Interview: Der Hai - vom Jäger zum Gejagten
Planet Wissen (PW): Herr Kiefner, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit einem Hai erinnern?
Ralf Kiefner (R.K.): Klar, die allererste Begegnung mit einem Hai vergisst man niemals. Bei mir war es ein Riffhai im Roten Meer. Er war auch recht weit weg, aber ich hatte trotzdem eine Wahnsinnsangst und habe immer wieder vor mich hin gemurmelt "Bitte, bitte, komm nicht näher." Das ist schon lustig, wenn man bedenkt, dass ich heute extra Köder mitnehme, um die Haie so nah wie möglich heranzulocken.
PW: Ihr erster Hai-Film aus dem Jahr 2003 "Beyond Fear", zu Deutsch etwa "Jenseits der Angst", zeigt das Freitauchen mit Weißen Haien. Warum wagt man so etwas?
R.K.: Ich wollte zeigen, dass ein völlig falsches Bild von Haien vorherrscht. Ich hatte gemerkt, dass man mit ihnen positiv interagieren kann, dass das keine bösartigen Fressmaschinen sind. Mich faszinieren diese majestätischen Tiere - wenn man sieht, mit welcher Eleganz sie sich durchs Wasser bewegen, muss man einfach begeistert sein und den Anblick genießen. Mein Ziel war es, das Image der Haie zu verbessern.
PW: Haie haben zum Jagen perfekt ausgebildete Sinnesorgane: Sie riechen Blut in minimaler Auflösung, registrieren kleinste elektrische Reize und besitzen eine erstaunliche Intelligenz, wenn es um das Erlegen ihrer Beute geht. Wie gefährlich ist Ihre Arbeit mit Haien?
R.K.: Natürlich sind das Raubtiere, denen man immer mit Respekt begegnen muss. Solange ich den Hai im Blick habe, muss ich auch keine Angst vor ihm haben. Als Taucher ist man für Haie ein unbekanntes, relativ großes Objekt - meistens lassen sie einen in Ruhe. Aber wir ködern auch Haie und wenn sie dann etwas zu essen riechen, wollen sie manchmal wissen, ob wir diese gut riechende Beute sind. Haie haben keine Hände und wenn sie ihr Gegenüber auskundschaften wollen, müssen sie einen Probebiss starten. Ich habe auf diese Weise einige Kameras ruiniert, denn beim Probebiss hält man natürlich die Kamera hin.
Gefährlich ist vor allem das Tier, zu dem ich keinen Augenkontakt habe. Einmal habe ich eine wirklich brenzlige Situation erlebt: Wir hatten eine tote Schildkröte im Wasser, die leider in einem Hai-Netz verendet ist und wir sollten das Fressverhalten von Tigerhaien dokumentieren. Ich war so mit dem Filmen beschäftigt, dass ich einen Hai nicht bemerkt habe, der sich mir von der Seite näherte. Zum Glück hatte unser Sicherheits-Taucher aufgepasst. Er hat mich gerettet, indem er mich im letzten Moment zur Seite schubste, sonst hätte ich heute wohl einen Arm weniger.
PW: Was sind die wichtigsten Verhaltensregeln, wenn man im Wasser unverhofft auf einen Hai trifft?
R.K.: Genießen Sie diese seltene Begegnung! In den wenigsten Fällen kommen Haie nah an Menschen heran, denn es sind scheue Tiere. Wichtig ist, dass man nur ruhige Bewegungen macht. Hektische Gesten können anziehend auf Haie wirken. Auf keinen Fall sollte man panikartig das Wasser verlassen oder hektisch aufs Wasser schlagen oder zappeln. Sollte der Hai sehr nah herankommen, sollte man unbedingt Augenkontakt herstellen und versuchen, ihn zu halten.
Wenn der Hai dann doch mal so nahe kommt, dass ein Kontakt unausweichlich ist, dann würde ich den Hai mit den Händen nach unten wegschieben. Nützlich kann es auch sein, sich groß zu machen: Ein senkrecht im Wasser stehendes Objekt kommt im natürlichen Umfeld eines Hais nicht vor, unbekannten Objekten begegnen sie mit Vorsicht.
PW: Wie gefährlich sind Haie für den ganz normalen Taucher und Badeurlauber?
