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Europäische Kanalgeschichte

Wasserwege waren seit jeher für die Menschen wichtig. Die ersten bedeutenden Siedlungen entstanden an Flüssen. Da der Transport auf Wasserwegen einfacher war als auf dem Landweg, baute man zusätzlich Kanäle. In Europa waren es die Engländer, die im 18. Jahrhundert ein regelrechtes "Kanalfieber" entwickelten. Sie bauten als Erste ein geschlossenes Wasserverkehrsnetz. Die Franzosen glänzten durch technische Meisterwerke: Kanalbrücken und Kanaltunnel. In Deutschland begann der Bauboom erst um 1900.

Ein kleiner Kanal mit winzigem Tunnel. Ein Mann auf einem kleinen Motorboot fährt darauf zu. (Rechte: Mauritius)

Dudley-Kanaltunnel in England

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Industrielle Revolution löst "Kanalfieber" aus

Die europäische Geschichte der Kanäle fängt mit der Industrialisierung an. Diese begann bekanntlich zuerst in England. Es wurden neue Technologien entwickelt und dabei die gerade erfundene Dampfmaschine eingesetzt, die mit Koks beheizt wurde. Der immer größere Kohlebedarf der Fabriken wuchs sich zum Problem aus. Mit einem Pferdekarren konnte man auf einer unbefestigten Straße etwa eine halbe Tonne Kohle befördern, auf einer befestigten Straße zwei Tonnen. Auf einem Fluss mit einem Kahn, der am Ufer von einem Pferd gezogen wurde, 30 Tonnen und auf einem sauber angelegten Kanal 50 Tonnen. Dadurch war klar, dass die Zukunft dem Ausbau der Wasserstraßen gehörte. So entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien ein Kanalsystem von mehr als 7500 Kilometern Länge. Man sprach vom britischen Kanalfieber. Die Kosten für die Kohlelieferung wurden so halbiert. Nach der damaligen Ansicht britischer Kanalbauer waren Flüsse nur nützlich, weil sie die Kanäle mit Wasser versorgten. Eine typische Einstellung zur Natur im aufkommenden Industriezeitalter.

Eine verträumte kleine Kanalwindung mit Schilf in einer Landschaft mit vielen Sträuchern Den Kanal begleitet ein mit Gras bewachsener Leinpfad. (Rechte: Mauritius)

Lancaster-Kanal in England

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Der Kampf: Schiene gegen Wasserstraße

Die Kanäle des britischen Wasserverkehrsnetzes waren schmal, den Verhältnissen der frühindustriellen Zeit angepasst. Größere Schiffe konnten darauf nicht fahren. Als im Jahr 1825 Stephensons erste Dampflokomotive fuhr, kauften Eisenbahngesellschaften die Kanäle auf, um den Schiffsverkehr zu unterdrücken. Hinzu kam, dass schon bald die Kanäle nicht mehr den wachsenden Ansprüchen der Industrie entsprachen. Eine Erweiterung der Kanäle kam nicht in Frage. Man hätte Hunderte von Schleusen erneuern müssen. Der Sieg der Schiene über die Kanäle war unwiderruflich. Das Problem gab es auf dem europäischen Kontinent nicht. In Frankreich hatte man bereits größere Kanäle gebaut, da dort schon immer auch größere Kähne auf größeren Flüssen verkehrten.

Das Schwarzweiß-Foto zeigt einen gradlinigen Kanal, dessen Ufer Wege mit Bäumen gesäumt sind. Ein Schiff befährt den Kanal. Eines liegt am Ufer. (Rechte: AKG)

Canal du Midi, erbaut 1666

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Drunter und Drüber in Frankreich

Die Franzosen wurden mit kühnen Kanalbauten bald zum Vorbild in Europa. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand der Canal de Briare. Er verbindet die Seine mit der Loire. Dazu musste er über eine hohe Wasserscheide geführt werden. Das hatte es bis dahin in der Geschichte noch nicht gegeben. Kurz darauf sollte eine Querverbindung vom Atlantik bis zum Mittelmeer entstehen. Der Canal du Midi, auch Canal Languedoc genannt, verlief durch eine weinreiche Gegend am Rande der Pyrenäen bis zur Garonne, die in die Biscaya mündet. Der Hauptgrund für den Bau war, die Weinfässer bequem zu den Küsten transportieren zu können. 1787 unternahm der Präsident der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, eine Studienreise dorthin. Er ließ seine Kutsche auf einen Kahn verfrachten und wanderte große Teile des Weges neben dem Kahn am Kanalufer entlang. Noch heute lohnt sich eine Reise auf dem Kanal. Neben der reizvollen Umgebung gibt es dort auch technisch einmalige alten Schleusen zu sehen.

