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Interview: Prager Botschaft

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Interview: Als Flüchtling in der Prager Botschaft

Im Sommer und Herbst 1989 flüchteten Tausende DDR-Bürger in die Deutsche Botschaft in Prag. Am 30. September verkündete der damalige Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, auf dem Balkon der Botschaft, dass die Menschen ungehindert in die Bundesrepublik ausreisen dürften. Planet Wissen sprach mit Jörg Stümke, der Mitte August 1989 als 16-Jähriger mit seiner Familie aus dem brandenburgischen Rheinsberg in der Botschaft Zuflucht gesucht hatte.

Zu sehen ist eine vierköpfige Familie, die glücklich lachend aus einem Zugfenster schaut. (Rechte: Stümke)

Jörg Stümke (links) und Familie bei der Ausreise

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Planet Wissen (PW): Wie war die Situation, als Sie und Ihre Familie in der Prager Botschaft ankamen?

Jörg Stümke (J. S.): Zu der Zeit waren noch nicht sehr viele Menschen da. Wir waren die Flüchtlinge 141 bis 144, wenn ich mich recht erinnere. In der ersten Nacht schliefen wir auf Matratzen auf dem Boden, ab dem nächsten Tag gab es dreistöckige Bundeswehr-Betten. Meine Schwester und ich fanden das super, wir wollten sofort oben schlafen.

PW: Hatte Ihre Familie von Anfang an eine Flucht in die Botschaft geplant?

J. S.: Nein, wir wollten über die grüne Grenze von Ungarn nach Österreich fliehen. Aber für Ungarn brauchte man ein Visum, das hatten wir nicht. Also fuhren wir erst einmal nach Prag. In der Botschaft wollten wir eigentlich nur nach einem geeigneten Fluchtweg fragen. Aber die Botschaftsangehörigen meinten, wir würden es noch nicht einmal zurück zu unserem Auto schaffen, ohne auf dem Weg dorthin schon von der Staatssicherheit (Stasi) gefasst zu werden. Also blieben wir eben da. Wir hatten nichts dabei, nur die Kleidung, die wir anhatten, und ein paar wenige Wertgegenstände. Aber das ganze Gepäck haben wir zurückgelassen.

Auf einer Straße sitzen und stehen dicht gedrängt wartende Menschen. Im Hintergrund ist ein Tor zu sehen, das von mehreren Uniformierten bewacht wird. (Rechte: dpa)

Wartende DDR-Bürger vor der Botschaft

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PW: Wie hat sich die Lage im Lauf der Wochen entwickelt?

J. S.: Täglich kamen mehr Menschen. Anfangs konnten sie noch durch das Tor. Das wurde irgendwann abgesperrt, aber auf der Rückseite des Geländes kletterten die Leute über den Zaun. Sogar Menschen mit Kinderwagen kamen so herein. Wir bekamen Verpflegung von der Bundeswehr, aber auch Brot von tschechischen Bäckereien. Kleidung gab es vom Roten Kreuz. Es wurden Waschmaschinen und Wäschetrockner aufgestellt, die liefen Tag und Nacht. Wir hatten Glück, wir hatten ein Bett etwas weiter weg davon, aber es gab auch Leute, die dort in der Nähe schlafen mussten. Trotzdem, wirklich Not gelitten haben wir nicht. Es hat keiner gefroren, und etwas zu essen hatten auch alle. Für die Toilette oder zum Waschen musste man sich eben anstellen, aber das ging auch alles noch. Überhaupt haben der Botschafter und seine Frau sich unglaublich viel Mühe gegeben, das war wirklich toll. Die Frau des Botschafters hat zum Beispiel an die jüngeren Kinder Schokolade und Plüschtiere verteilt, und der Botschafter hat an einem Wochenende ein kleines Fest gegeben und eine tschechische Band eingeladen. Das war allerdings noch am Anfang, als es noch nicht so voll war.

Zu sehen ist der stark bevölkerte Hof der Prager Botschaft. Zwischen den Menschen sind mehrere Zelte aufgestellt. (Rechte: AKG)

Die Menschen wurden in Zelten versorgt

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PW: Und später?

