Reportage: Auf dem Bio-Hof
Vom Landwirt zum "Neuländer"
Die Schöbendorfer haben mit dem Kopf geschüttelt, die Sache nicht ernst genommen. Auf einmal macht einer von ihnen auf artgerechte Tierhaltung: Sieben Jahre nach der Wende beschließt Heiko Stengel, den Hof seiner Eltern zu einem "Neuland"-Rinderhof zu machen. "Neuland", das ist zum einen der eingetragene Verein, dem es um tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung geht. Gleichzeitig sind die "Neuland"-Landwirte auch Gesellschafter der "Neuland"-GmbH, über die die Vermarktung ihrer landwirtschaftlichen Produkte – Fleisch und Eier – läuft. Und seit 1997 ist eben auch Heiko Stengel aus dem brandenburgischen Schöbendorf, einem kleinen 170-Seelen-Ort etwa 80 Kilometer südlich von Berlin, ein "Neuländer". Der Diplom-Agraringenieur hatte ursprünglich ganz andere Pläne: Architekt wollte er werden oder Schreiner. "Wir sind drei Kinder und eigentlich wollte keiner den Hof übernehmen. Da hat mich mein Vater schon ein bisschen gedrängt", erzählt Stengel. Inzwischen ist er froh, dass er sich von seinem Vater hat überzeugen lassen. Er ist auf dem "Wiesenhof Stengel" sein eigener Herr und kann seine Ideen umsetzen, wie er es möchte.
Die "Neuland"-Prinzipien: viel Platz, viel Luft, viel Licht
Seine Leidenschaft fürs Schreinern ist für den "Neuländer" Stengel von großem Nutzen. Der Verein schreibt zwar nicht vor, aus welchem Material der Stall für die Rinder sein muss. Aber man sieht es gerne, wenn dafür nur natürliche Materialen verwendet werden. Stengels Stall ist eine Konstruktion aus Holz und zu allen Seiten hin offen. Denn ein Grundsatz bei "Neuland" ist: Die Tiere müssen ausreichend Tageslicht bekommen, wenn sie im Stall sind. Und die Rinder müssen genug Platz haben. Daneben ist vorgeschrieben, dass die Tiere auf Stroh gehalten werden und das ganze Jahr über Auslauf haben. Auch die maximale Anzahl der Rinder und die maximale Größe des Betriebs sind festgelegt; "Neuland" will bäuerliche Familienbetriebe fördern. Genau dieses Prinzip hat Stengel auf den Verein aufmerksam gemacht.
Strenge Auflagen beim Schlachten
Anfangs besaß Stengel 14 Mutterkühe und einen Zuchtbullen. "Neuland" riet dem neuen Mitglied, weibliche Angus-Rinder mit der französischen Rasse Limousin zu kreuzen. "Das ist wirklich eine gute Mischung. Die Angus-Kühe sind sehr gutartig, haben viel Milch und sehr zartes Fleisch. Und die Limousin-Bullen liefern das Muskelfleisch", erklärt Stengel. Inzwischen sind es 150 Tiere – ausgewachsene Mutterkühe, junge Kühe und Bullen sowie Kälber. Nicht zu vergessen: der Limousin-Zuchtbulle. Er ist noch nicht lange auf dem "Wiesenhof". "Seinen Vorgänger musste ich schlachten lassen, weil er sich schwer am Huf verletzt hatte und deshalb seinen Zuchtbullen-Pflichten nicht mehr nachkommen konnte", erzählt Stengel.
Mit dem Nachwuchs gab es bislang noch nie Probleme. "Manchmal ärgere ich mich höchstens, wenn zu viele Mädels geboren werden. Das Geld verdiene ich nämlich mit den Männchen." Die Mastbullen bleiben auf dem Hof, bis sie ungefähr 400 Kilogramm wiegen. Dann sind sie ausgewachsen, werden geschlachtet und über "Neuland" auf den Markt gebracht. Rund 35 Bullen liefert Stengel pro Jahr. "Neuland" hat selbst keinen eigenen Schlachthof, sondern lässt in regionalen Betrieben schlachten. Diese müssen strenge Auflagen erfüllen: Die "Neuland"-Tiere bekommen dort eigene Boxen und dürfen nicht mit anderen, konventionell gemästeten Tieren in Berührung kommen. Schlagen ist strengstens verboten. "Unsere Tiere kommen immer einen Tag vor dem Schlachten an, damit sie sich erst wieder vom Transport erholen können und nicht so gestresst sind", sagt Stengel.
Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe
Auch auf dem Wiesenhof achtet der Diplom-Agraringenieur darauf, dass seine Rinder keinem Stress ausgesetzt sind. Es ist ihm wichtig, dass es ihnen gut geht. "Ich schreie meine Tiere nicht an, ich rede immer ganz friedlich mit ihnen. Sie kennen mich, meine Stimme, mein Aussehen." Stengels Prinzip: Die Tiere, soweit es geht, in Ruhe lassen. "Das ist zum Beispiel auch beim Kalben ganz wichtig. Natürlich gucke ich während der Geburt immer wieder, ob alles klappt. Und wenn das Kalb nach einer bestimmten Zeit nicht da ist, rufe ich den Tierarzt. Aber insgesamt funktioniert es am besten, wenn man die Kuh einfach lässt." Nach der Geburt bleiben die Kälber acht Monate bei der Mutter draußen auf der Weide. Nur wenn das Wetter am Anfang nicht mitspielt, bringt Stengel die Mütter mit ihren neugeborenen Kälbern in den Stall: "Wenn es draußen nass ist, bekommen die Jungen schnell Durchfall, wenn sie noch ganz klein sind."
Sobald die Rinder nicht mehr von ihren Müttern versorgt werden, bekommen sie im Stall eine Futter-Mischung aus Heu und Silage – alles aus eigenem Anbau. Dafür mäht Stengel kontinuierlich seine 140 Hektar Grünland, lässt das Gras trocknen, presst es und verarbeitet es zu trockenem Heu oder wasserreicherer Silage. Ab einem bestimmten Alter bekommen die Rinder auch Kraftfutter aus Getreide, das Stengel von einem benachbarten Hof bezieht. Die "Neuland"-Prinzipien schreiben Futter aus heimischer Produktion vor; Tier- und Fischmehl sowie leistungsfördernde Medikamente sind verboten. "Mit Neuland habe ich das bekommen, was ich wollte. Ich kann mich jederzeit mit den anderen Mitgliedern austauschen, wir besuchen uns gegenseitig und geben uns Tipps", so Stengel. Belächelt wird er in Schöbendorf schon lange nicht mehr.
Alexandra Stober, Stand vom 02.10.2007
Sendung: Schutz für Tiere - Mit den Rettern unterwegs, 18.08.2008







