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Cap Anamur - Interview mit Bernd Göken

Wo Flüchtlinge in Not sind und Menschen von Katastrophen heimgesucht werden, ist "Cap Anamur" nicht weit. Die Hilfsorganisation hat ihre Wurzeln im Jahr 1979, als der Journalist Rupert Neudeck, seine Frau Christel sowie der Schriftsteller Heinrich Böll das Hilfskomitee "Ein Schiff für Vietnam" ins Leben riefen. Anlass waren Berichte über vietnamesische Flüchtlinge, sogenannte "Boatpeople", die auf meist unzureichenden Booten versuchten, das Land zu verlassen, dabei aber oft ertranken oder von Piraten überfallen wurden.

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Die Neudecks und Böll charterten ein Schiff, die Cap Anamur, fischten die "Boatpeople" aus dem südchinesischen Meer und brachten sie nach Deutschland, wo ihnen Asyl gewährt wurde. Insgesamt wurden über 10.000 Vietnamesen gerettet. 1982 ging aus dem Hilfskomitee der Verein "Cap Anamur/Deutsche Notärzte" hervor, der seine Hilfseinsätze auf andere Krisenregionen ausweitete. Bernd Göken arbeitet seit 1995 für "Cap Anamur" und war insgesamt vier Jahre lang in verschiedenen Ländern Afrikas als Krankenpfleger tätig. Seit 2004 ist er Geschäftsführer von "Cap Anamur".

Planet Wissen (PW): Was ist der größte Unterschied zwischen staatlicher und privat organisierter Flüchtlingshilfe, wie Sie sie leisten?

Bernd Göken (B.G.): Wenn ein Staat Hilfe leistet, gibt er auch immer eine gewisse Politik für ein bestimmtes Land vor. Und als staatliche oder halbstaatliche Organisation muss man sich dann auch innerhalb dieses Politikrahmens bewegen. Davon weichen wir teilweise ab.

Afrikanische Flüchtlinge lehnen an der Reling der Cap Anamur. (Rechte: dpa)

Cap Anamur: Mit einem Schiff fing alles an

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PW: Inwiefern?

B.G.: Zum Beispiel dass wir nicht glauben, dass das Militär die geeignete Institution ist, um Hilfe und Wiederaufbau zu leisten. Krankenhäuser oder Bildungseinrichtungen sollten von Hilfsorganisationen aufgebaut und unterstützt werden, aber nicht von der Bundeswehr. Aber es gibt noch weitere Unterschiede: So finanziert sich "Cap Anamur" zu hundert Prozent aus Spenden. Dadurch haben wir eine größere Unabhängigkeit und können schneller und flexibler auf die Gegebenheiten in den Ländern reagieren. Wir können unsere Projekte immer wieder verändern, wenn wir merken, dass Überlegungen, die wir vorher hatten, nicht passen und nicht wichtig für das Land sind. Wenn Staaten oder Staatengemeinschaften Hilfe leisten, ist das nicht so einfach möglich. Dort gibt es oft genaue Richtlinien. Wenn ein Hilfsprojekt beantragt wird, muss das auch genau so umgesetzt werden. Eine Abweichung vom Antrag ist kaum möglich.

Afghanische Frauen und Kinder knien um einen Brunnen. (Rechte: Cap Anamur)

Von Cap Anamur gebauter Brunnen in Afghanistan

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PW: Können Sie ein Beispiel nennen?

B.G.: Wir haben in Afghanistan einen Ort mit Wasser versorgt. Dafür wurden ein Tiefbrunnen gebohrt und zwei Abnahmestellen gebaut, die im Wechsel vollgepumpt wurden. Die Menschen kamen zu den Stellen und haben sich das Wasser abgeholt, das hat gut funktioniert. Es gab dort auch ein ausgeschriebenes Projekt der EU, das vorsah, das Wasser zu den Haushalten und Moscheen zu bringen. Wir boten der ausführenden Organisation an, unseren Brunnen mitzubenutzen, aber das ging nicht. Denn in der Ausschreibung stand, dass ein Brunnen gebohrt werden musste. Also bohrten sie ein paar Löcher, fanden aber kein Wasser. Letztendlich haben sie dann dasselbe Wasservorkommen wie wir benutzt und 80 Meter neben unserem Brunnen einen eigenen gebaut.

