Kultur nach Auschwitz
"Die Mörder sind unter uns" - die 50er Jahre
In den 50er Jahren wollen die meisten Deutschen von ihrer jüngsten Geschichte nichts mehr wissen. Zwangsweise haben sie sich unter den Besatzungsmächten die grauenhaften Bilder von den befreiten Konzentrationslagern ansehen müssen. In den Kinos zeigten Wochenschauen die Leichenberge, die bei der Befreiung der Konzentrationslager entdeckt wurden. Mit dem Ende des Umerziehungsprogramms der Alliierten wollen sich die Deutschen wieder dem Alltag zuwenden. Nur wenige begreifen es als ihre Aufgabe, das Thema aufzuarbeiten. Einer von ihnen ist Wolfgang Staudte: Sein Film "Die Mörder sind unter uns" erzählt von einem Offizier, der in Polen unschuldige Geiseln erschießen ließ, um nun als "ehrenwerter" Fabrikant am Wiederaufbau Deutschlands beteiligt zu sein. Dass Staudte damit die Realität des deutschen Wiederaufbaus treffend beschreibt, wollen die meisten nicht wahrhaben.
Als 1956 der Dokumentarfilm "Nacht und Nebel" von Alain Resnais bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt werden soll, schreitet die Bundesregierung über die deutsche Botschaft in Paris ein. Sie bittet darum, den Film, der Archivmaterial aus den Lagern Majdanek und Auschwitz dokumentiert, nicht zu zeigen, um den Hass gegen die deutsche Bevölkerung nicht wieder zu beleben. Der Film läuft außerhalb des Festivals. Ein Jahr später ist er auch in der Bundesrepublik zu sehen. Die Übersetzung wird von der Bundesregierung finanziert. Übersetzer ist der früher selbst inhaftierte Jude Paul Celan, dessen Gedicht "Die Todesfuge" bis heute als die große Dichtung zum Holocaust gilt. 1956 ist auch das Jahr, als das Tagebuch der Anne Frank in deutschen Theatern aufgeführt wird. Es sind vor allem die jungen Leute, die sich von den persönlichen Aufzeichnungen des jungen Mädchens, das später in Bergen-Belsen umgekommen war, angesprochen fühlen und Mitleid verspüren.
Prozesse als Theaterstück - die 60er Jahre
Der Eichmann-Prozess von 1961 und der Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 schaffen eine neue Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Vor allem drei Theaterstücke, die auch im deutschen Fernsehen zu sehen sind, geben Anlass zu öffentlichen Diskussionen: 1963 ist die Uraufführung von Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter". Es thematisiert die Rolle der katholischen Kirche während der Nazizeit und wirft dem inzwischen verstorbenen Papst Pius XII. vor, zu den Morden wissentlich geschwiegen zu haben. 1964 läuft ein Fernsehspiel von Heinar Kipphardt: "Die Geschichte von Joel Brand" erzählt von einem Geschäft, das auch das Gericht in Jerusalem beschäftigt hatte. Die Nationalsozialisten boten der jüdischen Hilfsorganisation in Ungarn 1944 einen Tausch an: Das Leben von einer Million Juden gegen 10 000 Lastwagen.
1965 hat in Ost- und Westdeutschland gleichzeitig "Die Ermittlung" von Peter Weiss Premiere. Peter Weiss hat den Auschwitz-Prozess besucht und die Presseartikel ausführlich studiert. In seinem Stück sprechen die Schauspieler die Zeugenaussagen des Prozesses nach, und sie sprechen die Angeklagten nach, die behaupten, nichts gesehen, nichts gewusst zu haben, nicht dabei und nicht verantwortlich gewesen zu sein. Das Stück wird zum Politikum - vor allem deshalb, weil Peter Weiss sich als Sozialist begreift. Es ist die Zeit des Kalten Krieges in Deutschland, und jede Kritik an einem der deutschen Staaten wird als die Kritik des Feindes bewertet. Erst allmählich entwickelt sich eine Gegenbewegung: Die Generation der 68er fordert eine Neuorientierung der deutschen Politik und Ungehorsam gegen eine Gesellschaft, die in ihren Augen immer noch eine Nazigesellschaft ist.
Von "Holocaust" bis "Schindlers Liste" - von den 70er Jahren bis 2000
1970 ist ein neuer Bundeskanzler an der Macht. Willy Brandt besucht Warschau. Ungeachtet des Protokolls kniet er vor dem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus nieder und demonstriert damit etwas, das lange fehlte – Demut. Sein Nachfolger Helmut Schmidt ist der erste deutsche Bundeskanzler, der Auschwitz besucht. Für die große Menge der deutschen Bevölkerung wird Auschwitz erst 1979 zum Thema: Zur besten Sendezeit strahlt der WDR die Fernsehserie "Holocaust" aus. Die Geschichte der jüdischen Familie Weis wird zu einem Medienereignis. Die amerikanischen Filmstudios haben das Thema fernsehgerecht aufbereitet und zielen auf die Emotionen der Zuschauer. Der große Erfolg gibt ihnen Recht. Über die Identifizierung mit den einzelnen Schauspielern scheint es möglich zu sein, wieder über Auschwitz zu berichten. Das zeigen auch Filme der heutigen Zeit wie zum Beispiel "Schindlers Liste" von Steven Spielberg. Jetzt ist sogar eine Art Happy End möglich.
So positiv diese neue Form der Auseinandersetzung ist, so fehlt ihr doch etwas von dem, was sich vielleicht nicht darstellen und kaum beschreiben lässt: die Tatsache, dass den Menschen, die nach Auschwitz und in die anderen Konzentrationslager verschickt wurden, jegliche Menschlichkeit abgesprochen wurde. Das Unfassbare wird es auch in Zukunft unmöglich machen, sich mit den Opfern zu identifizieren. "Es gibt kein Ende der Geschichte – ein glückliches schon gar nicht," sagt der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann in einem Interview aus dem Jahr 2000. Sein neunstündiger Dokumentarfilm "Shoah" lässt Menschen zu Wort kommen, die den Holocaust miterlebt haben – als Täter, als Opfer oder als Mitwisser.
Sine Maier-Bode, Stand vom 01.06.2009








