Interview: Claudia Sewig
Planet Wissen (PW): Wie sind Sie darauf gekommen, eine Biografie über Bernhard Grzimek zu schreiben?
Claudia Sewig (CS): Das hat ein alter Professor von mir angeleiert, Professor Harald Schliemann. Der sagte zu mir: "Sie sind genau die Richtige dafür, Sie haben das Fachwissen, haben in Zoos gearbeitet, sind im Naturschutz aktiv und Sie können schreiben. Sie müssen über den Grzimek was machen, bevor der völlig in Vergessenheit gerät." Das war vor fünf Jahren. Dann habe ich mir 20 Monate Auszeit von meinem Job beim Hamburger Abendblatt genommen, was aber nicht ganz gereicht hat. Insgesamt habe ich zweieinhalb Jahre in das Buch investiert, weil die Recherchen doch sehr umfangreich gewesen sind. Ich hatte mich nicht danach gedrängt, nicht danach gesucht ein Buch zu schreiben, aber ich hatte das Gefühl, dass dieses Buch mich gesucht hat. Der 100. Geburtstag von Bernhard Grzimek stand vor der Tür und es gab nichts über ihn - das hat einfach gepasst.
PW: Wie sind Sie dann vorgegangen? Woher haben Sie Ihre Informationen bekommen, wie ist die Recherche zum Buch verlaufen?
CS: Ich war Monate im Keller der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, wo Grzimeks gesamte Korrespondenz lagert und habe sie durchgearbeitet. Vermutlich war ich die Erste, die viele Akten zum ersten Mal wieder angeschaut hat, seit sie dort eingelagert worden sind. Noch wesentlich schwieriger war es aber, an die Grzimek-Familie ranzukommen. Da ist zum einen Grzimeks Witwe Erika, die mit ihrem Sohn Christian eine Bildagentur betreibt, die von Bernhard Grzimek und seinem tödlich verunglückten Sohn Michael gegründet wurde. Dann gibt es den Sohn Rochus, der sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Zum Glück habe ich einen guten Draht zu ihm gefunden, denn er war ein sehr wertvoller Ansprechpartner. Er hat sich mir gegenüber sehr geöffnet und mir viel geholfen.
PW: In seiner legendären Fernsehsendung "Ein Platz für Tiere" wirkte Grzimek immer wie der nette Fernsehonkel mit den wilden Tieren. War er wirklich so?
CS: Er konnte auch ganz anders. Für seine Ziele und Ideale ist er kompromisslos eingetreten und hat mit Politikern und Wirtschaftsunternehmen sehr deutlich Klartext geredet, hat Aufrufe und Aktionen für den Naturschutz gestartet. Er war dabei nicht immer sehr diplomatisch und manchmal hätte der Schuss ordentlich nach hinten losgehen können, wenn er sich zum Beispiel mit afrikanischen Diktatoren angelegt hat. Er wollte auch gerne immer der Erste sein. Der Erste der was ausprobiert hat, die ersten Bilder haben. Oft war er aber gar nicht der Erste, hat es aber behauptet und deswegen gab es oft Streit. Er hat es mit der Wahrheit nicht immer so genau genommen. So war er auch definitiv Mitglied der NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei), hat das aber immer geleugnet. Auch viele Ideen waren ganz oft nicht seine eigenen, sondern sie sind an ihn herangetragen worden. Aber er hat die Dinge nach vorne getrieben und damit viel bewegt. Grzimek hat sich nicht nur Freunde gemacht, hat gerne provoziert. Doch dadurch ist er bekannt geworden und so konnte er sich dann auch für den Naturschutz stark machen.
PW: In seinen Fernsehauftritten wirkte er wie eher wie ein etwas verschüchtertes Männchen. Was war er für ein Typ?
