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Das "Mädchenorchester"

Nur sehr wenige Menschen haben den Holocaust überlebt, darunter einige Musikerinnen des so genannten "Mädchenorchesters" von Auschwitz. Sie konnten überleben, weil sie etwas mehr zu essen bekamen, weil sie ihren Körper pflegen durften, und weil sie ihre Persönlichkeit behalten konnten. Als Musikerin war man in Auschwitz mehr als nur eine Nummer, man bekam eine Identität.

Schwarzweiß-Foto einer jungen Frau. Sie trägt ein langes Kleid, hält in der linken Hand eine Geige, in der rechten einen Geigenbogen und blickt lächelnd nach unten. (Rechte: Richard Newman: Alma Rosé, Bonn, Weidle-Verlag)

Alma Rosé war in Auschwitz Kapellmeisterin

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Musik in Konzentrationslagern

Während die "Schutzstaffel" (SS) den Massenmord an Millionen von Menschen organisierte, sorgte sie sich um das Wohl der eigenen Leute. Die Leitung eines Konzentrationslagers organisierte deshalb auch Konzerte und andere Kulturveranstaltungen, die vor allem das SS-Personal unterhalten sollten. Ein eigenes Orchester gehörte zum "guten Ton" eines Konzentrationslagers. Die Orchester hatten aber auch noch andere Aufgaben: Morgens und abends spielten sie am Tor Marschmusik, damit die Arbeiter und Arbeiterinnen in militärischer Ordnung schritten und die Bewacher sie gut abzählen konnten. Musik wurde ebenfalls eingesetzt, wenn Selektionen vorgenommen wurden. Kamen die Deportierten mit den Zügen an der Rampe im Lager an, wurde die Musik zur Ruhigstellung benutzt. Die Ankommenden sollten so lange im Glauben belassen werden, dass es im Lager "ja gar nicht so schlimm" sein kann, bis sie selektiert und in die Gaskammern geschickt worden waren.

Orchester gab es in fast allen Konzentrationslagern. Bereits im Januar 1941 hatte Auschwitz ein Männerorchester. Juden waren in dieser ersten Zeit im Orchester nicht zugelassen. Bald aber wollte jedes Lager sein eigenes Orchester haben. Auf dem Gelände gab es Orchester in den Lagern Birkenau, Monowitz, Golleschau und Blechhammer. Aus Mangel an Musikern durften nun auch vereinzelt Juden im Orchester spielen. Im Frauenlager in Auschwitz-Birkenau wurde eine Jüdin sogar als Kapellmeisterin eingesetzt, die Musikerin Alma Rosé.

Schwarzweiß-Foto einer Gruppe Männer, die vor einer Gebäudewand stehen. Einige spielen Blas-, andere Streichinstrumente, zwei Männer spielen Akkordeon. (Rechte: AKG)

Das KZ Janowska hatte ein Männerorchester

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"Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas"

Alma Rosé wurde 1906 als Tochter des angesehenen Musikers Arnold Rosé in Wien geboren, ihre Mutter war die Schwester von Gustav Mahler. Alma Rosé galt schon früh als hoch begabt, stand aber im Schatten der berühmten Männer in der Familie. 1932 gründete sie ihr eigenes Orchester, die "Wiener Walzermädeln", mit denen sie durch ganz Europa auf Tournee ging. Mit der Machtübernahme der Nazis änderte sich ihr ganzes Leben: Sie beschränkte ihre Tourneen auf immer weniger Länder und floh schließlich 1939 mit ihrem Vater nach England. Ein Engagement in Holland brachte sie zurück auf den Kontinent. Als die Deutschen auch Holland überfielen, musste sie wieder fliehen. Auf ihrem Weg in die Schweiz wurde sie verraten, verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Als Alma Rosé im Juli 1943 im Lager eintraf, kam sie in den Block, wo der berüchtigte Josef Mengele seine Experimente an Menschen machte. Da sie ihren bevorstehenden Tod wohl erahnte, bat sie darum, noch einmal auf der Geige spielen zu dürfen. Die Lagerleiterin Maria Mandel erkannte ihr Talent. Maria Mandel, die wegen ihrer besonderen Brutalität später zum Tode verurteilt wurde, hatte den Ehrgeiz, ein erfolgreiches eigenes Orchester im Frauenlager Birkenau aufzubauen. Dafür nahm sie sogar in Kauf, eine Jüdin als Leiterin des Orchesters einzusetzen. Alma Rosé war eine leidenschaftliche Künstlerin und eine strenge Lehrerin. "Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas", sagte sie und widmete all ihre Energie dem Zusammenstellen eines guten Orchesters, das bald schon über ein breites Repertoire auch anspruchsvoller Stücke verfügte. Ihr Ansehen, nicht nur bei den Orchestermitgliedern, war hoch. Immer wieder gelang es ihr deshalb, auch Jüdinnen in das Orchester aufzunehmen.
Alma Rosé leitete das Orchester bis zu ihrem Tode im April 1944. Wie sie gestorben ist, bleibt ungewiss – einige vermuteten, sie hätte sich vergiftet, andere, sie sei vergiftet worden. Tagelang vorher hatte sie allerdings über Kopfschmerzen geklagt, und heute scheint es so, dass sie an Gehirnhautentzündung gestorben ist. Über ihren Tod war offensichtlich sogar die SS bestürzt. Mitten im Vernichtungslager, wo die SS täglich Menschen ermordete, wurde sie von eben dieser SS auf ein weißes Tuch gebettet und die Musikerinnen durften an ihrem aufgebahrten Leichnam vorbeigehen, um sich zu verabschieden.

