"Wilde" Probleme
Futterneid und Konkurrenzdenken
Auch der Kormoran bekommt wieder Stress mit dem Menschen. Könnten die Vögel reden, würden sie uns wahrscheinlich vorwerfen, wie unberechenbar wir doch sind: Erst rotten wir den Kormoran fast aus, dann setzen wir alles daran, dass der Vogel sich wieder ansiedelt - und kaum haben sich die Bestände mal richtig gut erholt, geht die Hatz schon wieder los. Die Kormorantötungen Mitte Juni 2005 im Anklamer Stadtbruch schlugen hohe Wellen. In dem Naturschutzgebiet hatten Jäger mehrere tausend Kormorane erschossen - mit Erlaubnis des Landesumweltamtes Mecklenburg-Vorpommern.
Im April 2008 trieb eine nächtliche Scheinwerfer-Aktion im Radolfzeller Aachried am Bodensee die Naturschützer auf die Barrikaden. Das grelle Licht sollte die Kormoraneltern von den Nestern vertreiben, wodurch die Brut auskühlt und vernichtet wird. Als Hintergrund heißt es immer wieder, die Kormorane nähmen überhand und gefährdeten die Fischbestände. Mit ihrem Appetit auf Fische gefährden sie angeblich auch artgeschützte Fische. Das sieht man beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) allerdings ganz anders. "Der Fisch ist mein" spricht der Angler. So heißt es in Baden-Württemberg in einer NABU-Broschüre zum Thema Kormoran. Für die Naturschützer ist klar: Der Kormoran ist kein ökologisches, sondern ein psychologisches Problem. Der Vogel tritt hier in Konkurrenz mit dem Mensch. Das wirkliche Problem ist demnach der exklusive Anspruch der Angler auf ihre Fische.
Auch mit den anderen Wildtieren gibt es Probleme. Hauptsächlich dann, wenn sie naturgemäß mit uns Menschen die Tafel teilen. Je größer und hungriger, umso schwieriger die Akzeptanz. Beim Kormoran sind es Angler und Fischzüchter, die um ihre Fische fürchten. Wenn Luchs oder Wolf auf ihren Streifzügen das Vieh eines Bauern reißen, können sie kaum mit dessen Sympathie rechnen. Und auch der Jäger wird nicht gerade begeistert sein, wenn "sein" Wild dezimiert wird.
Die großen Unbekannten
Auch Angst und Unsicherheit wachsen mit der Größe der wilden Tiere. Wir haben verlernt, mit ihnen zu leben, haben Berührungsängste und wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Was, wenn wir ihnen im Wald begegnen? Martin Klatt, Referent für Artenschutz des NABU Baden-Württemberg, ist sicher, dass selbst die großen Raubtiere wie Wolf, Luchs und Bär für den Menschen nicht gefährlich sind. Schon allein deswegen, weil wir ihnen in der Regel gar nicht erst begegnen. Denn die Tiere sind sehr scheu und gehen uns aus dem Weg. Selbst die Wildtierforscher müssen sich lange und intensiv auf Spurensuche machen, wenn sie ihren "Forschungsobjekten" begegnen wollen.
In Ländern wie zum Beispiel Rumänien oder Bulgarien, in denen es noch relativ viele Wölfe und Bären gibt, haben die Menschen kein Problem mit ihnen. Und das, obwohl man sich hier öfter begegnet. Zum Beispiel wenn Meister Petz mal in den Dörfern vorbeischaut, um die Mülltonnen nach Fressbarem zu durchsuchen. Und die Menschen? Die lassen die Tiere einfach in Ruhe - und lassen sich von ihnen auch nicht aus der Ruhe bringen.
Martin Klatt sieht in einem Auto, das mit 50 Kilometern pro Stunde durch eine 30er Zone fährt, eine weit größere Gefahr, als sie von den Wildtieren ausgeht. Der einzige Unterschied: An diese Gefahr haben wir uns gewöhnt. Autos gehören eben zu unserem Alltag.
In aller Regel sind es wohl die Tiere, die durch den Menschen Schaden nehmen - nicht umgekehrt. Wir haben uns entwöhnt und müssen erst wieder lernen, die Tiere in unserer Nähe zu akzeptieren. Es ist ein weiter Weg, der nur mit Aufklärung und der nötigen Offenheit beschritten werden kann.
Andrea Wengel, Stand vom 25.04.2012