CS: Grzimek war ein sehr stattlicher Mann, 1,93 Meter groß, was viele gar nicht wissen. Und da kommt die andere Seite von Grzimek durch: die des Lebemanns, der einen unheimlichen Schlag bei Frauen und dementsprechend viele Amouren hatte. Er hat ja auch zwei uneheliche Kinder. In jüngeren Jahren war er sehr attraktiv, hat unglaublich auf seinen Körper geachtet. Er war ein Sonnenanbeter, wollte immer gebräunt sein, hat sehr auf seine Linie geachtet und jeden Tag Sport getrieben. Zeitlebens hat er nie mehr als 80 Kilo gewogen, was bei der Körpergröße ja schon asketisch schlank ist. Grzimek war eitel. Die lichter werdenden Haare hat er "kunstvoll" hindrapiert, bis die Fernsehleute ihm irgendwann auf diplomatische Art gesagt haben, dass es wohl ziemlich albern aussehen würde.
PW: Bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm "Serengeti darf nicht sterben" ist sein Sohn Michael mit dem "Zebraflugzeug" abgestürzt und dabei ums Leben gekommen. Das muss ein großer Schock für Grzimek gewesen sein.
CS: Absolut. Er hatte ja zwei Söhne: Michael und Rochus, hat sich aber voll auf Michael fixiert, weil der vielleicht einen etwas ausgeprägteren Sinn für Tiere hatte. Michael hat sich außerdem schon früh für die Filmarbeit interessiert und ab da war Rochus praktisch abgemeldet. Der Sohn hat sich zum besten Freund und Berater des Vaters entwickelt, und Grzimek war kein Mensch, der viele Freunde hatte. Michael war ganz häufig auch die treibende Kraft für Bernhard. Die Fliegerei war Michaels Idee, als es darum ging, die Wanderrouten der großen Herdentiere in Afrika herauszufinden und nur deshalb haben die beiden den Flugschein zusammen gemacht. Sie haben sich gegenseitig angetrieben und als das durch den Tod Michaels wegfiel, machte Bernhard Grzimek eine extrem schwierige Zeit durch, die er nur mit einer unglaublichen Arbeitswut überstanden hat.
PW: Am Ende seines Lebens wurde Grzimek immer pessimistischer, was die Zukunft unseres Planeten angeht. Ist es wirklich so gekommen, wie er es vorausgesehen hat, oder hat er etwas zu schwarzgemalt?
CS: Seine große Befürchtung war, dass die rasant steigende Weltbevölkerung viele Probleme verursachen würde. Das ist in Teilen sicher auch eingetreten, wenn man heute zum Beispiel sieht, dass Nahrungspflanzen zu Sprit statt zu Lebensmitteln verarbeitet werden. Manches hat er auch zu schwarzgesehen, zum Beispiel dass es zur Jahrtausendwende keine Elefanten und Giraffen mehr geben würde. Grzimek war pessimistisch am Ende seines Lebens, hatte vermutlich Depressionen und ein düsteres Weltbild. Er hat auch in mehreren Sendungen gesagt, dass die Welt seiner Meinung nach "den Bach runter geht".
PW: Trotzdem war Grzimek der erste "Grüne", wenn man so will, lange bevor es die Partei gegeben hat. War er ein Vorbild für viele Organisationen, die sich erst später gegründet haben?
CS: Ich glaube schon. Grzimek war ein radikaler Aktivist und ich denke er hätte die Aktionen von Greenpeace gut gefunden, wenn es die damals schon gegeben hätte. Er hat ohne zu zögern bestimmte Firmen namentlich an den Pranger gestellt, wenn die für Umweltverschmutzungen, zum Beispiel von Flüssen, verantwortlich waren. Er war der Meinung, wenn er nur allgemein von der "Chemischen Industrie" sprechen würde, fühlte sich wieder keiner angesprochen und nichts würde passieren, also nannte er Ross und Reiter. Ich habe mit vielen Naturschützern von Rang und Namen gesprochen und die haben mir gesagt, dass so einer in den Jahren nach seinem Tod sehr gefehlt habe. Und auch heute könnten wir, trotz der vielen Umweltverbände, die sich inzwischen gegründet haben, wieder so einen gebrauchen, der vorneweg geht und so eine Schlagkraft hat.
Harald Brenner, Stand vom 17.03.2010





