Leben im Wald
Alte Mythen
Der Wald und seine alten großen Bäume werden von zahlreichen Völkern als heilig oder sogar als Gottheiten angesehen. Die Edda, die älteste europäische Sammlung von Götter- und Heldenliedern aus dem 13. Jahrhundert, erzählt von der immergrünen Weltesche Yggdrasil. Diese Esche galt als Welt- oder Lebensbaum, der das kosmische Weltbild der damaligen Menschen symbolisierte. Nach der Erzählung besitzt sie drei Wurzeln, die die Welt durchdringen und ihre Äste erstrecken sich über den ganzen Himmel. An ihrenWurzeln entspringen lebensspendende Quellen. Yggdrasil steht im Zentrum der Welt und verbindet Unterwelt, Erde und Himmel.
In einem übertragenen Sinn steht die Weltesche für die Natur oder für ein ökologisches Gleichgewicht, als deren stabilisierende Struktur. In der Edda leitet die Zerstörung Yggdrasils das Ende der Welt ein. Richard Wagner erzählt in seiner Operntrilogie "Der Ring des Nibelungen" in der Eingangsszene den Mythos der Weltesche.
Der bekannteste Baum für die Christen ist der Baum der Erkenntnis im Garten Eden. Seine Früchte durften von Adam und Eva nicht gegessen werden. Weil sie es trotzdem taten, wurden sie aus dem Paradies vertrieben. Die Sehnsucht nach dem Garten Eden, in dem alle Lebewesen harmonisch beieinander wohnen, ist seitdem nie verloren gegangen.
Der Märchenwald
Auch in Märchen, Sagen und Legenden der meisten Völker wird eine tiefe Beziehung zwischen dem Wald und der menschlichen Seele deutlich. Oft wird der Wald wie ein Labyrinth dargestellt. Die Helden verirren sich auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens. Erst nachdem sie Prüfungen bestanden haben und an Weisheit gereift sind, finden sie den Weg zurück ins Licht. Dabei werden sie meist von den guten und bösen Waldwesen begleitet. Hexen und Dämonen wollen die Helden verwirren, gute Geister oder Elfen helfen ihnen auf den richtigen Weg.
In dem berühmten Märchen der Brüder Grimm werden Hänsel und Gretel von ihrer Stiefmutter im finsteren Wald ausgesetzt. Tagelang irren die Kinder umher, bis sie auf die Hexe in ihrem Knusperhäuschen treffen. Die Hexe will Hänsel mästen und verspeisen. Erst nachdem sie die Hexe mit einer List besiegt haben, finden Hänsel und Gretel den Weg aus dem Wald und eine helle Lichtung öffnet sich vor ihnen. Der schwierige Weg durch den Wald mit allen Rätseln, merkwürdigen Begegnungen, Ängsten und Hoffnungen gleicht dem Lebensweg des Menschen. Zahlreiche Sprichwörter aus allen Kulturen spiegeln diese Erkenntnis wie zum Beispiel: "Man soll um eines Baumes willen nicht den ganzen Wald roden."
Der moderne Mensch im Wald
Die weiten dunklen Wälder Europas haben ihre Geheimnisse längst preisgeben müssen. Die Bäume mussten weichen, als die Menschen den Boden urbar machten. Aus Wäldern wurden Äcker, aus Bäumen wurden Häuser, der Wald geriet in Not. Und nicht nur Abholzung bedroht den Wald. In Europa entdeckte man erst in den siebziger Jahren das "Waldsterben". Die Bäume erkranken an der Luft, die durch Abgase von Industrie und Autos verschmutzt ist. Aber nach langer Zeit rücksichtsloser Waldvernichtung wurde endlich auch die lebenswichtige Bedeutung des grünen Lebensraumes wiedererkannt. In Deutschland werden die ausgeplünderten Wälder wieder aufgeforstet, gegen das Waldsterben wurden Schadstoffbeschränkungen eingeführt. Wissenschaftler und neue Berufszweige beschäftigen sich mit dem Schutz und Erhalt des Lebensraumes Wald. Und neben allen wissenschaftlichen Überlegungen entdecken immer mehr Menschen ihre alte Liebe zu den Bäumen und die tiefe Sehnsucht nach der grünwogenden Lebendigkeit des Waldes.
Julia Lohrmann, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Der deutsche Wald - Verzaubert und vermarktet, 07.03.2008