Porträtfoto der grauhaarigen Anita Lasker-Wallfisch (Rechte: AKG)

Mitglied des Orchesters: Anita Lasker-Wallfisch

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"Eine zuverlässige Gemeinschaft"

Die Musikerinnen waren ein wild zusammengesetzter Haufen, von denen nur die wenigsten über eine qualitativ hochwertige Musikausbildung verfügten. Dennoch gelang es Alma Rosé, aus ihnen ein richtiges Orchester zu machen. Für alle bedeutete es ein ungeheures Glück, im Orchester aufgenommen zu werden, ein Glück, das häufig einem Zufall zu verdanken war. So erzählt die Sängerin Eva Steiner, wie sie im Lager vor lauter Hunger die Blockwärtin gefragt hatte, ob sie vielleicht ein Stück Brot bekäme, wenn sie singen würde. Eine SS-Frau, die ihren Gesang hörte, wollte sie sofort mitnehmen. Eva Steiner hatte den Mut zu sagen, dass sie nur mit ihrer Mutter gehen würde. Das Unvorstellbare passierte: Am nächsten Tag kam auch ihre Mutter zu dem Orchester, als eine der Notenschreiberinnen.

Die Gruppe bestand zusammen mit den Notenschreiberinnen aus etwa 40 Mitgliedern, die sich die Hälfte einer Baracke teilten. Unter ihnen waren Jüdinnen und Nicht-Juden aus allen möglichen Ländern Europas. Dennoch hielt die Gruppe zusammen. Anita Lasker-Wallfisch spielte Cello im "Mädchenorchester". Sie schreibt in ihren Erinnerungen: "Trotz aller Unterschiede ... bildeten wir eine zuverlässige Gemeinschaft, die ihr elendes Dasein und die Aussicht auf ein ebenso elendes Ende miteinander teilte, voller Besorgnis um einander, voller Wärme und Freundschaft." Trotz einiger Privilegien waren die Musikerinnen Häftlinge, die jederzeit damit rechnen mussten, vergast zu werden. Die meisten der jüdischen Mitglieder hatten ihre Verwandten schon verloren. Jetzt mussten sie fröhliche Musik spielen, während die Selektionen vorgenommen wurden und ohnmächtig mit ansehen, wie um sie herum Menschen starben und getötet wurden. Sie mussten spielen, wenn SS-Leute an ihrer Baracke vorbeikamen, um sich nach getaner Arbeit etwas vorspielen zu lassen. Und an Sonntagen gaben sie Konzerte. Diese fanden manchmal draußen zwischen den Lagern statt, so dass die Frauen aus beiden Lagern ihnen zuhören konnten.

Im Oktober 1944 – sowjetische Truppen hatten schon das Lager Majdanek befreit – wurden fast alle Orchestermitglieder im Viehwaggon nach Bergen-Belsen transportiert. Das Lager Bergen-Belsen war schon bald überfüllt von Menschen, die aus anderen Konzentrationslagern dorthin getrieben worden waren. Krankheiten und Seuchen brachen aus, die Menschen starben reihenweise und überall lagen Leichen. Die Gruppe hielt weiterhin zusammen. "Das ergab sich ganz natürlich," schreibt Anita Lasker-Wallfisch, "unsere Gemeinschaft war zweifellos das wichtigste Element in unserem Kampf ums Überleben." Im April 1945 wurde Bergen-Belsen von den Engländern befreit.

Sine Maier-Bode, Stand vom 01.06.2009

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