Kamele in Australien
Planet Wissen (PW): Rund eine Million verwilderter Kamele leben in Australien. Sie haben vor allem ihr soziales Verhalten beobachtet. Wie würden Sie Kamele charakterisieren?
Birgit Dörges (B.D.) (lacht): Sie machen, was sie wollen!
Jürgen Heucke (J.H.) (lacht): In unseren Aufzeichnungen steht ganz häufig "sie machen, was sie wollen". Das ist wirklich ganz verrückt. Aber das ist eben das Interessante an Kamelen, dass sie so flexibel sind. Sie müssen sich auch sehr gut anpassen können, denn da, wo sie herkommen, ist es fast immer trocken.
PW: Haben Sie ein konkretes Beispiel für ihre Anpassungsfähigkeit?
J.H.: Je nach äußeren Gegebenheiten variieren sie ihr Familienleben. 1995 hat es im Outback praktisch überhaupt nicht geregnet und da gab es eigentlich keine Gruppen. Es waren nur Mütter mit den Fohlen unterwegs oder mal zwei Hengste. Im Jahr 2000 dagegen hatten wir über 800 Milliliter Regen und auf einmal hatten wir Gruppen von bis zu 200 Tieren. Wenn es nichts zu fressen gibt, ist es natürlich sinnvoll, wenn die größten Konkurrenten, die eigenen Artgenossen, weit weg sind. Aber wenn sowieso alles im Überfluss da ist, ist es besser in großen Gruppen zu leben, weil man dort gegen Feinde sicherer ist.
PW: Im arabischen Raum und in Nordafrika, wo die Dromedare ursprünglich herkommen, kennt man sie seit Jahrtausenden nur noch als Haustiere. Haben Sie die Araber mit Erkenntnissen überraschen können?
B.D.: Was vielleicht eine Besonderheit war, sind unsere Beobachtungen von Kindermord. Das ist ein Verhalten, das wir nicht erwartet haben, das wir auch erstmals für Huftiere nachweisen konnten. Der Hengst tötet das noch nicht mobile Fohlen, um das nächste Fohlen mit dessen Mutter zu haben. Denn wenn er es nicht täte, wäre diese Stute für ihn wenigstens 14 Monate nicht fruchtbar.
J.H.: Die Araber wissen auch, dass Hengste Fohlen angreifen; deshalb isolieren sie die Stute. Nur wussten sie nicht, dass es sich dabei um ein natürliches Verhalten und nicht um ein Fehlverhalten durch die Haltung handelt. In der Freiheit isoliert sich die Stute übrigens selbst. Sie verlässt vor der Geburt die Gruppe und zieht in ein Gebiet, von dem sie sicher ist, dass dort selten Kamele durchkommen. Dort bekommt sie ihr Fohlen und beide leben bis zu drei Wochen alleine.
PW: Sie haben aus nächster Nähe die Dromedare beobachtet und waren sogar bei Kamelgeburten zugegen. Wie kamen Sie so nahe an die wilden Tiere heran?
J.H.: Durch Ausdauer haben wir es geschafft. Wir waren immer draußen, immer draußen.
B.D.: Ausdauer, ganz genau. Denn anfangs hatten die Kamele eine Fluchtdistanz von 500 Metern. Wenn die nur das Auto hörten, waren die weg. Am Schluss waren wir mitten unter ihnen. Wir gehörten einfach mit dazu. Aber es hat lange gedauert.
PW: Während der Brunftzeit der Kamele kommt es zwischen den Hengsten zu erbitterten Kämpfen. War das nicht gefährlich für Sie?
J.H.: Nein, nicht bei den wilden Kamelen. Im Zoo sind Kamelhengste während der Brunft sehr gefährlich. Angeblich soll es mehr Unfälle mit brunftigen Kamelen gegeben haben als mit Löwen.
Wenn wir sie gefangen haben, bin ich auch schon mal gebissen worden. Oder mir wurde durch einen Tritt eine Rippe gebrochen. Aber das war, wenn die Kamele eingesperrt waren. Draußen passierte gar nichts, die griffen nie an. Einmal, das war verrückt. Da kam ein Hengst schäumend im vollen Galopp auf Birgit zugerannt. Ich dachte: Was will der denn?
B.D.: Aber hinter mir stand ein anderer Kamelhengst, und den hatte ich nicht gesehen.
J.H.: Du musstest nur zur Seite gehen, der lief einfach an dir vorbei. Der interessierte sich gar nicht für dich.
PW: Kamele können überall auf der Welt leben. Selbst in Deutschland gibt es Kamelhöfe. Warum suchen sich die Tiere gerade die kargsten Regionen als natürlichen Lebensraum aus?
B.D.: Sie hatten nur in diesen Regionen wirkliche Überlebenschancen. Die Immobilität der Fohlen ist ein großer Haken. Wenn Raubtiere da wären, dann würden diese Fohlen sofort gefressen.
J.H.: Die neugeborenen Kälber brauchen bis zu vier Stunden, bis sie auf den Beinen stehen. Auch können sie in den ersten Tagen nur 50, 60 Meter weiterziehen. Wenn die in einer normalen Steppe leben würden, dann wären da so viele Raubtiere, da würde kein Fohlen überleben.
PW: 13 Jahre haben Sie für Ihre Forschungsarbeiten mitten im Outback bei den Dromedaren gelebt. Die nächste Stadt, Alice Springs, war 360 Kilometer entfernt. Wie hatten Sie sich in der Wildnis eingerichtet?
B.D.: Angefangen haben wir mit Dächern als Regenschutz. Zum Schluss war es komfortabler: Schlafzimmer, Bad und Küche waren nach wie vor unter freiem Himmel. Aber wir hatten uns einen ausgedienten Möbelwagen gekauft, das war sozusagen die Campstation. Ein Wohnwagen diente als Büro und wir hatten eine Solaranlage. Das war aber erst in den letzten Jahren der Fall.
PW: Wie haben Sie sich dort draußen verpflegt?
J.H.: Wir sind einmal im Monat nach Alice Springs gefahren, auch um die Post abzuholen und abzuschicken. Wir haben dort immer für einen Monat eingekauft. Meistens mussten wir mit zwei Autos hinfahren, da wir alleine 500 Liter Diesel im Monat verbraucht haben. Und dann eben Verpflegung. Draußen im Busch hatten wir einen Kühlschrank, der auf Gas lief. Oben war ein kleines Gefrierfach, da konnten wir Fleisch einfrieren. Das hielt eine gewisse Zeit und dann wurde auf Dosenfutter umgestellt.
PW: Inzwischen können Sie jederzeit in einen Supermarkt gehen. Seit 2004 leben Sie wieder in Deutschland. Wenn Sie an Ihre Zeit in Australien zurückdenken, was fehlt Ihnen hier am meisten?
B.D.: Vielleicht die Freiheit - die Freiheit der eigenen Entscheidung. Es ist etwas anderes, wenn man in einem sozialen System klarkommen muss oder - wie in der Wüste - nur mit sich alleine oder mit dem Partner.
J.H.: Aber wir sind wegen der sozialen Kontakte gerne wieder hierher gezogen. Meine Bücher und die sozialen Kontakte haben mir dort schon gefehlt.
B.D.: Wir haben uns damals aber nicht gegenseitig umgebracht. Das soll ja auch schon mal was heißen. (beide lachen)
Interview: Birgit Amrehn, Stand vom 25.05.2009










