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Interview: Pulverfass Balkan

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Pulverfass Balkan - wie stabil ist der Frieden?

Gekämpft wird zwar seit Jahren nicht mehr, aber von normalen nachbarschaftlichen Verhältnissen sind die Länder des ehemaligen Jugoslawien immer noch weit entfernt. Kann sich das ändern? Wie sieht das Leben auf dem Balkan nach dem Krieg aus? Fragen an Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin, der sich besonders mit Nationalismus, sozialem Wandel und Erinnerungskulturen beschäftigt. Die Euphorie der Unabhängigkeitsbewegungen hat er genauso wenig geteilt wie die Schwarzmalerei, mit der heute viele die Lage beurteilen. Sein Urteil: "Das braucht viel Zeit, aber es kann funktionieren."

Porträt des Balkanexperten Holm Sundhaussen. (Rechte: Privat)

Balkanexperte Holm Sundhaussen

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Planet Wissen (PW): Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zeigt, dass aus ehemaligen Erzfeinden Freunde werden können. Ist so etwas auch auf dem Balkan möglich?

Holm Sundhaussen (H.S.): Zumindest hat sich einiges getan in punkto Annäherung und Kooperation innerhalb der Region. 2008 wurde ein regionaler Kooperationsrat mit Sitz in Sarajewo gegründet. Dieser Rat vermittelt zwischen der Europäischen Union (EU) auf der einen Seite und den Balkanstaaten Kroatien, Serbien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Albanien auf der anderen. Für die EU ist die regionale Zusammenarbeit der Staaten untereinander eine der entscheidenden Voraussetzungen für einen möglichen EU-Beitritt. Und in die Union wollen schließlich alle Länder dort. Diesem Ziel sind sie bereit, vieles unterzuordnen.

PW: Es herrscht also ein pragmatisches Miteinander?

H.S.: Genau. Ende der 1990er Jahre hatte etwa Kroatien kein Interesse an seinen Nachbarländern. Das hat sich geändert. Insbesondere zwischen Serbien und Kroatien tut sich einiges. Im Sommer 2009 haben beide Staaten ein Abkommen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit unterzeichnet, auch im Bereich der Verbrechensbekämpfung und sogar auf militärischer Ebene arbeitet man enger zusammen. Zudem gibt es in allen Ländern dort eine lebendige Szene von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), die sich mit den Kriegen und deren Folgen beschäftigen: aus Perspektive der Opfer, aus kultureller oder aus rechtlicher Sicht. Da gibt es ein sehr breites Spektrum. Und diese NGOs arbeiten auch untereinander sehr gut in der Aufarbeitung der Kriege zusammen, da sind sie den Regierungen oft weit voraus.

Zerstörtes Haus im kroatischen Padjene. (Rechte: Imago)

15 Jahre nach den Kriegen: Vergangenheitsbewältigung braucht Zeit

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PW: Wie blicken die Länder heute auf die Kriege zurück? Realistisch? Verklärt?

H.S.: Vergangenheitsbewältigung ist ein langfristiger Prozess. Im Moment sieht es so aus, dass alle Beteiligten der Überzeugung sind, dass sie nur getan haben, was sie tun mussten. Alle meinen, sie seien essenziell bedroht gewesen und hätten aus einer Art Notwehr heraus gehandelt. Ein Bewusstsein für selbst begangenes Unrecht existiert so gut wie gar nicht, auf keiner Seite. Es war schon ein großer Fortschritt, als das serbische Parlament im März 2010 eine Deklaration angenommen hat, in der das Massaker von Srebrenica verurteilt und Bedauern über das Verbrechen ausgesprochen wurde - auch wenn der Begriff "Völkermord" aus der Erklärung gestrichen wurde. Das sind kleine, aber wichtige Schritte. Aber man muss sehen, dass das im Nachkriegsdeutschland auch nicht anders war. Auch bei uns hat es eine Generation gedauert, bis die Verbrechen des Nationalsozialismus Eingang in die Köpfe der Bevölkerungsmehrheit gefunden haben.

Gebäude des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. (Rechte: Imago)

Haager Tribunal soll Völkermord und Kriegsverbrechen aufklären

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PW: Wie wird in diesem Zusammenhang der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag gesehen, der über Hundert Prozesse gegen Kriegsverbrecher aller beteiligten Parteien führte?