J. S.: Als das Wetter schlechter wurde, wurde die Wiese um das Botschaftsgelände ganz schlammig. Man konnte nicht nach draußen, ohne einzusinken. Wir haben uns viel unterhalten, ein bisschen Karten gespielt oder gelesen und vor allem möglichst oft die Nachrichten im Radio gehört. Und auf die Essensausgabe hat man sich jeden Tag gefreut, weil sonst einfach nichts passierte. Ich kann mich noch gut an die Grießspeise "Florida" erinnern, die es mehrmals gab - die war richtig lecker. Mein Vater allerdings hatte schon zu tun. Er war Arzt und hat in einem Büro der Botschaft andere Flüchtlinge ärztlich versorgt. Einmal musste aber jemand unbedingt zum Zahnarzt, den gab es in der Botschaft nicht. Der Patient musste also das Botschaftsgelände verlassen. Da hat sich ein Diplomat mit Handschellen an den Mann gefesselt, damit er beim Zahnarzt nicht von der Stasi mitgenommen werden konnte.

PW: Gab es denn auch Stasi-Leute unter den Flüchtlingen in der Botschaft?

J. S.: Auf jeden Fall. Ich erinnere mich an zwei, die gaben vor, ein lang verheiratetes Ehepaar zu sein. Aber beim Frühstück fragte einer den anderen, ob er denn seinen Kaffee mit Milch oder mit Zucker trinken würde. Da war es schon offensichtlich, dass die nicht zusammengehörten. Es gab einen Waschraum, von dem aus ein Fenster zur Straße hinausging. Manche Leute haben sich dort immer zu bestimmten Uhrzeiten gewaschen. Da hat man schon vermutet, dass die von dort aus Nachrichten nach draußen weitergeben. Aber aus der DDR war ich es ja ohnehin gewohnt, meinen Mund zu halten. Nur zu den Botschaftsangehörigen konnte man offen sein.

Das Schwarzweiß-Foto zeigt eine Gruppe von Menschen, die über eine Mauer klettern. (Rechte: dpa)

Von Tag zu Tag kamen mehr Menschen

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PW: Wie sind die denn mit dem Verdacht umgegangen, dass auch Stasi-Mitarbeiter unter den Flüchtlingen seien?

J. S.: Die konnten da gar nichts machen. Der Botschafter war einfach gleichbleibend freundlich zu allen Menschen. Er hatte ja keine Möglichkeit, jemandem etwas Negatives nachzuweisen. Sicher waren auch Leute unter den Flüchtlingen, die in der DDR von der Polizei gesucht wurden, weil sie etwas ausgefressen hatten, und die nicht aus politischen Motiven da waren. Aber auch das konnte man bei niemandem mit Sicherheit sagen.

Auf der Straße vor dem Botschaftsgebäude stehen Menschen dicht an dicht gedrängt. (Rechte: dpa)

Auch Anfang Oktober kamen noch neue Flüchtlinge

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PW: Wann und wie haben Sie die Botschaft wieder verlassen?

J. S.: Bei der berühmten Balkon-Szene mit Herrn Genscher waren wir schon nicht mehr da. Schon gut zwei Wochen vorher, am 12. September, war der DDR-Anwalt Wolfgang Vogel in der Botschaft. Er durfte uns zwar keine direkte Zusage machen, dass wir alle ausreisen könnten, hat es indirekt aber doch für alle unmissverständlich versprochen. Allerdings mussten wir in der DDR erneut einen Ausreiseantrag stellen. Wir bekamen besondere Papiere, versehen mit bundesdeutschen und mit DDR-Stempeln, und die Adresse eines Rechtsanwaltes in Potsdam, der für uns den Ausreiseantrag gestellt hat. Der Antrag wurde dann auch prompt bewilligt. Etwa 300 Leute haben wie wir diese Chance genutzt. Nachdem wir weg waren, kamen aber noch Tausende weitere Flüchtlinge in der Botschaft an. Mit uns waren rund 500 dort, und da fand ich es schon ziemlich voll.

Christina Lüdeke, Stand vom 20.02.2009

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