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Die letzten Wälder der Orang-Utans

"Waldmensch" - so heißen die sanften rot behaarten Affen mit den großen intelligenten Augen auf malaiisch. Sie sind perfekt angepasst an das Leben in den Bäumen der Regenwälder auf den indonesischen Inseln Borneo und Sumatra. Doch der Wald schwindet, der Mensch zerstört die letzten Rückzugsgebiete der Orang-Utans. Willie Smits, der Gründer des weltweit größten Primatenschutzprojekts, engagiert sich seit 20 Jahren für die Rettung der Menschenaffen.

Zwei Orang-Utans im Regenwald an einem Baumstamm. (Rechte: Mauritius)

Orang-Utans im Sepilok Auswilderungszentrum auf Borneo

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Planet Wissen (PW): Herr Smits, es sieht nicht gut aus für die Orang-Utans. Wo sehen Sie die größten Gefahren für die Waldmenschen?

Willie Smits (W.S.): Es gibt eigentlich eine ganze Reihe von Problemen. Natürlich die Entwaldung selbst, aber ein noch größeres Problem ist die Fragmentierung des Waldes. Nach der Abholzung bleiben immer kleinere Waldinseln übrig, wo nicht mehr genug Orang-Utans überleben können, um eine genetische Variabilität zu gewährleisten. Was dazu führen wird, dass sie langfristig aussterben, auch wenn es in den nächsten 50 oder 100 Jahren vielleicht noch Orang-Utans gibt.

PW: Warum können keine größeren Gruppen mehr gemeinsam überleben?

W.S.: Die Orang-Utans leben meist alleine; nicht, weil sie Einzelgänger sind oder die Gesellschaft von anderen Orang-Utans nicht mögen, sondern weil es einfach für eine Gruppe im Urwald nicht mehr möglich ist, genügend Futter für alle zu finden. Wenn es zum Beispiel einen Feigenbaum gibt mit vielen Früchten, dann versammeln sich dort auch alle Orang-Utans und bleiben zusammen.

Ein Mann mit einem Orang-Utan (Rechte: Willie Smits)

Willie Smits

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PW: Also produziert der Regenwald selbst in Gebieten, in denen er noch intakt ist, nicht genügend Futter für größere Orang-Utan-Gruppen?

W.S.: Ja, und der Klimawandel hat es noch schlimmer gemacht. Durch den Klimawandel gibt es keine Saison mehr für Urwaldfrüchte. Früher war es so, dass einmal alle vier Jahre große Mengen an Früchten produziert wurden. Das war gut für die Vermehrung der Bäume, denn die Tiere fraßen dann, soviel sie wollten und verteilten Millionen von Samen, sodass viele neue kleine Bäume entstanden. Diese konnten dann wiederum viele neue Früchte produzieren.

Die Orang-Utans haben ihren Geburtszyklus an diesen Fruchtzyklus angepaßt. Also wenn es viele Früchte gibt, werden die Orang-Utans schwanger und bekommen ihre Babies. Fünf Jahre trinkt das Baby Milch bei der Mutter. Dann bei der nächsten Fruchtsaison ist genügend Futter da und das Kind kann sich alleine ernähren. Aber da die Mutter bis dahin Milch produziert hat, kann sie noch nicht wieder schwanger werden, sondern erst im folgenden Fruchtzyklus. Normalerweise bekommen Orang-Utans also etwa alle acht Jahre ein Baby. Aber in den letzten 15 Jahren gab es keine Fruchtschwemme mehr, es bleiben immer nur wenige Früchte übrig.

Mensch gibt Orang-Utan die Hand, sichtbar sind nur die Hände. (Rechte: dpa)

Hilfe für die Tiere

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PW: Im Jahr 2001 haben Sie angefangen, 2000 Hektar gerodetes, ökologisch totes Land in Borneo aufzukaufen, um dort eine Auffangstation für Orang-Utans aufzubauen. Wieso gerade dieses unattraktive Stückchen Erde?

W.S.: Ich wollte irgendwo anfangen, wo es besonders schlimm war, damit keiner nachher mit Ausflüchten kommen kann, wie: Aber ihr hattet ja damals ... bei Euch war das und das besser und einfacher. Nein, ich wollte an dem schlimmstmöglichen Ort anfangen, damit die Leute verstehen, dass man auch auf diesem Boden wieder produktiv wirtschaften kann. Wenn man nur die richtigen Mikroorganismen und Pflanzen wieder ansiedelt, um die natürlichen Vegetationszyklen zu unterstützen und das Gebiet richtig managt. Ich dachte mir, wenn ich das dort beweisen kann, dann gibt es keinen guten Grund, das nicht auch woanders zu machen. Und dann sollen Unternehmen und Regierungen die Finger von den letzten Urwaldgebieten lassen, um auch dort noch Ölpalmen anzusiedeln.

Regenwald mit blühender Pflanze. (Rechte: dpa)

Intakter Regenwald in Indonesien

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PW: Und es hat funktioniert. Wo vor acht Jahren nur hartes gelbes Gras wuchs, steht heute ein richtiger Dschungel. Und mit dem Wald kam auch der Regen zurück. Wie kam es dazu?