Der Ausbau eines Wasserverkehrsnetzes entstand auch in Frankreich mit dem industriellen Aufschwung, allerdings erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da die Franzosen aus den Erfahrungen der Engländer gelernt hatten, bauten sie gleich größere Kanäle und Schleusen für die stetig steigenden Ansprüche. Kanaltunnel wurden durch Felsen geschlagen und Kanäle über Brücken geführt. Kreuzungspunkt des Wasserverkehrsnetzes war die Umgebung von Paris. Selbst in der Stadt gab es einen Personenschnellverkehr auf dem Canal de l'Ourcq. "Getreidelt", das heißt gezogen, wurden die Schiffe von Pferden auf einem Leinpfad am Ufer. Ein Gespann erreichte dort eine Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde. Als man bald statt der üblichen Holzkähne Kähne aus Stahl baute, wurden auch die Leinpfade modernisiert. Man verlegte Schienen und ließ eine kleine elektrische Bahn die Kähne ziehen.

Im Vordergrund ein Kanalabschnitt mit starkem Schilfbewuchs. Am gegenüber liegenden Ufer in gleichmäßigen Abständen drei Windmühlen mit niederländischer Flagge. (Rechte: Mauritius)

Windmühlen am Kanal in den Niederlanden

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Warum Windmühlen an Kanälen stehen

Die Niederländer hatten im 19. Jahrhundert ganz andere Gründe, künstliche Wasserstraßen zu bauen: nicht für die Schifffahrt, sondern um das Wasser aus den niedriger gelegenen Teilen des Landes abzuführen. Technisch aufwendig mussten sie nicht sein, da auf dem flachen Land keine Höhenunterschiede zu bewältigen waren. Der Kanalbau hatte mit dem hundertjährigen Kampf zu tun, der See Land abzutrotzen. Die Küstenlinie war durch tiefe Buchten stark gegliedert. Um sie vor stürmischen Fluten zu sichern, begradigte man die Linie durch Deiche. Gleichzeitig gewann man damit Land. Teils konnten diese Gebiete trockengelegt werden, teils wurden sie zu Binnengewässern. Dann musste aus den umdeichten Gebieten das Wasser in Flüsse abgeführt werden. Wo kein natürliches Gefälle vorhanden war, wurden Kanäle und Windmühlen gebaut. Die Windkraft betrieb die Pumpen, die das Wasser aus den niedrigen Kanälen in höher gelegene Bereiche beförderten. Heute haben die Windmühlen ausgedient. Sie sind nur noch Baudenkmäler. Die Kanäle dagegen wurden fortwährend modernisiert und dienen heute dem Schiffsverkehr. Mit den niederländischen Flüssen zusammen bilden sie das längste Wasserstraßennetz in Europa.

Eine große Baustelle mit vielen Kränen, Containern, Schachtwänden und Halden von Abraum. (Rechte: dpa)

Bau des Mittellandkanals 1969

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Deutsche West-Ost-Achse

Vor der deutschen Reichsgründung 1871 war Deutschland politisch zersplittert. Die einzelnen Territorialherren waren maßgebend für den Bau von Wasserstraßen. Da ihre Gebiete oft sehr klein waren, konnten sie auch keine großen Kanäle bauen. Außerdem fehlte es an einheimischen Fachleuten. Daher holte man Berater aus Oberitalien und den Niederlanden und studierte französische Fachbücher. So erwarben einheimische Architekten und Offiziere allmählich das nötige Grundwissen. Für die Erdarbeiten wurden meist Soldaten herangezogen.

Nachdem 1835 die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth gefahren war, wuchs in den folgenden Jahrzehnten das Schienennetz. Die industrielle Entwicklung des Ruhrgebiets nahm zu und Berlin entwickelte sich zur Weltstadt. Das machte einen immensen Güterverkehr notwendig. Der Schienenverkehr reichte nun nicht mehr aus. So wurden um Berlin die Wasserstraßen ausgebaut und vom Ruhrgebiet schuf man Verbindungen zum Rhein und zur Nordsee. Der systematische Ausbau begann allerdings erst im 20. Jahrhundert. Vor allem sollte eine Achse von West nach Ost entstehen, vom Rhein über die Weser, Elbe und Oder zur Weichsel. Die Verbindung sollte der Mittellandkanal sein, mit dessen Bau 1906 begonnen wurde. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands stellte dieser Kanal die einzige Wasserstraßenverbindung zwischen Ost und West dar.

Bärbel Heidenreich, Stand vom 15.11.2010

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