17. Juni 1953 in der Provinz
Zentren der Unruhen
In mehr als 700 Orten kam es zwischen dem 16. und 21. Juni 1953 zu Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks. Die Zentren der Arbeiterunruhen waren Magdeburg, Leipzig, Jena, Görlitz und vor allem der Bezirk Halle. Hier erreichte der landesweite Aufstand seine größten Wirkungen. Alle 22 Kreise meldeten Streiks und Aktionen. Neben der Bezirksstadt zählten vor allem die Industriestandorte Leuna, Bitterfeld, Wolfen, Weißenfels und Eisleben sowie Quedlinburg und Köthen zu den Unruheherden in der Region.
Die Arbeiter des Lokomotiv- und Waggonbaus Ammendorf bei Halle waren die ersten, die bereits in den frühen Morgenstunden ihre Arbeit niederlegten. Gegen 9.30 Uhr setzten sich 2000 bis 3000 Demonstranten Richtung Stadtzentrum in Bewegung. Arbeiter anderer Betriebe, an denen der Demonstrationszug vorbei führte, schlossen sich an. Schließlich marschierten circa 10.000 Menschen zur Justizverwaltung am Hansaring. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) traf die Situation überraschend. Es hatte für diesen Fall keine Strategien entwickelt. Die Bezirks- und Kreisverwaltungen blieben ohne klare Handlungsanweisung. Wer autorisiert war, in dieser Situation einzugreifen, die sowjetischen Truppen oder die Parteiführung, war ebenfalls unklar. Die MfS-Bezirksstelle in Halle musste sich im Verlauf des 17. Junis darauf beschränken ihre Dienstobjekte zu sichern. Denn etwa 1000 Menschen versammelten sich vor dem SED-Gebäude und stürmten es.
Halle glich einer belagerten Stadt
Am Nachmittag gelang es den Demonstranten etwa zur gleichen Zeit, die Strafvollzugsanstalt in der Kleinen Steinstraße, ein Frauengefängnis, und den "Roten Ochsen", das Stadtgefängnis am Kirchtor, zu umstellen. Der Versuch, mit einem Lastwagen das Tor zu rammen und die Gefangenen zu befreien, schlug fehl. Es gelang aber, das Frauengefängnis mit einer Vollmacht der Staatsanwaltschaft zu besetzen. Die 245 inhaftierten Frauen kamen ungeachtet ihrer Delikte frei. Im Kampf um das Frauengefängnis löste sich ein Schuss. Durch den Waffeneinsatz der Kasernierten Volkspolizei wurde ein Demonstrant schwer verletzt.
Gegen 14.15 Uhr erteilte der Bezirkschef der Polizeibehörde den Befehl, zu schießen. Vier Demonstranten wurden am "Roten Ochsen", dem Stadtgefängnis, von den Kugeln der Polizei getroffen und starben an ihren Verletzungen. Nur ein bis zwei Stunden später rückten sowjetische Panzer auf.
Doch damit war der Höhepunkt des Protestes noch nicht erreicht. Gegen 18 Uhr versammelten sich etwa 60.000 Menschen auf dem Hallmarkt im Stadtzentrum. Das Streikkomitee, das sich formiert hatte, forderte die Senkung der Lebensmittelspreise, freie Wahlen und die Absetzung der Regierung. Es wurde zum Generalstreik aufgerufen. In dieser Situation griffen die sowjetischen Panzer ein. Die Kasernierte Volkspolizei ging mit Gewehrkolben gegen die versammelten Menschen vor. Es kam zu Massenverhaftungen. Die Protestkundgebung wurde aufgelöst, der Marktplatz geräumt. Die nächtliche Ausgangssperre trat in Kraft. Bis 6.00 Uhr durfte niemand das Haus verlassen.
Einen Tag später, am 18. Juni 1953, glich Halle einer belagerten Stadt. Dennoch wurde der Streik fortgeführt, viele Arbeiter weigerten sich, die Produktion in ihren Betrieben wieder aufzunehmen. Ein massives Durchgreifen der Sowjetarmee beendete schließlich den Volksaufstand im Bezirk Halle.
Sabine Kaufmann, Stand vom 01.06.2009