W.S.: Wenn Sie die angrenzenden Gebiete um unser Projekt Samboja Lestari betrachten, wo der Boden offen und nur mit Gras bedeckt ist, kann man sehen, dass dort viel Licht auf den Boden fällt und Wärme nach oben wieder abgestrahlt wird. Wie bei einer Straße aus Asphalt. Wenn Sie dort drüberlaufen, spüren Sie sogar mit den Händen, dass dort heiße Luft nach oben zieht. Wie bei einem Feuer steigt die warme Luft nach oben und drückt die Wolken weg. Und wohin? Wo es nicht heiß ist. Und das ist über Samboja Lestari. Dort verdampfen die Bäume das Wasser und kühlen die Luft ab. Als Folge sammeln sich die Wolken dann dort an. Außerdem verdampfen die Bäume auch Chemikalien aus den Blättern, die in den Tropen verantwortlich für die Entstehung von Regenwolken sind. Also ziehen die Bäume sowohl die Wolken an und regen sie gleichzeitig auch an, das Wasser dann freizulassen. So entsteht ein richtiger Zyklus. Denn wenn es viel regnet, verdampft der Wald wieder mehr Wasser, was wieder zur verstärkten Wolkenbildung führt.

In Samboja Lestari haben wir es geschafft, dass der Wald wieder genügend Futter für die Orang-Utans produziert. Wir haben dort 50 Mal mehr Fruchtbäume als im normalen Wald angepflanzt. So ist der Wald in Samboja Lestari zu einer richtigen Regen- und Futtermaschine geworden - und das in verhältnismäßig kurzer Zeit von acht Jahren.

PW: Ein Erfolgsprojekt also, das zum Nachahmen auffordert. Doch die Lebensraumzerstörung ist nicht die einzige Bedrohung für die sanften roten Riesen.

W.S.: Ja, weitere Probleme sind Feuer, die Jagd, die Verbreitung von menschlichen Krankheiten und besonders der Handel mit Orang-Utan-Babies.

Erwachsener Orang-Utan hält Orang-Utan-Baby im Arm. (Rechte: dpa)

Die Babies bringen auf dem Schwarzmarkt über 30.000 Euro

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PW: Was haben Sie über den illegalen Handel mit Orang-Utan-Babies herausgefunden?

W.S.: In Indonesien selbst sind es fünf Gruppen von Menschen, die Orang-Utan-Babies kaufen: die Armee, die Polizei, die Regierungsbeamten, die reichen Geschäftsleute und Künstler. Alle wissen, dass es verboten ist, aber sie wissen auch, dass man mit Geld fast alles machen kann. Sie benutzen die Orang-Utans vor allem als Statussymbole, nur um anderen zu zeigen, dass sie etwas Besonderes besitzen. Manche sind sogar in Zeitungen mit Orang-Utans zu sehen. Dagegen unternimmt die Regierung nichts. Das ist sehr schlimm.

PW: Was passiert mit den Tieren?

W.S.: Wenn sie ins Ausland verkauft werden, auf die Philippinen oder nach Taiwan, Laos und Kambodscha, werden sie dazu gezwungen, als Zirkusartisten aufzutreten. Oder sie werden in Box-Shows benutzt oder sogar in Sex-Shows in Thailand. In Amerika werden sie sogar in Pornofilmen misshandelt. Ich habe bisher fünfmal Orang-Utans aus Prostituierten-Häusern befreit.

Sie werden auch für medizinische Versuche verkauft - es gibt Anzeichen dafür, dass viele in den ehemaligen Ostblockländern verschwunden sind. Und sie werden zum Teil noch gegessen und die Knochen werden zu Medikamenten verarbeitet. Andere Menschen haben sie als Kindsersatz und ernähren sie tatsächlich mit der eigenen Muttermilch.

Palmöl-Fruchtbündel liegen auf einer Palmölplantage auf dem Boden. (Rechte: dpa)

Palmöl-Fruchtbündel auf einer Palmölplantage auf Borneo

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PW: Was kann für den Schutz der Orang-Utans hier in Deutschland getan werden?

W.S.: Das größte Problem sind die Ölplantagen. Denn die Unternehmen dringen in die letzten Gebiete vor, wo es noch Holz gibt. Und das sind die Sumpf- beziehungsweise Torfwälder, wo die letzten größeren Gruppen von Orang-Utans leben. Es ist wirklich so, dass wir im Westen die Wälder auffressen. Jeder kann auf die Politiker Druck machen und fordern, dass nur noch nachhaltig produziertes Palmöl in Deutschland und Europa auf den Markt kommt. Und dass Hersteller dazu verpflichtet werden, zu kennzeichnen, woher das Palmöl stammt, das sie in Schuhpflegeprodukten, im Shampoo oder in Kosmetikprodukten verwenden. Damit die Menschen wissen, was sie kaufen. Und es sollte ein Logo geben, das garantiert, dass dieses Produkt nicht zu dem Verlust von Regenwald und Orang-Utans beigetragen hat.

PW: Nach 20 Jahren Kampf für den Erhalt der Regenwälder und der Orang-Utans - woher nehmen Sie die Motivation, weiterzumachen?

W.S.: Wenn Sie einmal in die Augen eines Orang-Utans geschaut haben, dann wissen Sie es.

Interview: Monika Sax, Stand vom 15.12.2009

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