Interview mit dem Fluchthelfer Rudi Thurow
Planet Wissen (PW): Warum sind Sie 1955 Berufssoldat geworden?
Rudi Thurow (R.T.): Ich habe meine Eltern im Krieg verloren. Als Soldat habe ich Kameradschaft gesucht. Ich habe mich freiwillig zu den Grenztruppen gemeldet, die Einheit hat mir die Familie ersetzt.
PW: Wie lautete Ihr Befehl als Grenzsoldat?
R.T.: Der Befehl lautete, keinen Menschen unkontrolliert über die Grenze zu lassen. Es war unter allen Umständen und unter Einsatz der Schusswaffe zu verhindern, dass Menschen die Grenze nach Westberlin überschritten. Die Menschen wurden angerufen mit: "Halt, stehen bleiben, deutsche Grenzpolizei!" Wenn die Flüchtlinge nicht hielten, dann durfte man rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch machen. Es wurde noch der Befehl gegeben, nicht auf Kinder und Schwangere und nicht auf westliches Gebiet und alliierte Soldaten zu schießen.
PW: Wie kamen Sie persönlich damit klar, auf Ihre eigenen Landsleute schießen zu müssen?
R.T.: Ich hatte zunächst Glück und musste in der Woche nach dem 13. August 1961 keinen Dienst an der Grenze verrichten. Ich bin damals nach Hoppegarten zu einer Ausbildungskompanie strafversetzt worden, weil ich eine Freundin hatte, die vor dem 13. August nach Westberlin gefahren war, Sachen eingekauft hatte und festgenommen wurde. Ich bin dann aber im Dezember 1961 doch an die Grenze gekommen. Natürlich hat mich der Gedanke belastet, eventuell auf Freunde oder Verwandte schießen zu müssen.
PW: Wie kam es zu Ihrem Entschluss, in den Westen zu fliehen?
R.T.: Weil ich den Schießbefehl verweigern wollte. Als ich das erste Mal an der Westberliner Grenze Kontrollstreife ging mit einem Hauptmann, begegneten wir einer Westberliner Grenzstreife 20 Meter entfernt. Die grüßten sehr freundlich mit "Guten Morgen". Mir war das Grüßen verboten, aber das "Guten Morgen" rutschte mir raus. Und daraufhin bekam der Hauptmann einen knallroten Kopf und sprach eine Dreiviertelstunde nicht mehr mit mir. Wir kamen zur Grenzkompanie und ich bekam einen strengen Verweis wegen Kontaktaufnahme mit der "faschistischen" Westberliner Seite.
In den folgenden Tagen kam es an der Grenze zum Schusswaffeneinsatz auf Flüchtlinge und viele wurden festgenommen. Ein 65-jähriger Mann wurde nach seiner Verhaftung von der Stasi so zusammengeschlagen, dass er einen doppelten Schädelbruch erlitt. Das hat mir zu denken gegeben.
PW: Wie verlief Ihre Flucht?
R.T.: In den nächsten Tagen bin ich in Berlin-Bernau in voller Uniform spazieren gegangen. Ein Paar sprach mich an, ob ich nicht wüsste, wo noch ein Loch in der Mauer ist. Ich bekam einen fürchterlichen Schreck und gab keinen Kommentar dazu. Normalerweise hätte ich diese Leute sofort verhaften müssen. Es hätten auch Stasi-Angehörige sein können, die mich testen wollten. Einige Tage später traf ich die beiden in der Straße meines Stadtteils Zepernick wieder. Ich sprach sie an und merkte, dass sie es ernst meinten. Daraufhin haben wir uns innerhalb kurzer Zeit mehrfach an den Grenzanlagen getroffen und die Flucht geplant. Im Dienst hatte ich mich während dieser Zeit als hundertprozentiger Genosse präsentiert, damit nichts auffällt. Für die Flucht hatte einer von uns einen Lkw besorgt. Damit wollten wir in der Nähe meiner Grenzkompanie gemeinsam die Grenze durchbrechen. Am 21. Februar 1962, dem Tag unserer Flucht, hatte ich nachmittags noch Dienst. Während der Waffenkontrolle im Waffenraum habe ich die Schlagbolzen aus den Maschinenpistolen gebaut und die Grenzposten dann mit diesen unschädlichen Waffen rausgeschickt.
PW: Und was geschah dann?
