Das Berliner Bundeskanzleramt
Bonner Understatement
Zufrieden war er nicht, der Kanzler. Missmutig soll er die Stirn gerunzelt und lediglich ein paar knappe Worte in Richtung seiner Begleiter gebellt haben, als er sein neues Domizil zum ersten Mal in Augenschein nahm. 1976 war das, der Kanzler war Helmut Schmidt und das Gebäude das neu errichtete Bonner Kanzleramt – ein nüchterner Zweckbau, dem Schmidt wenig später den Charme einer "rheinischen Sparkasse" attestieren sollte. Doch gerade damit passte das Bundeskanzleramt perfekt zur politischen Kultur der Bonner Republik: Bescheiden und zivil wollte man sich geben. Auf ein repräsentatives "Gesicht" der eigenen Politik, vergleichbar etwa mit dem Weißen Haus in Washington, verzichtete man damit allerdings ebenso. Mit dem Bundestagsbeschluss vom 20. Juni 1991, dem Regierungsumzug nach Berlin, sollte das nun anders werden.
Größenwahn oder großer Wurf?
Insbesondere der damalige Kanzler Helmut Kohl wünschte sich für das neue Bundeskanzleramt ein Gebäude, das es an Wirkung mit dem umgebauten Reichstag und dessen markanter Kuppel würde aufnehmen können. In einem Wettbewerb setzte sich der Entwurf von Axel Schultes und Charlotte Frank durch: ein 36 Meter hoher, 102 Meter breiter und – mit den dazugehörigen Kanzleramts-Mitarbeiterbüros – 341 Meter langer Bau aus weißem Sichtbeton, hellem Schönbrunner Sandstein, kristallgrün-metallicfarbenem Lack und großzügigen Fensterfronten. Soweit jedenfalls die baulichen Tatsachen.
Die Meinungen über den Entwurf gingen jedoch weit auseinander. Vielen war das Gebäude zu groß geraten, manche sprachen von "Arroganz der Macht" oder gar von einer faschistoiden "zweiten Reichskanzlei". Dem Bundesrechnungshof wiederum war es mit 465 Millionen Mark Baukosten deutlich zu teuer, und der sprichwörtliche Berliner Taxifahrer taufte das Amt, wohl wegen der kreisrunden Glasfront an der Nord- und Südfassade, spöttelnd "Kanzlerwaschmaschine". Selbst Kanzler Schröder meinte beim Einzug im Mai 2001: "Eine Nummer kleiner hätte es auch getan."
Kulissen demokratischer Macht
Eins steht jedenfalls fest: Das Berliner Bundeskanzleramt ist sehr genau auf seine öffentliche und mediale Wirkung hin entworfen – es ist nicht nur ein Zweck-, sondern eindeutig auch ein Kulissenbau für vielfältige Inszenierungen der Macht. Das beginnt beim Foyer, einem großzügigen Raum mit gewellter Decke und breiter Freitreppe, die der Kanzler, von seinen im siebten Stock gelegenen Arbeitsräumen kommend, kameratauglich hinabschreiten kann. Zwischen siebtem und achtem Stock erstreckt sich eine Treppenkonstruktion in der Form eines Amphitheaters, die so genannte Skylobby – ein Platz für zwanglosen Gedankenaustausch mit Künstlern, Medienvertretern und anderen geladenen Gästen. Das Kanzlerarbeitszimmer schließlich lässt sich mit seinem überwältigenden Panoramablick über Berlin als Heimstatt für politische Visionäre inszenieren und ist mit 142,5 Quadratmetern größer als so manches Einfamilienhaus. Alles in allem also keine Architektur, die sich bescheiden im Hintergrund hält.
Doch ist es einem öffentlichen Bau vorzuwerfen, öffentlichkeitswirksame Auftritte zu ermöglichen? Architekt Schultes jedenfalls bezeichnet die Kritik an seinem Entwurf als verlogen. Einem der wichtigsten Bauwerke eines demokratischen Gemeinwesens nicht auch einen Hauch Grandezza zuzugestehen, hieße die Demokratie selbst nicht ernstzunehmen, so Schultes in einem Interview: Gegen ein "politikfrustriertes Lebensgefühl" habe er anplanen und zu einem "republikeigenen Enthusiasmus" auffordern wollen.
