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Mitteleuropäische Orchideen

Bei Orchideen denkt man zuerst an die tropischen Schönheiten. Mit den Namen unserer einheimischen Arten verbindet man eher unscheinbare Wurzeln oder Kräuter: Sie heißen Fingerwurz, Hundswurz, Knabenkraut, Schnepfenragwurz, Grüne Hohlzunge oder Kuckucksblume. Im Gegensatz zu den tropischen Verwandten, die in Bäumen leben, sind sie allesamt Erdbewohner.

Die Blütendolde erscheint dreigeteilt. Jede der drei geöffneten Blüten wirkt wie ein blaues Insekt. (Rechte: )

Spiegelragwurz (Ophrys speculum)

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Das "Rote Waldvögelein"?

Das "Rote Waldvögelein" ist kein exotischer Vogel aus den Wäldern des Amazonas, sondern eine heimische Orchidee: "Cephalantera rubra". Man findet sie im Mittelmeerraum, aber auch im östlichen Bayern und im Norden und Westen Deutschlands. Sie bevorzugt Süd- und Westhänge und wächst dort in lichten Wäldern auf dem Boden. Wie auch die anderen Waldvögeleinarten hat sie keinen Nektar. Das scheint aber viele Hummeln und Bienen nicht zu hindern, sie aufzusuchen und zu bestäuben. Der Grund mag sein, dass sie einen Duft ausströmt, der die Insekten gerne einschlummern lässt. Sie bevorzugen nämlich die Waldvögelein als Schlafstätte.

Drei violette pyramidenartige Blütendolden. Auf den beiden äußeren sitzt je ein Schmetterling. (Rechte: Mauritius)

Schachbrettfalter auf Pyramidenhundswurz

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Biotope für Orchideen

Zuerst schuf der Mensch in Europa die Biotope für Orchideen und dann vernichtete er sie wieder. Das kam so: Er holte sich Laub und Nadeln aus dem Wald als Streugut für die Ställe der Tiere und als Dünger. Er befreite Flächen von Untergehölz und nahm damit Einfluss auf den Wildbestand. Er fällte Bäume, schuf freie Lichtungen und hielt weidende Tiere. Gemäht wurden die Wiesen nur einmal im Jahr, mehr gab die Vegetation nicht her. War dann der Boden noch kalkhaltig und nährstoffarm, konnten die Bedingungen für die meisten unserer genügsamen Orchideen nicht besser sein.

Diese idealen Bedingungen gibt es heute nur noch in wenigen Gebieten, wie zum Beispiel in den Alpen in Höhen von 2000 Metern. Dort ist die Vegetation gering, die Weideflächen sind weitläufig und gemäht wird auch nur noch selten. Feuchtwiesen sind besonders orchideenreich. Man findet dort mitunter 20 verschiedene Arten.

Anderswo hat der Mensch die Orchideen fast ganz ausgerottet. Der Kunstdünger in der Landwirtschaft ist dafür verantwortlich. Er ist Gift für die empfindlichen Blütenpflanzen. Selbst auf entfernte Flächen treibt ihn der Wind, und der Regen spült ihn in benachbarte Wiesen. Werden die Wiesen dann auch noch mehrmals im Jahr gemäht, hat die Orchidee keine Zeit, Samen zu bilden.

Eine große keulenförmige Blütendolde mit hellvioletten Blüten, die weiß gezeichnet sind. (Rechte: Imago/imagebroker)

Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) aus Schottland

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Wer steht wo am liebsten?

Auf nähstoffarmen, kalkhaltigen Böden findet man in den Alpen und im Mittelgebirge zum Beispiel die Grüne Hohlzunge und die verschiedenen Unterarten des Knabenkrautes. Das bis zu 60 Zentimeter hohe Breitblättrige Knabenkraut ist an der Ostsee, in Großbritannien, in Unterfranken und im Bayerischen Wald zu Hause. Die Gelbe Ragwurz und die  Schnepfenragwurz gedeihen am besten vom Mittelmeergebiet bis zu den französischen Seealpen. Von Skandinavien über England bis zum Alpenvorland findet man an Straßenrändern und in Steinbrüchen eine Orchidee mit vielen Namen. Man nennt sie Fuchs' Knabenkraut und Kuckucksblume, aber auch Fingerwurz und botanisch Dactylorhiza fuchsii.