R.T.: Zehn Minuten vor 20 Uhr, unserem vereinbarten Fluchtzeitpunkt, kam ein Anruf von der Grenze. Ein Posten dort hatte bemerkt, dass seine Waffe defekt war. Mein Kompaniechef befahl mir, mit neuen Leuten von den Nachbarkompanien und schussbereiten Waffen die Grenze abzusichern. Da bin ich in die Kompanie zurück, habe meine Maschinenpistole geholt und bin zu meinen wartenden Fluchtkameraden gelaufen. Der Plan mit dem Lkw kam nun nicht mehr in Frage. Wir sind dann in Richtung der westlichen Exklave Steinstücken gelaufen. Steinstücken war ein Stück Westberlin auf DDR-Gebiet. Umringt mit Mauer und Stacheldraht. Die 180 Westberliner hier mussten jeden Tag 1,2 Kilometer durch die DDR nach Westberlin zur Arbeit laufen.
Während dieses Marsches hatten wir Angst, erschossen zu werden. Als wir uns der Grenze näherten, hielt uns die DDR-Grenzpolizei an. Die anderen Flüchtlinge brachten sich in Deckung und ich gab dem Posten die Parole "Gotha". Er antwortete mit der Gegenparole "Gorgi" und machte mir Meldung. Ich schickte ihn 300 Meter weiter. Nun konnten wir nach Steinstücken flüchten. Als wir mitten zwischen den Sperranlagen waren, wurde von beiden Seiten das Feuer eröffnet. Ich erwiderte das Feuer und schoss zwei Meter über die Köpfe der Grenzposten, die in Deckung gingen. Einer aus unserer Gruppe hat sich im Stacheldraht so schwer verletzt, dass er später in Westberlin in ein Krankenhaus kam. Im ersten Grenzhaus von Steinstücken haben wir die Bewohner gebeten, uns Schutz zu geben. Wir sind dann mit amerikanischen Hubschraubern ausgeflogen worden.
PW: Was hat Sie kurz nach Ihrer Ankunft in Westberlin dazu veranlasst, Fluchthelfer zu werden?
R.T.: Nach der Flucht war ich zwei Monate in Oberursel bei der amerikanischen Spionageabwehr. Danach kam ich in Westberlin zum Haus am Checkpoint Charlie und lernte Dr. Rainer Hildebrandt, den Direktor des späteren Mauermuseums, kennen. In Westberlin wurde mir die Situation erst einmal richtig klar. Die vielen getrennten Familien, die Schicksale, die damit zusammenhingen. Hildebrandt brachte mich mit mehreren Fluchthelfergruppen zusammen.
PW: Wie haben Sie den Menschen bei der Flucht geholfen?
R.T.: Wir haben die Flüchtlinge durch eine Fluchttunnelanlage, einen Meter breit und einen Meter hoch, geleitet. Unter der Erde musste man absolute Ruhe bewahren, sonst hätten die Grenzposten etwas gehört. Wir haben den Menschen dann mit gefälschten Pässen und umgebauten Autos die Flucht ermöglicht. Es war immer vom ersten bis zum letzten Moment an lebensgefährlich für alle Beteiligten. Entweder man wurde direkt erschossen oder festgenommen. Wenn die Flüchtlinge in Westberlin angelangt waren, haben wir uns immer sofort getrennt. Ich weiß daher nicht, was aus ihnen geworden ist.
PW: Sie waren bis 1966 Fluchthelfer. Danach waren Sie bei der AEG und bei Schering beschäftigt. Ein ganz normales Leben also?
R.T.: Während der Zeit als Fluchthelfer hat man drei Mal versucht, mich zu entführen. Daraufhin gab Generalmajor Kleinjung einen Mordbefehl für mich aus. Ich habe noch jahrzehntelang über Telefon Morddrohungen von Stasi-Mitarbeitern bekommen. Monatlich eine bis zwei. Die Anrufer sagten immer, dass ich mich zurückhalten solle mit meinen Kommentaren, sonst würde ein Unglück passieren. Erst 2004, als Generalmajor Kleinjung gestorben ist, hörten die Drohungen auf.
PW: Wie leben Sie heute?
R.T.: Ich lebe heute im Berliner Stadtteil Marienfelde. Es ist wieder normal geworden für mich, in Ostberlin einkaufen zu gehen, oder meine Verwandten in Leipzig zu besuchen. Neben meiner Tätigkeit im Mauermuseum schreibe ich gerade mit dem Journalisten Christoph Lemmer an meiner Biografie. Schon 1962 habe ich zusammen mit Rainer Hildebrandt ein Buch über meine Flucht herausgebracht mit dem Titel "Kontrollpunkt Kohlhasenbrück".
Beatrix von Kalben, Stand vom 28.09.2006







