Binnenflüchtlinge: Vertriebene im eigenen Land
Zahl der Binnenflüchtlinge steigt
Die offizielle Definition eines Flüchtlings besagt, dass sich die betreffende Person außerhalb des Staates aufhält, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt. Allerdings lässt sich in den letzten Jahren immer häufiger das Problem der Binnenflucht beobachten: Menschen sind gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen, und flüchten in eine andere Gegend ihres Heimatlandes, von der sie sich vorerst Sicherheit versprechen und wo sie bis zur erhofften Rückkehr ausharren können.
Binnenflüchtlinge gibt es vor allem in Ländern mit internen Konflikten wie Bürgerkriegen, verfeindeten Volksstämmen, Guerilla-Bewegungen oder kriminellen Organisationen. Aber auch durch Bauprojekte wie Staudämme oder Kraftwerke verlieren Menschen ihr Land und werden zur Flucht gezwungen. Laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks hat sich die Anzahl der Binnenflüchtlinge, die bei Hilfseinrichtungen Schutz und Unterstützung suchen, zwischen 1999 und 2008 fast vervierfacht. Insgesamt waren von den 42 Millionen Menschen, die sich Ende 2008 auf der Flucht befanden, 26 Millionen Binnenflüchtlinge.
Binnenflüchtlinge sind rechtlich schlechter gestellt
Da Binnenflüchtlinge nicht unter die gängige Flüchtlingsdefinition fallen, stehen ihnen auch nicht dieselben Rechte zu. Es gibt keine internationale Konvention, die die Betroffenen schützt, selbst eine allgemeingültige Definition ist bislang nicht erfolgt. Für Binnenflüchtlinge sahen sich internationale Hilfsorganisationen oft nicht zuständig, zudem wurde ihnen von den betreffenden Staaten oft der Zugang zu den Betroffenen erschwert. Die Staatengemeinschaft tat sich schwer damit, sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen. Zumal es oft (wie zum Beispiel im Sudan oder in Simbabwe) die Regierung selbst ist, die die Vertreibungen veranlasst. Auch die Hilfe und Unterstützung in Form von Vor-Ort-Maßnahmen wurde lange Zeit vernachlässigt.
Im neuen Jahrtausend hat jedoch ein Umdenken im Umgang mit Binnenflüchtlingen stattgefunden. So haben sich das UN-Flüchtlingshilfswerk sowie diverse große Hilfsorganisationen 2005 auf eine bessere Koordination und umfassenderen Schutz für Binnenflüchtlinge geeinigt. Vor allem nach dem Ende eines Konfliktes, wenn Flüchtlinge und Binnenvertriebe in ihre Heimatregionen zurückkehren und dort ähnliche Probleme erfahren, sollen die Hilfsmaßnahmen für die beiden Flüchtlingsgruppen besser koordiniert werden. Allerdings kommt es vor, dass die Vor-Ort-Hilfe die Lage noch weiter verkompliziert. Denn je wirksamer die Hilfsmaßnahmen für Binnenvertriebene sind, desto schwerer haben es Flüchtlinge aus diesem Land, in Drittstaaten Asyl zu beantragen.
70 Prozent der Binnenflüchtlinge sind Frauen und Kinder
Binnenvertriebene sind meist die ärmsten und schwächsten Beteiligten an einem Konflikt. Die Hilfsorganisation Terre des Hommes schätzt, dass 70 Prozent der Binnenflüchtlinge Frauen und Kinder sind. Auf ihren langen und beschwerlichen Wegen in Gebiete, von denen sie sich mehr Sicherheit versprechen, sind sie weiteren Gefahren ausgesetzt. Flüchtlingstreks werden oft von bewaffneten Gruppen verfolgt und ausgeplündert, Frauen und Mädchen müssen Vergewaltigungen fürchten, Kinder und Jugendliche werden verschleppt und als Kindersoldaten zwangsrekrutiert, oft fehlt es an medizinischer Versorgung und genug zu essen und zu trinken.
Und auch wenn das Ziel erreicht ist, bleibt die Lage oft dramatisch. Die meisten Vertriebenen hoffen, möglichst schnell wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können und leben in Provisorien. Viele lassen sich in überlaufenen Notunterkünften und Slums nieder, wo sich Krankheiten schnell ausbreiten und es eine schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung gibt. Zudem fehlen meist die beruflichen Perspektiven; da es kaum Arbeit gibt, sehen viele Kriminalität und Prostitution als einzigen Ausweg.
Vielfältige Ursachen: Bürgerkriege, Landraub, Bauprojekte
Binnenflüchtlinge gab es laut den Vereinten Nationen Ende 2008 in mehr als 40 Ländern. Oft sind es Bürgerkriege zwischen verfeindeten Volksstämmen oder politischen Gegnern, die die Vertreibungen auslösen. Das ist vor allem in Zentral- und Ostafrika der Fall. So ist der Sudan das Land mit der höchsten Anzahl an Binnenflüchtlingen weltweit (sechs Millionen). Besonders die Krisenregion Darfur, in der sich Regierungstruppen und Rebellen bekämpfen, erlangte ab 2003 traurige Berühmtheit. Allein dort haben 2,5 Millionen Menschen ihre Heimat verloren, der Konflikt strahlt auch auf die Nachbarländer Tschad und die Zentralafrikanische Republik aus. Ende 2007 entsendete der UN-Sicherheitsrat eine Friedenstruppe in die Region, um die Lage für die Zivilbevölkerung zu verbessern.
Ein weiterer Krisenherd hat sich Ende April 2009 im Rahmen des "Kriegs gegen den Terror" im Nordwesten Pakistans gebildet. Seit die pakistanische Regierung dort militärisch gegen die radikalislamische Taliban vorgeht, sind 2,5 Millionen Menschen aus der Gegend geflüchtet.
In Kolumbien sind es paramilitärische Verbände und kriminelle Banden, die die Bewohner von ihrem Land vertreiben, um dort Palmen, Holz, Bananen oder Drogen anzubauen. Die betroffenen Regionen sind meist schwer zugänglich, die Vertriebenen, deren Anzahl auf knapp vier Millionen geschätzt wird, können nicht mit staatlicher Hilfe rechnen.
Ingo Neumayer, Stand vom 30.09.2009