PW: Die Unterschiede haben Sie genannt - wo sind die Gemeinsamkeiten?

B.G.: Die Ziele sind bei allen Hilfsangeboten, ob staatlich, halbstaatlich oder privat, dieselben: Alle arbeiten daran, dass es den Menschen in den betroffenen Gebieten besser geht. Und auch in den Ansätzen nähern wir uns an. Viele Hilfsorganisationen, darunter auch "Cap Anamur", haben sich zur Anfangszeit eher der Nothilfe verschrieben. Inzwischen wird auch in diesem Bereich viel mehr Wert darauf gelegt, Nachhaltigkeit zu schaffen. Man macht sich viel mehr Gedanken darüber, wie die Projekte weiterlaufen, nachdem sie übergeben wurden, wie die begonnene Arbeit weiter fortgesetzt werden kann, wenn die Hilfsorganisationen das Land verlassen.

Einweihung eines Hospitals in Afghanistan, ein Mann durchtrennt ein Band. (Rechte: Cap Anamur)

Bernd Göken (2.v.l.) bei der Einweihung eines Hospitals

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PW: Wie entscheiden Sie, wo Cap Anamur tätig wird? Und wie lange dauert es, bis Sie Ihre Arbeit beginnen können?

B.G.: Angenommen, es passiert eine Katastrophe. Dann beraten sich die drei Vorstandsmitglieder und ich als Geschäftsführer, ob wir etwas tun können und wie diese Hilfe aussehen könnte. Wenn wir uns entschieden haben, etwas zu unternehmen, fliegen wir sofort los und sehen uns die Situation vor Ort an. Dann stimmen wir uns mit unseren Mitarbeitern in Deutschland ab, was für Material wir dort brauchen. Das wird dann eingeflogen. Vom Ausbruch einer Katastrophe bis zum Zeitpunkt, zu dem das erste Team mit Material vor Ort ist, dauert es etwa eine Woche.

PW: Was kennzeichnet Ihre Arbeit vor Ort?

B.G.: Unsere Teams sind immer direkt bei den Menschen, denen wir helfen. Wir leben gemeinsam mit den Flüchtlingen in den Lagern, unter denselben Bedingungen. Wir sind keine Organisation, die eine Ladung Hilfsgüter abgibt und dann wieder verschwindet. Unsere Helfer buddeln Latrinen, unsere Ärzte untersuchen Patienten und kümmern sich nicht nur um Statistiken und Meetings.

Flüchtlinge aus Myanmar suchen unter Planen Schutz vor Regen. (Rechte: dpa)

In Myanmar sind Flüchtlinge oft auf sich alleine gestellt

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PW: In Ihrem Selbstbild bezeichnen Sie sich als "unbürokratische Feuerwehr im humanitären Dienst". Ist Bürokratie das größte Problem, auf das Sie treffen?

B.G.: Zumindest gibt es viele Länder, in denen Bürokratie ein ganz großes Hindernis ist. In Myanmar wurden wir nach dem Wirbelsturm Nargis an unserer Arbeit gehindert, wir wurden gar nicht in die Nähe der betroffenen Menschen gelassen. Auch in Sierra Leone, wo wir ein Kinderkrankenhaus betreuen, gibt es Probleme. Unsere Mitarbeiter stehen bereit, es könnte sofort losgehen, doch durch die Bürokratie wird das Ganze seit Monaten verzögert. Dieses Problem ist immer größer geworden in den letzten Jahren. Manchmal glaube ich, in diesen Verwaltungen sitzen Menschen, die sich den ganzen Tag überlegen, wie sie es Menschen, die helfen wollen, noch schwieriger machen können.

PW: Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen Hilfsorganisationen? Sieht man sich als Konkurrenz?

