Geschichte der Floßschiffahrt
Schon die Kelten kannten Flöße
Flöße zu binden erforderte wenig Aufwand, und sich per Floß von der Strömung treiben zu lassen, das war schon immer eine komfortable Art der Fortbewegung. Römischen Quellen ist zu entnehmen, dass auch die Helvetier, ein keltischer Volksstamm, der im 1. Jahrtausend vor Christus in der heutigen Schweiz siedelte, schon Flöße genutzt haben müssen. Später dann, im frühen Mittelalter, als es zu einer wachsenden Nachfrage nach Bauholz kam und der Transport von Langholz aufgrund fehlender Straßen- und Verkehrsverbindungen praktisch nicht möglich war, nutzte man die Fließgewässer für den Holztransport. In Dachstühlen alter Gebäude in Bamberg konnte man nachweisen, dass dort bereits im späten 12. Jahrhundert geflößtes Bauholz aus dem Frankenwald verwendet wurde. Schriftlich belegt ist die Flößerei in Bayern in einer Quelle aus dem 13. Jahrhundert. Auch der Schwarzwald war ein Zentrum der Flößerei. Viel Holz wurde auf dem Rhein nach Rotterdam gebracht.
Wilde Flößerei
Die Flößerei war viele Jahrhunderte lang eine kostengünstige Transportmethode, um das geschlagene Holz aus den unwegsamen Waldgebieten abtransportieren zu können. Man unterscheidet dabei zwischen der "wilden" und der "gebundenen" Flößerei. Bei der wilden Flößerei, auch Trift genannt, wurden kleinere Flüsse aufgestaut, um dann auf dem Schwall des ablaufenden Wassers das Holz flussabwärts zu schwemmen. Dabei handelte es sich häufig nicht nur um wertvolles Bauholz, sondern vor allem um kürzere Stammstücke, die halfen, den enormen Bedarf an Brenn- und Kurzholz in den Städten zu decken.
Gebundene Flößerei
Bei der gebundenen Flößerei wurden die Stämme aneinander zu einem Fahrzeug gebunden und dann, von Flößern begleitet, zu den großen Bindeplätzen geführt. Um den Holztransport zu erleichtern und von saisonalen Wasserständen unabhängig zu sein, wurden an manchen Orten mit großem Aufwand Wasserläufe begradigt, Floßkanäle angelegt, Stauanlagen errichtet und Ufer befestigt. Solche Flöße konnten zum Beispiel auf der Kinzig, einem Nebenfluss des Rheins, bis zu 600 Meter lang sein. Meist endete ihre Reise an den großen "Bindeplätzen", die es überall dort gab, wo die Nebenflüsse in die großen Gewässer Donau, Rhein, Main, Oder, Elbe oder Weser mündeten.
Floßbau
Die Flöße wurden nicht "gebaut", sie wurden "gebunden", wobei die Holzstämme von sogenannten Wieden zusammengehalten wurden. Dabei handelte es sich um dünne Fichten-, Haselnuss- oder auch Weidenstämme, die im Wiedeofen erhitzt wurden, sodass der Holzsaft zu kochen begann. Anschließend wurde das Holz ringförmig aufgedreht. Damit stand den Flößern ein sehr elastisches und reißfestes Holztau zur Verfügung. Die Wieden wurden durch Löcher gefädelt, die man in die äußeren Stammreihen des Floßes gebohrt hatte. Später wurden die Flöße dann genagelt und mit Querstämmen stabilisiert.
Riesige Flöße auf dem Rhein (3'26'')
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Wirtschaftliche Bedeutung der Flößerei
Spätestens ab dem 13. Jahrhundert gewann die Flößerei eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Rohstoff Holz war begehrt, nicht nur als Brennstoff oder beim Hausbau, sondern in wachsendem Maße auch beim Schiffbau und später dann beim Bau des Eisenbahn- und Telegrafennetzes. Manche Stadt verdankt der Flößerei ihren Wohlstand. Das gilt zum Beispiel für das kleine Städtchen Wolfach an der Kinzig, östlich von Straßburg, am Rande des Schwarzwaldes. 1544 vermerkte der Theologe Sebastian Münster über Wolfach: „Das Volck so bey d`Kyntzig wohnet/ besunder umb Wolfach / ernehret sich mit den großen Bawhoeltzern / die sich durch das Wasser Kyntzig gen Straßburgn den rhein floetzen / un groß Gelt jaehrlich erobern“. Die Bedeutung des Holzhandels zeigte sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Einer späteren Chronik der Stadt ist zu entnehmen, dass im Jahr 1763 bereits 20 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung unmittelbar im Floßgeschäft tätig waren.