Die deutschen Namen bezeichnen oft die Jahreszeit, in der diese Orchideen blühen: zum Beispiel wenn der Kuckuck im Frühjahr ruft oder die Schnepfe sich meldet. Manche weisen auch auf ihr Aussehen hin oder ihren Standort wie zum Beispiel die Bienenragwurz, die Fliegen- und die Spinnenragwurz, die Adriatische Riesenzunge, das Wohlriechende Wanzenknabenkraut, die Marseille-Ragwurz, die Provence-Ragwurz, das Große Zweiblatt und viele mehr. Wer alle diese Orchideenarten beobachtet, findet heraus, dass sie manche Pflanzengesellschaft meiden. So sieht man sie kaum bei Lärchen, Douglastannen und bestimmten Eichenarten.

Drei zarte Frauenschuhorchideen im Wald. (Rechte: Mauritius/Florian Beier)

Frauenschuh (Cypripedium calceolus) im Wald

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Die "Exotischste" unter den Einheimischen

Während die meisten einheimischen Orchideen erst auf den zweiten Blick ihre Schönheit erkennen lassen, springt der Frauenschuh, auch Venuspantoffel genannt, gleich ins Auge. Daher ist er auch die berühmteste einheimische Orchidee. Sie wächst im Schatten oder Halbschatten an Waldrändern und Lichtungen. Man findet sie allerdings nur selten, da diese naturgeschützte Blütenpflanze immer wieder abgepflückt und ausgegraben wurde. Dabei hat sie im eigenen Garten keine Überlebenschance. Sie braucht ihre ganz spezielle Umgebung mit trockenem bis wechselnd feuchtem Boden und immer die Waldnähe. In höheren Lagen, wie auf der Schwäbischen Alb, mag sie es auch mal sonniger. 2010 wurde sie zur "Orchidee des Jahres" gekürt, um an ihren besonderen Schutz zu erinnern.

Von der Saat bis zur Blüte dauert es acht Jahre. Diese Zeit wurde ihr oft nicht gegönnt. Ihre Blüte verströmt einen Duft, der an Aprikosen erinnert. Das lockt vor allem die kleinen Sandbienen oder Erdbienen an, die nichtsahnend in eine Falle geraten. Wenn sie versuchen sich auf den glatten, wachsüberzogenen Rand des "Pantoffels" zu setzen, rutschen sie in die Öffnung ab. Im hinteren Teil des Gefängnisses fällt ein schwaches Licht durch transparente Stellen und führt das Insekt zum Ausgang. Dabei muss es über Borsten klettern und sich an einer "Säule" vorbeidrücken. Pollenbeladen erreicht es den Ausgang, um seine Fracht der nächsten Blüte zur Bestäubung weiterzugeben. Die komplizierte Befruchtung und die Tatsache, dass es immer weniger Artgenossinnen dieser Orchidee gibt, haben zur Folge, dass nur ein Drittel befruchtet wird. Daher wird die gefährdete Schönheit oft als Symbol für Arten- und Biotopschutz benutzt.

Die Illustration zeigt zwei Orchideen mit Stängeln. (Rechte: Imago)

Illustration aus einem Orchideenalbum Ende des 19. Jahrhunderts

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Wie die wilden Schönen geschützt werden

Wo vor 100 Jahren noch 100 Frauenschuhe standen, gibt es heute nur noch drei. Lange Zeit gelang es nicht, aus ihren Samen kleine Pflänzchen zu ziehen. Als es endlich klappte, startete das Botanische Institut Basel eine Rettungsaktion. Die aufgezogenen Jungpflanzen wurden wieder auf die ehemaligen Standorte umgesiedelt.

In der Eifel bei Kloster Steinfeld blühen an die 2000 Exemplare der Grünen Hohlzunge. Vor drei Jahrzehnten noch war sie fast ausgestorben. Falsche Agrarpolitik der Europäischen Union verlangte immer höhere Überschüsse mit der Folge, dass immer mehr gedüngt wurde und man immer mehr Pflanzenschutzmittel einsetzte. Die empfindlichen Orchideen hatten keine Überlebenschance. Daraufhin gründete der Botaniker Wolfgang Schumacher den Verband "Natur und Umweltschutz" im Kreis Euskirchen, der für den Erhalt von Magerwiesen, Bergwiesen und Feuchtwiesen kämpfte. Die Rückkehr der Orchidee beweist seinen Erfolg.

Bärbel Heidenreich, Stand vom 22.10.2010

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Bildcollage zum Thema Pflanzen (Rechte: WDR)

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