Nicht immer idyllisch

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PW: Täuscht der Eindruck, dass man Stille und Einsamkeit in deutschen Wäldern nicht mehr so oft wie früher findet?

A.S.: Forstwirtschaftler und Naturschützer warnen davor, dass wir den Wald zum Rummelplatz und zur Sportstätte machen. Vor allem in Stadtwäldern treffen viele Nutzergruppen aufeinander: Hundehalter, Mountainbiker, Spaziergänger, Jogger, Reiter. Da kann dem Wald durchaus der Frieden abhandenkommen. Allerdings steht nun einmal im Bundeswaldgesetz explizit, dass der Wald hierzulande nicht nur zur Produktion von Holz und für den Naturschutz da ist, sondern auch dem Menschen als Erholungsraum zur Verfügung stehen soll.

Zur Zeit der Industrialisierung war Lärmschutz noch kein Standardbegriff und es gab keine Fernseher: Da war der Wald der Rückzugsort, wo die Stille im Vergleich zu den oft sehr lauten Arbeitsplätzen auffiel. Allerdings habe ich in den sieben Jahren, die ich in Südamerika und Asien gearbeitet habe, erlebt, wie laut ein tropischer Regenwald ist: Da herrscht niemals Stille.

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Industriebrachen - eine Chance für den Wald (2'14'')
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PW: Das alles erweckt den Eindruck, als ob der Wald überhaupt nicht vergänglich ist. Sind Wälder unsterblich?

A.S.: Wälder sind sehr, sehr stabil. Dieser Zyklus von Geburt und Wiedergeburt funktioniert schon seit Millionen von Jahren. Vergänglich wird der Wald nur durch den Einfluss des Menschen. 10 bis 15 Millionen Hektar Wald zerstören wir pro Jahr, vor allem in Brasilien, Indonesien und Zentralafrika. Die Erde verliert also jedes Jahr 20 bis 30 Millionen Fußballfelder, oder anders gesagt: eine Waldfläche, die so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland.

Interview: Franziska Badenschier, Stand vom 21.09.2011
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