Historikerin Prof. Margarete Dörr
Der Kampf ums Überleben war Alltag
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Margarete Dörr elf Jahre alt. Im Rahmen der NS-Aktion "Heim ins Reich" siedelten sie und ihre Eltern und Geschwister 1940 als Baltendeutsche von Lettland nach Ludwigsburg um. Mit den einsetzenden Luftangriffen begann für sie eine Art Doppelleben: "Wir waren und blieben ja Kinder", erzählt sie heute. "Nachts saßen wir zitternd im Keller, tagsüber spielten wir mit Bombensplittern." Das schwäbische Ludwigsburg kam mit einer relativ mäßigen Zerstörung davon. Margarete Dörrs Zuhause wurde nicht getroffen, wohl aber das übernächste Haus. Auf ihrem Schulweg lief sie an Bombentrichtern vorbei, sah Menschen, die unter den Trümmern begraben lagen. Der Kampf ums Überleben wurde zum schrecklichen Alltag.
"Frau des Jahres" 2000
Zwei Jahre nach dem Krieg machte Margarete Dörr ihr Abitur. Wie in allen Bereichen herrschten auch in der Schule chaotische Zustände: Es mangelte an Lehrern, die alten Schulbücher aus NS-Zeiten waren vernichtet, Lehrmittel knapp oder überhaupt nicht vorhanden. Umso größer waren der Wissensdurst und die Frage, was sich in der jüngsten deutschen Vergangenheit wirklich abgespielt hatte. Margarete Dörr studierte Geschichte, lehrte an Gymnasien und erhielt 1973 einen Lehrauftrag für Fachdidaktik Geschichte an der Universität Stuttgart.
Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie als freie Historikerin. Schon während des Studiums war ihr aufgefallen: "Frauen und Kinder kommen in der männlich dominierten Geschichtsschreibung zu kurz!" Mit einem eigenen Forschungsprojekt wirkte sie dem entgegen. Für die drei Bände "Wer die Zeit nicht miterlebt hat - Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach" führte sie mehr als 500 Interviews mit Zeitzeuginnen. Das Engagement für die Belange der Frauen brachte ihr im Jahr 2000 den Titel "Frau des Jahres" ein, der jedes Jahr vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband verliehen wird.
Die meisten der Frauen, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatten, leben heute nicht mehr. Margarete Dörr betrachtete es daher als logische Konsequenz, auch deren Nachkommen zu befragen: "Ich dachte, man müsste auch wissen, wie die Kinder mit diesem Schicksal umgegangen sind." Erneut gewann sie über 500 Zeitzeugen, diesmal hauptsächlich aus den Jahrgängen 1930 bis 1940. Die Erzählungen der Kriegskinder, die Auszüge aus ihren Tagebüchern und Briefen, Bilder und persönliche Fotos ergaben zusammen mit Dörrs historischer Einordnung ein fundiertes Zeitdokument: "Der Krieg hat uns geprägt - Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten" - diese beiden Bände erschienen im Jahr 2007. Besonders eindrucksvoll ist, dass die Kriegskinder darin selbst zu Wort kommen - das Porträt einer ganzen Generation.
Mit ihrer Arbeit will Margarete Dörr das oft jahrzehntelange Schweigen brechen, will das Schicksal der Kriegskinder endlich zum Thema machen. Denn nur wer die Schrecken des Krieges kennt, wird versuchen ihn zu vermeiden - davon ist Margarete Dörr überzeugt. Ihr größtes Anliegen lautet: "Nie wieder Krieg!" Durch ihre Werke hofft sie, diesem Ziel ein bisschen näher zu rücken.
Claudia Heidenfelder, Stand vom 03.08.2011
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