H.S.: Das lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Wird ein Angeklagter aus einer anderen Nation verurteilt, ist das in Ordnung. Wenn jemand aus dem eigenen Land verurteilt wird, wird das Haager Tribunal als politisches, also nicht unabhängiges Gericht gesehen.

PW: Im Westen wird meist Serbien die Hauptschuld für die Konflikte gegeben. Zu Recht?

H.S.: Man kann schon sagen, dass die serbische Politik der Ära Milošević ganz wesentlich zum Zerfall Jugoslawiens beigetragen und die Kriege der 1990er Jahre verursacht hat. Als das serbische Parlament 1989 die Verfassung änderte und die autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina entmachtete, geriet dadurch die innere Balance Jugoslawiens außer Kraft. Aber die Frage, wie und wann Jugoslawien letztendlich zerfallen ist, kann man schwer beantworten. Da spielten viele Faktoren eine Rolle. Auch Slowenien, das ja zu Beginn des Konfliktes der Hauptgegner Serbiens war, hat eine egoistische Politik betrieben. Sie waren davon überzeugt, dass sie ohne die wirtschaftlichen Leistungen, die sie zur innerjugoslawischen Entwicklung beitragen mussten, besser dastünden - was sich dann auch bestätigt hat. Andererseits: Welche Nation betreibt keine egoistische Politik?

Porträt des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman 1995. (Rechte: WDR/Meldepress)

"Tudjman hätte nicht anders als Milosevic gehandelt"

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PW: Wobei es einen Unterschied gibt zwischen der Wahrung der eigenen Interessen und übersteigertem Nationalismus.

H.S.: Natürlich, aber auch Nationalismus gibt es überall in der Region. Ich bin der Überzeugung, dass der damalige kroatische Präsident Franjo Tudjman nicht anders als Milosevic gehandelt hätte, hätte er dessen Machtmittel, wie zum Beispiel die ehemalige jugoslawische Armee, zur Verfügung gehabt.

PW: Wie stabil ist denn die Region, 15 Jahre nach dem Dayton-Abkommen und elf Jahre nach dem Ende des Kosovo-Krieges?

H.S.: Es gibt dort immer noch zwei prekäre Staaten, die eine enorme Herausforderung darstellen: Zum einen das Kosovo, wo Serbien und Kosovo einen pragmatischen Zugang finden müssen, um zumindest die Alltagsprobleme zu lösen. Das ist beiden Seiten auch klar, und ich denke, es könnte sich eine ähnliche Situation ergeben wie damals zwischen BRD und DDR: keine Anerkennung, aber zumindest eine vernünftige Kooperation in bestimmten Bereichen.

Und auch in Bosnien-Herzegowina ist es weiter sehr schwierig für die drei dort lebenden Nationen, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu verständigen. Besonders der serbische Teil des Landes liebäugelt immer mal wieder mit einer Abspaltung von Bosnien und dem Anschluss an Serbien. Falls das geschähe, wäre das katastrophal. Dadurch könnte die ganze Region noch einmal in Aufruhr geraten. Ich glaube aber: Wenn die EU die aktuellen Prozesse der Annäherung unterstützt, können in den nächsten Jahren die Voraussetzungen für eine dauerhafte Befriedung geschaffen werden. Weder die EU noch andere internationale Organisationen würden eine grundlegende Veränderung der aktuellen Grenzen akzeptieren.

Innenstadt mit Fluss der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. (Rechte: Mauritius)

Slowenien ist im Westen angekommen

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PW: Inwiefern haben die Staaten von ihrer erstrittenen Unabhängigkeit profitiert?

H.S.: Profitiert hat eigentlich nur Slowenien. Für alle anderen sieht die Bilanz mager aus. Es kann sein, dass Kroatien und Serbien auf mittlere Sicht profitieren, vor allem ein EU-Beitritt würde sich sehr positiv auswirken. Aber bisher sind die negativen Seiten größer als das, was man erreicht hat. Wirtschaftlich und sozial ist noch vieles im Argen, und auch die Flüchtlingsproblematik ist vielerorts immer noch nicht gelöst. Und, nicht zu vergessen: die vielen traumatisierten Menschen in der Region. Was kann getan werden, um denen zu helfen? Da gibt es noch einen enormen Rückstand aufzuholen.

Ingo Neumayer, Stand vom 07.06.2010
Sendung: Ex-Jugoslawien, 13.12.2010

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