R.K.: Insgesamt sterben weltweit gerade mal fünf bis zehn Menschen jährlich durch einen Haiangriff, also vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, was für ein schlechtes Image das Tier so lange hatte. Die wenigsten wissen, dass weltweit mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse sterben als durch Haiangriffe. Allerdings muss man sagen, dass sich unter anderem auch durch unsere jahrzehntelange Arbeit viel im Verhalten der Menschen geändert hat. Und heute gehen einige Taucher schon fast zu sorglos ins Wasser und vergessen ganz, dass sie es bei Haien mit Raubtieren zu tun haben. Und das sollte man niemals vergessen.
PW: In den vergangenen 20 Jahren hat die Haifischerei stark zugenommen. Wie gefährlich sind die Menschen für den Hai?
R.K.: Sehr gefährlich! Etwa 100 bis 150 Millionen Haie werden nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO jedes Jahr gefangen, zum Teil auf absolut grausame Weise. Beim sogenannten Finning werden den Tieren zum Teil bei lebendigem Leibe die Flossen abgeschnitten und später zu Haifischflossensuppe verarbeitet. Aber es sind nicht nur die Asiaten, die den Hai gefährden. Auch wir Europäer, auch die Deutschen, rücken den Haien zu Leibe, das ist ein Riesenwirtschaftszweig mit mafiaähnlichen Strukturen. Gefährlich für den Hai ist neben dem Finning auch seine Rolle als Beifang in den Netzen von Fischern.
PW: Welche Folgen hat die Überfischung für die Haibestände?
R.K.: Für viele Haiarten hat das fatale Folgen. Mehr als ein Drittel der 64 Hochsee-Haiarten ist nach einer Studie der Weltnaturschutzorganisation IUCN vom Aussterben bedroht. Der Bestand einiger Haiarten, darunter Hammerhai und Weißer Hai, soll bereits um über 80 Prozent zurückgegangen sein. Die Natur hat den Hai so konzipiert, dass er im Meer keine Feinde hat, sein ganzer Reproduktionszyklus ist extrem langsam. Deshalb hat er kaum eine Chance, sich von der Überfischung zu erholen.
PW: Stirbt der Hai, stirbt auch das Meer - das zumindest befürchten einige Biologen. Teilen Sie die Sorge, dass mit dem Aussterben des größten Meeresräubers auch das Ökosystem der Meere gefährdet ist?
R.K.: Ich bin davon überzeugt, dass ohne den Hai das Ökosystem der Meere zusammenbrechen muss. Stellen Sie sich ein Stück Oase in der Wüste vor. Dort ist es grün, da gibt es ein paar Schafe, die fressen die Wiese, und ein Löwe reißt sich ab zu ein Schaf. Nimmt man den Löwen weg, gibt es schon bald so viele Schafe, dass sie die Wiese wegfressen. Am Ende ist das Ding keine Oase mehr, sondern eine Wüste - so wird das auch mit den Weltmeeren passieren. Ganz abgesehen davon haben Haie auch eine Funktion als "Gesundheits-Polizei". Sie halten das Wasser sauber, indem sie bevorzugt tote, alte, kranke und verletzte Beute fressen.
PW: Was kann man tun, um die Haie vor dem Aussterben zu retten?
R.K.: Zum einen gehen Artenschutzabkommen oder auch Aktionspläne der EU zum Schutz der Haie längst nicht weit genug. Was aber jeder für sich tun kann: kein Haifischfleisch mehr kaufen. Viele Menschen wissen nicht, dass zum Beispiel die berühmte Schillerlocke, der Fisch der britischen Traditionsspeise "Fish and Chips" oder sogenannter "Kalbfisch" und "See-Aal" in Wirklichkeit aus Herings- oder Dornhai besteht. Wer das isst, macht sich nicht nur an der Ausrottung der Haie mitschuldig, sondern gefährdet sich selbst. Denn inzwischen weiß man, dass die Haie Methylquecksilber mit ihrer Beute aufnehmen. Ein Kind, das 300 Gramm Schillerlocke verzehrt, kann von dieser einen Mahlzeit noch als 70-Jähriger mit Methylquecksilber verseucht sein.
Interview: Annette Holtmeyer, Stand vom 22.02.2010
Sendung: Geheimnisvoller Hai - Von der Bestie zum bedrohten Geschöpf, 22.02.2010
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