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Entstehung der Grünen

Strickjacken und Turnschuhe, Transparente und Blumentöpfe, der Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag ist 1983 vor allem eins: turbulent. Helmut Kohl gibt den Neulingen der Bonner Politik keine zwei Jahre - ein Irrtum, wie sich zeigen wird. Denn als Joschka Fischer und Co. endlich am politischen Geschehen der Bundesrepublik teilnehmen können, hat die grüne "Anti-Parteien-Partei" historisch gesehen schon einen langen Weg zurückgelegt.

Ein Mann mit blauem Jeanshemd und runder Brille steht hinter einem Rednerpult, das mit vielen bunten Aufklebern dekoriert wurde. Der gelbe Aufkleber in der Mitte überragt alle anderen an Größe. Auf ihm steht: 'Atomkraft - nein danke'. (Rechte: dpa)

Vorstandssprecher Rainer Trampert

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Die Studentenbewegung

Die gesellschaftlichen Wurzeln der Grünen Partei reichen bis in die 60er Jahre zurück. Wohlstand und Wirtschaftswachstum bestimmen das politische Programm der Bundesrepublik, doch der Schock der jüngsten Kriegsvergangenheit sitzt noch tief. Als 1966 eine große Koalition aus CDU/CSU (Christlich Demokratische Union/Christlich-Soziale Union) und SPD (Sozialdemokratische Partei) gebildet wird, zweifelt vor allem die akademische Jugend an der Existenz einer wirklichen Demokratie. Aus diesem Zweifel heraus entwickelt sich die Außerparlamentarische Opposition (APO), die vor allem die als demokratiefeindlich wahrgenommenen Notstandsgesetze kritisiert.

Ungefähr 30 Frauen und Männer sitzen vor einem Betongebäude auf Stühlen im Kreis, einige stehen in der zweiten Reihe. Drei Tische stehen ungeordnet in der Mitte. Viele Männer haben lange Haare. (Rechte: dpa)

Fraktionssitzung der Grünen im Freien 1983

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Mit Hilfe der Gewerkschaften wollen die Studenten Deutschland verändern. Herbert Marcuses kapitalismuskritisches Werk "Der eindimensionale Mensch" und die Frankfurter Schule um die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dienen ihnen als ideologische Basis. Auch der Marxismus wird neu entdeckt. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) um Rudi Dutschke bildet den Kern der studentischen Bewegung. Immer wieder kommt es während Demonstrationen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Polizei.

Doch in der deutschen Bevölkerung erfahren die Proteste nur wenig Zustimmung. Als der Bundestag am 30. Mai 1968 die Notstandsgesetze endgültig verabschiedet, verliert die studentische Bewegung schnell an Boden. Das Ziel ihrer Bemühungen ist verfehlt. APO und SDS lösen sich auf.

Zwei Personen haben bei einer Demonstration Plakate auf dem Rücken, auf denen eine stilisierte Friedenstaube zu sehen ist. (Rechte: dpa)

Das Symbol der Friedensbewegung

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Neue soziale Bewegungen

Doch der Geist der Veränderung ist in Deutschland nicht verschwunden. Die Menschen fordern eine neue Politik, die sie im alten Parteiensystem immer weniger vertreten sehen. "Neue soziale Bewegungen" entwickeln sich, die sich hauptsächlich um die Themen Umwelt, Frieden und Frauenrechte drehen. Wie die Studentenbewegung verlassen auch sie die gewohnten Pfade politischer Einflussnahme, veranstalten Demonstrationen, Blockaden, Hausbesetzungen. Im Gegensatz zu den Studenten aber können sie einen weitaus größeren Teil der deutschen Bevölkerung mobilisieren.

Atomenergie und Kalter Krieg sind die Drohwörter in dieser Zeit, die vor allem der Umweltschutz- und Friedensbewegung Sympathisanten geradezu in die Arme treiben. Ein allgemeines Gefühl der Angst liegt in der Luft. An vielen Stellen entstehen Bürgerinitiativen gegen geplante Großprojekte wie Atomkraftwerke in Wyhl (1975), Brokdorf (1976) oder Grohnde (1977) sowie den schnellen Brüter in Kalkar (1977). Am Bohrloch des ebenfalls geplanten Endlagers in Gorleben rufen Demonstranten 1980 gar die "Republik freies Wendland" aus. Das Gelände wird anschließend von der Polizei geräumt.

Als der Bundestag 1979 dem NATO-Doppelbeschluss zustimmt, der vorsieht, atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II in der Bundesrepublik zu stationieren, wird aus der Friedens- eine Massenbewegung. Hunderttausende gehen in den folgenden drei Jahren auf die Straße, um gegen die neue atomare Bedrohung zu protestieren. Ohne Erfolg. 1983 beschließt der Bundestag die Raketenstationierung trotz aller Widerstände der Bevölkerung.

Erste Schritte

Es sind diese Erfahrungen des Scheiterns, die die Entwicklung der Grünen Partei maßgeblich mitbestimmen. Sie führen Ende der 70er Jahre zu einem Umdenken innerhalb der Bürgerinitiativen. Wenn es nicht gelingt, dem bestehenden System von außen beizukommen, so die Überlegung, muss es doch von innen möglich sein. Am 11. Mai 1977 wagt die Bürgerinitiative gegen das geplante Atomkraftwerk in Grohnde den entscheidenden ersten Schritt. Die erste "Umweltschutzpartei" wird in Niedersachsen gegründet. Der Stein ist ins Rollen gebracht.

