"Chandrayaan" - Indiens Weg zum Mond
Raumfahrt seit 1975
Bereits 1975 schickt Indien seinen ersten Satelliten ins All, allerdings noch mit einer russischen Trägerrakete. Doch schon fünf Jahre später hat das Land die erste selbst entwickelte Rakete am Start. Seit vielen Jahren bringen die Inder erfolgreich Fernerkundungssatelliten in eine Umlaufbahn um die Erde. Mit "Chandrayaan-1" haben sie beim Wettlauf mit China und Japan in Sachen Weltraumpräsenz gewaltig aufgeholt. Dabei geht es auch um viel Prestige. Man möchte zeigen, dass sich Indien an der Schwelle von einem Entwicklungsland zu einer wirtschaftlichen Großmacht befindet, die moderne Hochtechnologie beherrscht. Mit ambitionierten Plänen will Indiens Raumfahrtorganisation Experten im eigenen Land halten und eine Abwanderung zur "Konkurrenz" verhindern. Schließlich geht es auch um das äußerst lukrative Geschäft, kommerziell Satelliten in den Weltraum zu befördern.
Dem Mond ganz nah
Seit dem 12. November 2008 umkreist "Chandrayaan" in nur 100 Kilometern Höhe den Mond auf einer polaren Umlaufbahn. Die geringe Entfernung verspricht genauere Daten, als sie beispielsweise die europäische Mondsonde "Smart-1" geliefert hat, die in einer Höhe von 300 Kilometern unterwegs war. An Bord sind Instrumente zur optischen und spektroskopischen Untersuchung der Mondoberfläche, die Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Gesteins liefern soll. Außerdem ist ein "Laser-Altimeter" für die hochpräzise Vermessung der Topographie mit dabei. Fachleute wollen aus den Daten dreidimensionale und vor allem aktuelle Karten des Mondes erstellen. Ein Großteil des vorhandenen Materials ist 40 Jahre alt und Experten beklagen, dass es inzwischen bessere Karten vom Mars als von unserem Nachbarn gibt. Fünf der an Bord befindlichen Instrumente sind von den Indern selbst entwickelt, drei kommen von der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, zwei von der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und eines aus Bulgarien. Mit von der Partie ist auch der "Impaktor MIP" (Moon Impact Probe), eine kleine Sub-Sonde, die sich am 14. November 2008 von "Chandrayaan" löst und kontrolliert zum Absturz gebracht wird. Während sich die Flugbahn des MIP immer weiter Richtung Mondoberfläche absenkt, senden Kameras und Instrumente Messergebnisse und Bilddaten. Unter anderem wird die dünne Mondatmosphäre analysiert. Die Hoffnung, der nur 34 Kilogramm schwere Mini-Satellit könnte die Prozedur unbeschadet überstehen, erfüllt sich nicht - der Aufprall ist zu hart.
Zusammenarbeit mit der ESA
"Chandrayaan" arbeitet gegenüber der europäischen Mondsonde "Smart-1" mit konventioneller Antriebstechnik und ist technologisch nicht so anspruchsvoll, hat aber einige Vorteile, die auch für die ESA interessant sind. Aufgrund der größeren Nutzlast können die Europäer erneut Instrumente nutzen, die sie schon auf "Smart-1" erprobt haben. Diesmal jedoch in einer geringeren Entfernung zur Mondoberfläche. Das bringt wesentlich bessere Messergebnisse, die Indien der ESA umgehend zur Verfügung stellt. Davon profitieren beide Seiten. So haben die Europäer Gelegenheit, ihre Erkenntnisse über den Mond zu verbessern und die Daten von "Smart-1" zu bestätigen oder gegebenenfalls zu korrigieren. Schon 2005 hat deshalb der ESA-Rat eine Zusammenarbeit mit der indischen Raumfahrtorganisation ISRO bei der Mondforschung beschlossen. Mit solchen Kooperationen, so hofft die ESA, kann die Forschungsarbeit europäischer Wissenschaftler erweitert werden. Mindestens zwei Jahre soll "Chandrayaan" Daten zur Erde funken und vielleicht einige Geheimnisse des Mondes lüften.
Harald Brenner, Stand vom 01.06.2009