Glashaus statt Trutzburg
Zudem: Monumental und einschüchternd sei das Kanzleramt keineswegs, meint Schultes, sondern transparent, luftig, zum Teil sogar verspielt. Eine Beschreibung, die sich durchaus mit der Wirklichkeit deckt – beispielsweise im vielfach fotografierten Ehrenhof, in dem der Kanzler Staatsbesucher empfängt: Dort lockern elegant geschwungene, an ihrem oberen Ende sogar mit Bäumen bepflanzte Stelen den Platz auf; das Händeschütteln mit den Großen dieser Welt erledigt der Kanzler unter einem futuristisch geformten Sonnensegel. Und durch die vielen verglasten Fronten und Wintergärten wirkt das Gebäude keineswegs monolithisch, sondern öffnet sich nach außen, zur Stadt und zum umgebenden Tiergarten hin – und lässt umgekehrt die Stadt hineinpulsieren in die innersten Flure der Politik. Zumindest soweit das möglich ist bei einem Bau, der nicht zuletzt auch hohen Sicherheitsstandards genüge tun muss.
Alle sind zufrieden – bis auf den Architekten
Doch im Kanzleramt ist auch Platz für die bisweilen unschöne Mechanik der Macht – das zeigen die von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmten Mittelgeschosse des Kanzlerkubus. Zwar gibt es in Berlin, anders als in Bonn, keinen atombombensicheren Kanzlerbunker mehr. Doch in Kanzleramtsetage vier findet sich ein abhörsicherer Raum für den Kanzler-Krisenstab und ein gut bewachtes Lage- und Technikzentrum. Die Bundespolizei residiert in einem angeschlossenen Bau auf der Nordseite – mehrere Beamte patrouillieren rund um die Uhr um das mit einem drei Meter hohen Zaun geschützte Areal. Für erfreulichere Bedürfnisse gibt es in Etage zwei und drei einen Weinkeller, die Kanzleramtsküche, die Asservatenkammer für Gastgeschenke – denn die sind nicht persönliches Kanzler-, sondern Bundeseigentum – und einen Blumenkühlraum. In den restlichen Etagen finden sich Säle für internationale Konferenzen und die wöchentliche Kabinettssitzung, und ganz oben im achten Stock, direkt über dem Kanzlerarbeitszimmer, hat man ein kleines Kanzlerapartment mit Bad, Küche und Schlafzimmer eingerichtet. Das allerdings muss der jeweilige Kanzler vom Bund mieten – falls er sich nicht eine andere Bleibe sucht.
In der Regierungspraxis jedenfalls scheint sich das Berliner Kanzleramt – Kritik hin oder her – bewährt zu haben; auch die anfängliche Skepsis des Erstnutzers Schröder war bei seinem Auszug 2005 verhaltener Begeisterung gewichen. Unzufrieden ist mittlerweile ein ganz anderer: Architekt Axel Schultes. In einem weiteren Wettbewerb um die Neugestaltung des Regierungsviertels, den ebenfalls er gewonnen hat, ist nämlich noch ein weiteres Gebäudeensemble geplant: ein so genanntes "Bürgerforum", direkt neben dem Kanzleramt gelegen, das Platz für Restaurants, Cafés und ein Museum bieten und damit mehr Besucher in das ausgestorbene Regierungsviertel locken soll. Doch der Baubeginn des "Bürgerforums" ist auf unbestimmte Zeit verschoben, der offizielle Grund: Geldmangel. Einstweilen hat man auf dem dafür vorgesehenen Platz Springbrunnen angelegt – für den nahegelegenen Bundestags-Kindergarten immerhin ein schöner Platz für Sommerausflüge.
Kerstin Hilt, Stand vom 01.06.2009










