Fledermäuse auf Wanderschaft
Planet Wissen (PW): Bereits während Ihres Biologiestudiums in Zürich haben Sie sich für den Schutz von Fledermäusen eingesetzt. Seitdem sind Sie schon oft mit diesen Nachtschwärmern auf Tuchfühlung gegangen. Welche Begegnung ist Ihnen da besonders in Erinnerung?
Dr. Dina Dechmann (D.D.): Es gibt eine Fledermausart in Panama, die heißt Greisengesicht. Die hatte ich mir ganz lange gewünscht mal zu fangen. Als ich die erste davon erwischt habe - das war Wahnsinn. Die hat ein ganz krasses Gesicht. Da bin ich erst mal vor Freude den Weg hoch- und runtergerannt, bevor ich sie in Ruhe vermessen konnte. Auch die Flughunde in Afrika sind sehr beeindruckend. Da hängen Millionen von Tieren in den Bäumen, die nachts dann ausfliegen. Das ist gigantisch.
PW: Zur Zeit untersuchen Sie die Wanderungen der Flughunde, genauer der afrikanischen Palmenflughunde. Was ist an diesen Fledermäusen denn so besonders?
D.D.: Das ist eine wahnsinnig spannende Art. Zum einen bilden sie wahrscheinlich die größte Säugetierpopulation Afrikas. Sie leben entlang des tropischen Gürtels, also von der Elfenbeinküste bis Kenia. Überall in den großen Städten bilden sie riesige Kolonien. Da können über eine Million Tiere an einer befahrenen Straßenkreuzung in Bäumen hängen. So leben sie sechs Monate im Jahr. Dann ziehen sie bis zu 2000 Kilometer weit weg.
Zum anderen sind Tropenflughunde stark bejagt, sie werden von den Einheimischen häufig gegessen. Vielleicht sind sie dadurch langfristig bedroht. Wir haben keine Ahnung von den konkreten Zahlen, aber Schätzungen sagen, dass der Bestand in den letzten 30 Jahren drastisch, zum Teil bis zur Hälfte abgenommen haben könnte.
Eine meiner Hauptinteressen ist jedoch, dass diese Fruchtfresser Samen ausbreiten. Bei Flughunden bleiben die Samen sehr lange im Darm, bevor sie ausgeschieden werden. Zudem fliegen sie lange Strecken und können so auch in offene abgeholzte Flächen wieder Samen eintragen. Es gibt eine ältere Studie, die schätzt, dass über 90 Prozent der Wiederaufforstung in Afrika durch den Palmenflughund passiert.
PW: Warum begeben sich die Palmenflughunde auf Wanderschaft?
D.D: Sie ziehen los, wenn die Regenzeit beginnt. Ein Teil der Population zieht nach Norden, ein Teil nach Süden. In beiden Richtungen ziehen sie wahrscheinlich den saisonal wachsenden Früchten hinterher. Bei Vögeln gibt es ja oft gerichtete Zugbewegungen: Die Tiere ziehen von Punkt A los und fliegen dann so lange weiter, bis sie an Punkt B angekommen sind und sich dort niederlassen. Das nennt man eine gerichtete Migration. Bei den Palmflughunden vermute ich eher, dass das nicht so ist. Sie folgen dem Nahrungsangebot.
PW: Bei Ihrer letzten Reise nach Ghana haben Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Jakob Fahr Palmenflughunde beobachtet, die nicht mit auf Wanderschaft geflogen sind. Warum sind die geblieben?
D.D.: Gute Frage, wir haben keine Ahnung. Bis jetzt galt immer die wissenschaftliche Meinung, dass wahrscheinlich eher die Weibchen ziehen, weil die auf der Wanderschaft ihre Jungen aufziehen. Wir haben aber auch viele Weibchen und einige Jungtiere gefangen. Es könnte deshalb auch sein, dass sich das Nahrungsangebot geändert hat, dass jetzt in der Region ganzjährig mehr Früchte angebaut werden. Aber das müssen wir alles noch herausfinden.
PW: Um das Rätsel zu lösen, wohin und wie die Palmflughunde wandern, befestigen Sie kleine Sender an den Tieren. Nun ist eine solche Fledermaus mit 80 Zentimetern Flügelspannweite recht groß. Wie fangen Sie die denn ein?
D.D.: Wir schießen nachts, wenn die Tiere auf Futtersuche sind, Seile über die Kronen ihrer Schlafbäume und ziehen so ganz spezielle, feine Netze hoch. Da verfangen sich die Tiere, wenn sie am Morgen von der Nahrungssuche zurückkehren. Anschließend zupft man sie aus dem Netz heraus. Es gibt viele Fledermausarten, die sich wahnsinnig wehren und versuchen zu beißen, was man ihnen ja auch nicht verübeln kann. Flughunde sind eigentlich immer relativ nett.
PW: Dass Fledermäuse auf Wanderschaft gehen, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Woran liegt das?
D.D.: Erstens kann man bei nur etwa drei Prozent aller Fledermausarten wirklich davon sprechen, dass sie wandern. Bei uns in Deutschland sind es etwa eine Handvoll Arten, die über tausend Kilometer ziehen. Zweitens sind gerade bei uns in Europa die ganzen Arten sehr klein und unauffällig. Von daher fällt das vielen nicht auf, dass sie im Winter da sind und im Sommer weg.
PW: Welche Fledermausarten wandern denn in Deutschland?
D.D.: Zum Beispiel der Große Abendsegler oder auch die Rauhautfledermaus. Das ist eine ganz winzige Fledermaus, die bei uns vorkommt. Die Fledermäuse kommen zum Überwintern zu uns. Sie halten hier ihren Winterschlaf. Wohin genau sie von Deutschland aus ziehen, weiß man noch nicht genau - in Richtung Nordosten, vielleicht nach Polen, Weißrussland, Russland. Es gibt aber auch welche, die ziehen nach Norden, nach Skandinavien.
PW: Die Männchen bleiben das ganze Jahr bei uns, nur die Weibchen ziehen schwanger in ihr Sommerquartier. Warum ist das so?
D.D.: Weil die Weibchen stärker auf Ressourcen angewiesen sind. Bei der Fledermaus ist es so, dass sie alles, was das Jungtier braucht, aus ihrer Zitze produziert. Es kann nicht mit der Zeit schon etwas zugefüttert werden wie bei anderen Tieren. Das Fledermausweibchen muss die ganze Energie alleine aufwenden. Dabei muss sie Schwangerschaft und Jungenaufzucht in kurzer Zeit bewerkstelligen, damit das Jungtier wiederum genügend Zeit hat, sich Speck für den Winter anzufressen. Das alles kostet enorme Energie. Die Weibchen ziehen deshalb in den insektenreichen Norden hoch. Die Männchen, die sich nur selbst versorgen müssen, können hierbleiben.
PW: Können wir denn etwas dafür tun, dass sie dann gute Winterquartiere bei uns finden?
D.D.: Wir können vor allem ihre Winterquartiere schützen. Es gibt Stollen und Höhlen, in die Menschen gehen, um die Tiere anzugucken oder um darin zu picknicken oder ein Feuerchen zu machen. Fledermäuse sind wahnsinnig störungsempfindlich, weil sie sehr mit ihrer Energie haushalten müssen. Es kann gut sein, dass eine Fledermaus, die zum falschen Zeitpunkt aus ihrem Winterschlaf geweckt wird, das nicht überlebt. Inzwischen macht man vor solche Stollen Gitter, damit niemand mehr hereinkann.
Interview: Birgit Amrehn, Stand vom 09.03.2010
Sendung: Abenteuer Tierwanderung, 13.08.2010