Im benachbarten Hildesheim entsteht die "Grüne Liste Umweltschutz" (GLU). Sie schafft es binnen eines Monats in den dortigen Kreistag. Die beiden Gruppen schließen sich unter dem Namen "Grüne Liste Umweltschutz" (GLU) zum ersten Landesverband zusammen. Bei der niedersächsischen Landtagswahl im Juni 1978 erringt die GLU mit ihren umweltpolitischen Wahlkampfthemen bereits 3,7 Prozent der Stimmen. Auch wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde verfehlt, ist die Wahl ein Erfolg für die junge Öko-Partei. Ihr werden im Anschluss 715.000 D-Mark als Wahlkampfkosten erstattet.
Auch im Rest der Republik folgt man 1978 dem Beispiel der niedersächsischen Umweltbewegung. Je nach politischer Grundausrichtung organisieren sich die ehemaligen Umwelt- und Friedensaktivisten bundesweit in "grünen", "bunten" oder "alternativen" Listen und Vereinigungen. Sie alle verbindet das gemeinsame Ziel, ökologisches Bewusstsein in die Parlamente zu tragen.

Ein Wahlkampfplakat steht am Wegesrand. Darauf ist ein großer Wirsing zu sehen. Darüber steht in grüner Schrift: 'Das Gift in unserer Nahrung ist unsichtbar.' Darunter steht in gelber Schrift: 'Chemie gehört nicht auf den Speiseplan!' In einem grünen Kreis steht in weißer Schrift, die sich um eine Sonnenblume schlängelt: 'Alternative: Die Grünen'. (Rechte: dpa)

Wahlkampfplakat der Grünen 1983

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Umweg über das Europäische Parlament

Das einzige Problem: Fast jede der Gruppen ist für sich genommen zu klein, um sich reale Hoffnungen auf einen Wahlerfolg machen zu können. Der "Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz" schlägt deshalb die gemeinsame Teilnahme an den bevorstehenden Europawahlen vor. Der große Vorteil: Eine formelle Parteigründung, die zunächst eine Einigung der verschiedenen ideologischen Strömungen innerhalb der Öko-Bewegung nötig machen würde, ist hier überflüssig.

1979 wird die "Sonstige Politische Vereinigung (SPV)/Die Grünen" aus der Taufe gehoben. Als Spitzenkandidaten des eher bürgerlich-konservativ ausgerichteten Listenbündnisses gehen der ehemalige CDU-Mann Herbert Gruhl, Petra Kelly und der Künstler Joseph Beuys ins Rennen. Die Prominenz reicht nicht aus, um die SPV/Die Grünen über die Fünf-Prozent-Marke zu heben. Dafür aber klingeln mit 4,5 Millionen D-Mark Wahlkampfkostenerstattung die Kassen des Listenbündnisses. Ein gelungener Coup also, über den Jahre später eine Sachverständigenkommission schreiben wird: "Die Entstehungsgeschichte der Partei 'Die Grünen' stellt somit einen in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartigen Fall staatlich subventionierter Parteiengründung dar." Denn schon lange denkt die SPV/Die Grünen an die Bildung einer Bundespartei. Im Januar 1980 ist es schließlich so weit: Aus der SPV/Die Grünen entsteht in Karlsruhe die Bundespartei "Die Grünen".

Acht Menschen stehen verteilt zwischen den Sitzreihen des Bundestages, gerade ist die konstituierende Sitzung zu Ende gegangen. Petra Kelly trägt eine weiße Bluse und hält Blumen in die Höhe, ihr Freund Gert Bastian steht lächelnd dahinter. Im Hintergrund ist Joschka Fischer zu erkennen, im Vordergrund Jürgen W. Möllemann von der FDP, der sich mit Parteikollegen unterhält. (Rechte: dpa)

Die Grünen feiern 1983 den Einzug in den Bundestag

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Die letzte Etappe

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Die Themen der Friedens- und Umweltbewegung bestimmen weitgehend die öffentliche Diskussion und bringen damit auch die neue Partei ins Gespräch. In Baden-Württemberg sitzen bald darauf die ersten Vertreter der Grünen im Landtag, den Einzug in den Bundestag jedoch verpasst die junge Partei 1980 noch. Zu stark polarisierend wirkt damals der "Kampf der Köpfe" zwischen Helmut Schmidt (SPD) und dem bayerischen Kanzlerkandidaten Franz-Joseph Strauß (CSU) auf die Wählerschaft. Viele potenzielle Grünen-Wähler entscheiden sich bei der Wahl doch für die SPD, um einen Strauß-Sieg zu verhindern.

Doch bald darauf bietet sich den Grünen ganz unerwartet eine neue Chance. Die rot-gelbe Regierungskoalition ist nicht stabil und zerbricht schließlich. Ein anschließendes konstruktives Misstrauensvotum von FDP und CDU bringt den amtierenden Kanzler Helmut Schmidt zu Fall. Die Ära Helmut Kohl beginnt. Bei den vorgezogenen Neuwahlen am 6. März 1983 erreichen die Grünen 5,6 Prozent der Stimmen. Das Ziel ist erreicht. Mit den vier parteilichen Grundsätzen Gewaltfreiheit, Ökologie, soziale Gerechtigkeit und Basisdemokratie ziehen zum ersten Mal grüne Abgeordnete in den Deutschen Bundestag ein.

Rebecca Hofmann, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die 80er Jahre - Popper, Punker, Pershings, 11.07.2008

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