Interview mit einem Experten für Schädlingsbekämpfung
Planet Wissen (PW): Was sind die typischen tierischen Bewohner einer Stadt, die uns Menschen schon mal das Leben schwer machen?
Rainer Gsell (R.G.): Wenn wir mal die Insekten außen vor lassen, gibt es die ganze Palette: von ganz kleinen Mäusen bis hoch zum Wildschwein. Kaninchen, Wühlmäuse, Ratten Maulwürfe, Marder und Tauben gehören zu den häufigsten Stadtbewohnern, aber in Norddeutschland wurde auch schon mal ein Elch auf der Straße gesehen – aber das ist dann eher die Ausnahme.
PW: Gibt es Tiere, die in ganz bestimmten Regionen Deutschlands Probleme machen?
R.G.: Berlin plagt sich immer mehr mit Wildschweinen. Da gibt es richtige Horden, die mittlerweile nicht nur in die Randbezirke, sondern bis in die Innenstadt vordringen. Von Waschbären werden die Menschen in der Region um Kassel nun schon seit Jahren heimgesucht. Vor Jahren wollten vermeintliche Tierliebhaber die Waschbären, die ja eigentlich nur in Amerika ansässig sind, auch in Deutschland ansiedeln – und hatten leider zweifelhaften Erfolg. Heute finden Sie in und um Kassel keine Mülltonne mehr, die nicht versiegelt ist, denn sonst würden die Waschbären sie plündern. Mittlerweile gibt es Waschbärenprobleme auch in Essen und im Rheinland rund um Bonn. Süddeutschland ist besonders von Steinmardern befallen, aber Marder gibt es inzwischen ja auch überall.
PW: Was kann man gegen die berüchtigten "Automarder" tun?
R.G.: Erstmal muss man ein Vorurteil aus dem Weg räumen: Wenn ein Marder das Auto befällt, tut er das nicht aus Bosheit, sondern "Automarder" zeigen einfach, dass hier mehr als ein Marder vor Ort ist. Zerbissene Kabel zeugen von Gebietskämpfen, in denen ein Marder das Territorium des anderen madig machen will. Man hält sich die Marder vom Auto durch Abwehrsprays fern. Die verteilen einen für den Marder üblen Geruch. Aber es geht noch einfacher: Durch Maschendrahtzaun. Die Marder mögen es gar nicht, über den rappelnden Zaun zu laufen und wenn man den unterhalb des Autos legt – Marder kommen immer vom Unterboden ins Auto – dann ist das Problem meist schon gelöst.
PW: Marder und Nager wie Siebenschläfer suchen auch gern Häuser auf…
R.G.: Wenn die Tiere irgendwo ein Eingangsloch gefunden haben – und Marder können sich verdammt klein machen – dann nisten sie sich gern auf den Dachböden ein, denn da sind sie ungestört. Und dann beginnt nachts der Spaß: Die Marder-Familie ist nachtaktiv und sorgt für Trubel. Doch auch hier kann meist ein einfacher Trick viel bewirken: Da die Marder ihre Ruhe wollen, hilft oft ein altes Radio, das auf dem Dachboden mittels einer Zeitschaltuhr für einige Tage alle zehn bis 15 Minuten Krach macht. Dann nehmen die meisten Marder von allein Reißaus.
PW: Warum kommt es eigentlich immer mehr zu Problemen mit Marder, Ratte und Co.?
R.G.: Ganz einfach: Das Nahrungsangebot in den Städten wird immer größer. Immer mehr Straßenimbisse und Essgelegenheiten unter freiem Himmel sorgen dafür, dass draußen mehr gegessen und damit auch mehr Essen weggeworfen wird – wenn ich nur an all die Weihnachtsmärkte und ihre Wurstbuden denke. Das ist eine formidable Einladung für die Tiere, deren Nahrungsangebot in ihrer natürlichen Umgebung, den Wäldern und Wiesen, zurückgeht.
PW: Kommt daher auch die Rückkehr der Ratten in die Städte?
R.G.: Erstmal muss man sagen, dass die Ratten nie wirklich weg waren. Aber heute ist das Nahrungsangebot wirklich üppig für sie – was auch daran liegt, dass heute viel weniger darauf geachtet wird, dass die Nahrungsreste entsorgt werden. Wenn ich nur an Pausenhöfe von Schulen denke, wo am Putz- und Hausmeisterpersonal gespart wird. Da muss man sich nicht wundern, dass Ratten wieder kommen.
Viele Bürger wissen auch gar nicht, dass Ratten meldepflichtig sind. Jeder, der Ratten sieht, muss eigentlich das Ordnungsamt rufen. Das setzt dann mit Hilfe von Schädlingsbekämpfern Abwehrmaßnahmen gegen Ratten ein – nur auf diesem professionellen Weg kann man den Ratten einigermaßen etwas entgegen setzen.
PW: Herrscht da manchmal eine gewisse Naivität?
R.G.: Das stelle ich besonders beim Thema Tauben fest. Die Städte werden ihre Taubenplagen nicht los, weil noch immer vermeintliche Tierliebhaber von der Ungefährlichkeit der Tauben erzählen können. Ich sehe immer wieder Leute, die morgens tütenweise Futter für die Tauben ausstreuen. Kein Wunder, dass die Tauben da nicht weggehen. Dass Tauben aber durch ihren salpeterhaltigen Kot ein Aggressor gegen Bausubstanzen sind und darüber hinaus Parasiten wie Milben und Taubenzecken mit sich tragen, ist wissenschaftlich erwiesen. Wer etwas anderes behauptet, redet Quatsch. Würden die Städte konsequent die Plätze des Nistens und Absetzens der Tiere verhindern, durch Netze und andere vom Profi montierte Abwehranlagen – die Tauben würden sich zurückziehen.
PW: Wie sieht es aus mit tierischen Zuwanderern aus anderen Ländern? Man hört von der chinesischen Wollhandkrabbe, oder von den Waschbären, von denen Sie bereits erzählten…
R.G.: Ungewollte Zuzügler gibt es vor allem im Insektenreich. In Herne, Recklinghausen und Hamburg sind Termitenbefälle bereits aktenkundig – was für unserer Klimaregion eigentlich untypisch ist. Auch die asiatische Tigermücke, die Krankheiten wie das Dengue-Fieber übertragen kann, ist besonders in Süddeutschland auf dem Vormarsch. Aus Südeuropa kommen die schwarzen Eichhörnchen, die nach und nach unsere heimischen roten Eichhörnchen verdrängen. Auf diese Entwicklungen müssen wir uns im Zuge der Globalisierung und des Klimawandels immer mehr gefasst machen.
Interview: Klaus Nelißen, Stand vom 08.05.2009








