Artenschutz für Krokodile
Problemkrokodile
Große Teile Nordaustraliens sind von weitläufigen Sumpflandschaften durchzogen. Am Ende der Regenzeit im April stehen selbst Wiesen und Wälder unter Wasser: ideale Bedingungen für die Leistenkrokodile. Aber die Urzeitreptilien machen auch Probleme. Die älteren Tiere vertreiben die Jungen aus ihrem Territorium. Die fliehen oft über Flüsse in die Nähe menschlicher Siedlungen und werden zu so genannten Problemkrokodilen. Eine Sammelstelle für die Flüchtlinge ist das Hafengebiet der Stadt Darwin. Dort werden die Tiere in schwimmenden Fallen gefangen und landen in einer der zahlreichen Krokodilfarmen.
Die explosionsartige Vermehrung der Leistenkrokodile bekommen besonders die Landwirte zu spüren. Jährliche Verluste von 20 bis 30 Rindern pro Farm sind keine Seltenheit. Deshalb wurden in den 80er Jahren die Naturschutzbestimmungen gelockert. Nach wie vor dürfen die Leistenkrokodile zwar nicht gejagt werden. Aber als Ausgleich dürfen Farmer mit behördlicher Genehmigung eine begrenzte Anzahl von Eiern aus den Gelegen entnehmen und an Krokodilfarmen verkaufen. Ganz ungefährlich ist der legale "Eierklau" nicht. Die Weibchen bewachen ihr Nest und reagieren äußerst aggressiv auf jeden Eindringling.
Artenschutz mal anders
Seit 1971 werden die Krokodile im Nordterritorium jedes Jahr gezählt. Die Forscher machen das nachts. Im Scheinwerferkegel leuchten die Augen der Reptilien rot auf und sind mehrere hundert Meter weit zu sehen. Die regelmäßige Bestandsaufnahme, beweist: Das kontrollierte Ernten einer bestimmten Anzahl Eier gefährdet die Leistenkrokodile nicht.
Das Geschäft mit den Krokodileiern macht zudem Menschen zu Artenschützern, die sonst mit Naturschutz nicht viel am Hut haben. Viele Farmer verzichten darauf, ihre Wiesen für den Ackerbau trocken zu legen und überlassen die Überflutungsflächen den Leistenkrokodilen. Deren Lebensraum bleibt unangetastet.
Krokodilfarmen
Die Farmer verkaufen die gesammelten Eier an Krokodilfarmen. Dort kommen sie in den Brutschrank. Er erledigt das, was in freier Natur die Nester aus faulenden Pflanzen leisten. In einer Krokodilfarm schlüpfen pro Jahr etwa 20.000 Leistenkrokodile. Dort werden die wilden Räuber zu Nutztieren, die der Leder- und Fleischgewinnung dienen. Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 ist der Handel mit Krokodilprodukten bedingt erlaubt. Die große Mehrzahl der Zuchttiere hat Eltern, die irgendwo im Nordterritorium in Freiheit leben. Dass so der erfolgreiche Schutz der Leistenkrokodile in Australien aussieht, daran muss man sich erst gewöhnen. Doch die Art kann deshalb in gesicherten Landstrichen überleben, weil ein Teil der Eier eingesammelt wird.
Denkanstöße
Wer Leistenkrokodile bei der Fütterung oder beim Reißen von Beutetieren beobachtet, bleibt trotz aller Faszination auf emotionaler Distanz. Die riesigen Urzeitreptilien sind eben keine "süßen" Pandas, die auf die Tierliebe der Massen zählen können. Das Schutzprogramm für die australischen Leistenkrokodile versucht erst gar nicht auf Tierliebe zu bauen. Problemkrokodile werden eingefangen, die Bevölkerung wird aufgeklärt. Und man vertraut auf die etwas abgehärtete Pionierseele in Nordaustralien. Die Menschen dort verdienen an den Leistenkrokodilen, ob es gefällt oder nicht. Vieles scheint dafür zu sprechen, dass an einer schonenden Nutzung von Wildtieren etwas dran ist. Zumindest hilft es den Leistenkrokodilen, die beinahe ausgerottet worden wären, nachdem sie über 200 Millionen Jahre auf dieser Erde überlebt haben.
Hans-Jürgen von der Burchard, Stand vom 01.06.2009