Ein erster Boom im Flößereigeschäft setzte bereits in der Wiederaufbauphase nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ein, als Holzeinkäufer aus den holzarmen Niederlanden ihre Handelskontakte ausdehnten, um das begehrte Holz für den wachsenden Bedarf im Schiffbau decken zu können. Verdient haben daran nicht nur die Holzhändler, von denen es hieß, sie hätten drei Vermögen gehabt: eines im Wald, eines auf dem Wasser und eines auf der Bank. Verdient haben auch die Handwerker in den Städten und vor allem Herzöge und Fürsten, die auf den Flussstrecken Zoll verlangten. Ende des 17. und vor allem im 18. Jahrhundert setzte dann in der Floßschifffahrt ein regelrechter Boom ein, als es im Verlauf der nordischen Kriege zu einer Unterbrechung im Holzhandel mit Skandinavien kam. Der enorme Bedarf - vor allem im holländischen Schiffsbau – machte es erforderlich, den Rhein mit den sogenannten "Holländerflößen" zu befahren.
Flößerei auf dem Rhein
Holländerflöße waren nichts anderes als riesige schwimmende Holzladungen, bei denen das Binden, der Transport und schließlich der Verkauf des gesamten Holzes in Dordrecht bei Rotterdam mitunter zwei Jahre lang dauerte. Bis ins 19. Jahrhundert hatten die Holländerflöße eine Länge von bis zu 300 Metern und bestanden auf rund 50 Meter Breite aus mehreren Lagen Holz. Diese Riesenflöße konnten erst ab Koblenz gebunden werden, denn bis ins 19. Jahrhundert war es ausgesprochen riskant, mit großen Holzflößen das "Binger Loch" zu passieren, das wegen seiner felsigen Enge gefürchtet war. Das änderte sich erst nach mehreren Sprengungen 1830-1841, als die Fahrrinne entsprechend verbreitert wurde.
Die Holländerflöße wurden von einer großen Besatzung von 500 bis 600 Flößerknechten befahren. Die Steuerung des Floßes bedeutete harte körperliche Arbeit.
Das Leben an Bord
Die Holländerflöße mit Proviant zu versorgen, muss für die Händler und Bauern an den Bindeplätzen und entlang der Strecke ein glänzendes Geschäft gewesen sein. Folgt man Aufzeichungen aus dem Jahr 1841, so umfasste der Proviant eines Holländerfloßes von Andernach nach Dordrecht 40.000 bis 50.000 Pfund Brot, 12.000 bis 20.000 Pfund Fleisch, 800 bis 1000 Pfund gesalzenes Fleisch, 6000 bis 8000 Pfund trockenes Gemüse, 10.000 bis 15.000 Pfund Käse, 1000 bis 1500 Pfund Butter sowie 500 bis 600 Ohm Bier, was einer Menge von etwa 40.000 Litern entsprach. In der Regel wohnte und arbeitete die Besatzung etwa drei Monate lang auf dem Floß. Während Floßführer und Steuermann in komfortableren Herrenhütten untergebracht waren, bewohnten die Flößerknechte einfache Hütten aus zusammengezimmerten Brettern, die sie am Ende der Reise selbst verkaufen durften. Ende des 19. Jahrhunderts, als das Verkehrs- und Schienennetz immer weiter ausgebaut wurde und die Schifffahrt auf dem Rhein mehr und mehr über Behinderungen durch die Flößerei klagte, verlor das Geschäft an Bedeutung. Nach 1945 waren nur noch sporadisch Flöße auf deutschen Flüssen unterwegs. 1967 wurde die Floßschifffahrt auf dem Rhein gänzlich eingestellt.
Ulrich Neumann, Stand vom 24.01.2011