B.G.: Hier in Deutschland sind natürlich alle darum bemüht, Spender für sich zu gewinnen. Aber als Konkurrenten würde ich uns nicht sehen. Im Gegenteil: Bei der Arbeit in den Ländern gibt es eine sehr enge Zusammenarbeit. Oft ist man aufeinander angewiesen, man ergänzt sich und tauscht sich aus. Mir sind keine Probleme bekannt. Das wäre auch seltsam, schließlich hat man ein gemeinsames Ziel.

PW: Um Spenden zu bekommen, müssen die Menschen erfahren, dass es Sie gibt und was Sie machen. Lautet Ihr Motto also: Tue Gutes und rede darüber?

B.G.: Ja, das gilt auch für uns. Wir müssen jemanden finden, der das, was wir machen, weiterträgt. Das können Medien sein, oder Menschen, die für uns in den Ländern gearbeitet haben. Wir wollen nicht viel Geld für Werbung ausgeben und sind entsprechend auf diese Multiplikatoren angewiesen. Wir wollen, dass der Großteil des Geldes, das wir bekommen, direkt in die Projekte fließt. Deshalb schalten wir keine Werbespots und hängen keine Plakate auf. Wir sind zum Glück in der Lage, dass wir einen festen Spenderstamm haben und mit einer gewissen Summe kalkulieren können. Bis jetzt ist es noch nie vorgekommen, dass wir ein Projekt aus Geldmangel nicht umsetzen konnten.

Überfülltes Wartezimmer in einer Gesundheitsstation in Uganda. (Rechte: Cap Anamur)

Von den Medien ignoriert: Flüchtlinge in Uganda

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PW: Was muss passieren, damit eine Krise der Weltöffentlichkeit so sehr ins Bewusstsein rückt, dass sie etwas dagegen unternimmt?

B.G.: Das Wichtigste ist, dass die Medien über einen Konflikt oder eine Krise berichten. Für Krisen, die vergessen sind, spendet keiner. Oder zumindest fast keiner. Allerdings ist die Auswahl und Art der Berichterstattung oft schwer nachzuvollziehen. Ein Beispiel: 2003 gab es eine sehr große Anzahl von Binnenflüchtlingen in Uganda. Etwa eineinhalb Millionen Menschen waren unterwegs, denen es sehr schlecht ging. Wir und drei andere Organisationen haben uns dort die Beine ausgerissen, um einen Bruchteil dieser Flüchtlinge zu versorgen, aber die Medien hat das kaum interessiert. 2007 gab es dann Überschwemmungen in der Region, und Uganda stand plötzlich absolut im Fokus der Öffentlichkeit. Sehr viele Medien haben berichtet, Spendenaufrufe wurden gestartet, Hilfe von vielen Seiten angeboten. Dabei waren die Anzahl der Betroffenen und das Ausmaß der Katastrophe viel geringer als vier Jahre zuvor. Ich bat unsere Mitarbeiter vor Ort, mir Fotos der Überschwemmungen zu schicken. "Warum? Hier ist es nicht schlimm", war die Antwort.

Zelte in einem Flüchtlingslager in Darfur/Sudan. (Rechte: WDR)

Selbst viele Helfer sehen Afrika als "verlorenen Kontinent"

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PW: Sie sind seit 13 Jahren für Cap Anamur tätig. Sind Sie immer noch Optimist?

B.G.: Ich brauche meinen Optimismus, sonst würde ich meine Motivation verlieren. Ich kenne allerdings viele, die sehr pessimistisch sind, gerade, wenn es um Afrika geht. "Das ist ein verlorener Kontinent, alles, was wir dort machen, ist sinnlos" - solche Aussagen höre ich immer wieder, auch von Menschen, die vor Ort helfen. Ich kann das nicht so sehen.

PW: Was ist Ihr größter Traum? Sich selbst überflüssig zu machen?

B.G.: Ja, das wäre das Ideal. Wenn es "Cap Anamur" nicht mehr geben müsste, wäre die Welt in Ordnung. Damit hätten wir unsere Mission vollkommen erfüllt. Aber dass ich das noch erlebe, glaube ich nicht. Denn die Krisen werden nicht weniger.

Interview: Ingo Neumayer, Stand vom 30.07.2009

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