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Kommune 1

Die erste Kommune Deutschlands wurde 1967 in Berlin gegründet. Ein paar Studenten aus der Gruppe "Münchner Subversive Aktion" und dem Kern des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) überlegten sich eine ganz neue Form des Zusammenlebens. Weg von der spießigen Kleinfamilie und den hierarchischen Familienstrukturen. Hin zu einer neuen Form der Lebensgemeinschaft, in der alle gleichberechtigt sind. Frau, Mann und Kind. Der Vorläufer heutiger WGs (Wohngemeinschaften) entstand.

Schwarzweiß-Foto: Fritz Teufel, sein Mitkommunarde Wolfgang sowie die Kinder Grischa und Nasser Hemmer. (Rechte: dpa)

Fritz Teufel (rechts) in der "Kommune 1"

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Das Experiment

Bereits 1966 wurden die ersten Pläne zur Gründung einer Kommune geschmiedet. Dieter Kunzelmann von der "Subversiven Aktion" sowie die SDS-Mitglieder Rudi Dutschke und Bernd Rabehl beschlossen, eine neue Gesellschaftsform an sich selbst auszuprobieren und dem Spießerleben den Rücken zu kehren. In Arbeitskreisen wurden Thesen entwickelt. Es wurde überlegt, wie die Kommune funktionieren könnte und welche Ziele man damit verfolgen wollte. Eine der Thesen war, dass aus der Kleinfamilie der Faschismus entstünde. Mann und Frau würden in Abhängigkeit voneinander leben. Eine freie Entwicklung der Menschen wäre so nicht möglich. Um die "Zelle des Faschismus", wie sie die Familie nannten, zu zerschlagen, sahen sie nur die Kommune als ideale Möglichkeit der Lebensgemeinschaft.

Schwarzweiß-Foto: Junge Leute machen einen Sitzstreik und halten Plakate. (Rechte: dpa)

Die Kommunarden bei einem Sitzstreik

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Nach anfänglich großem Interesse sprangen doch viele wieder ab, als das Experiment starten sollte. Übrig blieben vier Frauen und vier Männer: Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Ulrich Enzensberger, Volker Gebbert, Dagrun Enzensberger, Tanquil Enzensberger, Dorothea Ridder und Dagmar Seehuber. Im Januar 1967 zogen sie in die Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson ein, der sich damals im Ausland aufhielt. Die Kommune 1 war geboren. Kunzelmann war für die Abschaffung aller Sicherheiten. Für ihn war ein Leben ohne Geld, ohne Besitz und ohne Privatsphäre wichtig. Ansonsten sollte aber jeder das tun und lassen können, was er wollte. Vorausgesetzt, alle konnten daran teilnehmen.

Schwarzweiß-Foto: Der Kommunarde Rainer Langhans wird nach seiner Festnahme von zwei Polizeibeamten abgeführt. (Rechte: dpa)

Rainer Langhans wird abgeführt

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Pudding und Flugblätter

Einige Monate nach ihrem Einzug in die Kommune begannen die Bewohner Aktionen zu planen. Die erste sollte das "Pudding-Attentat" auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey sein, der 1967 Berlin besuchte. Doch einen Tag vor der geplanten Tat wurden die acht Attentäter festgenommen. Obwohl die "Bomben" nur ein Gemisch aus Pudding, Joghurt und Mehl enthielten, wurden sie von der Springer-Presse als "Horror-Kommunarden" beschimpft.

Trotzdem hörten sie nicht auf, immer wieder mit Aktionen von sich reden zu machen. Gerne verteilten die Kommunarden Flugblätter mit provozierendem Inhalt, um Reaktionen bei der Bevölkerung hervorzurufen. Doch als sie auf einem Flugblatt indirekt zu Brandanschlägen auf Kaufhäuser aufriefen, war der Spaß vorbei. Der Sozialistische SDS schloss die Kommunarden aus, weil sie die Flugblätter im Namen des Studentenbundes verteilt hatten.

Mit der Zeit änderte sich in der Kommune 1 die Einstellung zum Geld. Interviews und Fotos ließen sich die Bewohner bezahlen. Mit ihren langen Haaren, den langen Ketten und Mänteln sahen sie ziemlich durchgestylt aus und von den marxistischen Ansätzen war nicht mehr viel zu sehen. Ihr Motto zu diesem Zeitpunkt: Hauptsache Spaß haben. Die Bewohner organisierten Happenings und hatten Groupies vor der Tür. Irgendwie waren sie ungewollt zu "Popstars" der Studentenbewegung geworden, die aber mit der Bewegung an sich nicht mehr viel zu tun hatten. Als dann noch 1968 das Fotomodell Uschi Obermaier Langhans' Freundin wurde und in die Kommune einzog, gab es noch mehr Presseberichte. "Das schönste Paar der APO", titelten die Zeitschriften.

Schwarzweiß-Porträtstudie der Kommunardin Uschi Obermaier. (Rechte: dpa)

Uschi Obermaier im März 1970

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Experiment gescheitert

Das Leben der Kommunarden schien sich nur noch um Uschi Obermaier und Rainer Langhans zu drehen. Sie benutzten gezielt die Presse, um über ihre Liebesbeziehung und ihre Sexualität zu reden. Das hatte es vorher noch nie gegeben. Mit ihren offenen Aussagen zur Sexualität brachen sie Tabus und ebneten den Weg für die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
In der Kommune gaben sich die Besucher mittlerweile die Klinke in die Hand. Auch Prominente wie Jimi Hendrix schauten vorbei und blieben ein paar Tage. Sex, Musik und Drogen standen in dieser Zeit auf der Tagesordnung. Gründungsmitglied Kunzelmann wurde heroinabhängig und musste die Kommune verlassen. Teufel war schon vorher wegen seiner unüberschaubaren Frauengeschichten vor die Tür gesetzt worden. Es blieben nicht mehr viele. Ende 1969 wurden die Kommunarden überfallen und die Räume verwüstet. Die Übriggebliebenen der ersten Deutschen WG verließen danach die Kommune und mit ihr wohl auch den Traum von einer neuen Gesellschaftsform.

Die Nachfolger

Nach dem Vorbild der Kommune 1 wurden Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre viele weitere Kommunen gebildet. Ziele ihrer Bewohner waren die Gleichberechtigung beider Geschlechter. Dies galt sowohl für das Sexualleben als auch für die Erziehung der Kinder, die berufliche Entwicklung und so weiter. Aus den Kommunen entstanden zu Beginn der 80er Jahre in der gesamten Bundesrepublik die Wohngemeinschaften, die sich bis heute durchgesetzt haben. Im 21. Jahrhundert gibt es sie von alternativ angehaucht bis hin zu Edel-WGs. Mit den Idealen der alten 68er-Generation haben viele nichts zu tun, sondern sie sind reine Zweckgemeinschaften.

Inés Carrasco, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die 68er - Die Revolution ist machbar, Herr Nachbar!, 01.09.2008

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